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S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Google ist wie ein gekränkter Schimpanse

Eine Kolumne von

Wer versteht Google noch? Das soziale Netzwerk Google+ kennen viele der angeblichen Nutzer wahrscheinlich nur vom Hörensagen, beliebte Dienste werden dafür dichtgemacht. Eine Erklärung für das sonderbare Verhalten liefert Brehms Tierleben.

Der Zoologe Alfred Brehm schuf ab 1860 das Standardwerk "Brehms Tierleben", das durch die vermenschlichende Beschreibung des Verhaltens der Tiere auffiel. Schimpansen gehörten für Brehm zu den interessantesten Tieren. Ab 1870 ging er in Berlin eine Art Wohngemeinschaft mit ihnen ein, er nahm sie sogar mit ins Café. Seine Beschreibung des Schimpansen-Charakters liest sich so:

"Er ist rege und tätig ohne Unterlass, vom frühen Morgen bis zum späten Abend, sucht sich ununterbrochen mit irgendetwas zu beschäftigen."

Google ist "tätig ohne Unterlass", wenn es um neue Beschäftigungsmöglichkeiten geht. Über 200 verschiedene Einträge umfasst eine Auflistung der unterschiedlichen Projekte und Produkte des Konzerns. Spätestens, seit Google im Jahr 2005 einen Nettoertrag von 1.456.397.000 Dollar bekanntgab, hat der Netzkonzern das Luxusproblem Geldüberfluss. Für die Experimentierlust der Nerd-Ingenieure bei Google entpuppte sich dieses Problem als Chance.

"Er hat witzige Einfälle [...] Ein Gegenstand, welcher seine Aufmerksamkeit erregt, gewinnt an Wert für ihn, wenn er gelernt hat, ihn zu benutzen."

Das Unternehmen förderte Hunderte Projekte seiner Mitarbeiter, aus manchen wurden ganze Geschäftszweige. Dass Google zu einem der beliebtesten Arbeitgeber wurde, lag auch an diesem progressiven Umgang mit Ideen. Google hat davon auch wirtschaftlich profitiert. Wenn es eine ökonomische Grundregel der digitalen Vernetzung gibt, dann lautet sie: Es ist einfacher, im Internet erfolgreich zu werden, als im Internet erfolgreich zu bleiben. Erfolg im Netz verdammt zu erneutem Erfolg im Netz. 2009 geschahen unabhängig voneinander zwei Dinge:

  • Zum einen stagnierte der Ertrag von Google, der Markt schien ausgeschöpft. Trotz aller Neuentwicklungen blieb Google ein wirtschaftliches One-Trick-Pony: Über 95 Prozent der Umsätze erwirtschaftet Google mit Werbung.
  • Zum anderen schuf Facebook das soziale Internet. 2009 gelang der endgültige Durchbruch: Eine Viertelmilliarde Nutzer verlagerte einen Teil ihres Soziallebens ins Internet.

Nutzerfeindlich, starr und unnachgiebig

Der Erfolg von Googles Anzeigenmaschinerie lässt sich verdichten auf ein einziges Wort: Kontext. Die Werbeintelligenz besteht darin, die Textanzeigen automatisch, aber präzise dem Kontext der Suchanfrage oder der ausliefernden Seite anzupassen. Aber Kontext ist ein extrem nutzerabhängiges Tierchen, die Bedeutung eines hingeworfenen Suchbegriffs kann sich von Person zu Person stark unterscheiden. Kontext ist sozial. Deshalb empfand Google den Erfolg von Facebook als Bedrohung.

"Allerdings ahmt der Schimpanse nach [...] mit Verständnis und Urteil."

Im Verlauf des Jahres 2009 zimmerte Google so ingenieurhaft wie eilig ein eigenes Social Network zusammen, das im Februar 2010 gelauncht wurde: Google Buzz. Der eigentlich fulminante Start - in den ersten beiden Tagen über neun Millionen Postings - wurde von Pannen überschattet. Später musste Google deshalb eine Millionenstrafe zahlen. Auf der IFA im Herbst 2010 wurde der damalige Google-Boss Eric Schmidt gefragt, ob er ein Problem damit habe, dass Buzz sich zu einer Art Facebook für Hardcore-Nerds entwickle. Er antwortete: "Das ist völlig okay. Wir sind schließlich selbst Hardcore-Nerds."

Für normale Nutzer erwies sich Buzz als untauglich. Das Social-Media-Blog Mashable bezeichnete die Plattform als Flop des Jahres 2010. Wahrscheinlich war dieser Misserfolg ein Mitgrund für den Januar 2011 bekanntgegebenen Rücktritt von Eric Schmidt. Larry Page übernahm und erklärte umgehend ein eigenes soziales Netzwerk zur höchsten Priorität, ein "soziales Rückgrat aller Google-Produkte". Im Juni 2011 wurde Google+ gelauncht.

[Eine westafrikanische Überlieferung besagt, dass Schimpansen früher Menschen gewesen seien], "wegen ihrer schlechten Gewohnheiten aber aus aller menschlichen Gesellschaft verstoßen und infolge hartnäckigen Beharrens bei ihren gemeinen Neigungen allmählich auf den gegenwärtigen Zustand herabgesunken wären."

Auch Google+ hatte einen grandiosen Start. Aber Google versagte erneut. Nutzerfeindlich, starr und unnachgiebig verhielt sich der Konzern etwa in der Frage der anonymen Nutzung, ein geradezu "hartnäckiges Beharren". Sehnlich erwartete Instrumente wie die Möglichkeit, Inhalte über andere Netzwerke einzuspeisen, kamen und kamen nicht. Die anfängliche Euphorie der weltweiten Tech-Szene über die sauber gestaltete Konkurrenz zu Facebook erkaltete zusehends.

"Wohlwollen erwidert er durch die gleiche Gesinnung, Übelwollen womöglich in eben derselben Weise."

Wie viele Nutzer von Google+ kennen Google+ überhaupt?

Google begann zu tricksen. Neue Registrierungen bei Google-Produkten wie GMail oder YouTube schlossen automatisch Google-Plus-Accounts ein. Seit Anfang 2012 wurde auf jedem Android-Smartphone Google+ zwangsinstalliert. Ohne Löschmöglichkeit. Android-Handys fragen bei der Einrichtung, ob man nicht alle Fotos automatisch in der Cloud speichern will. Im Fotostream von Google+. Wie viele Nutzer von Google+ wissen, dass sie Nutzer von Google+ sind?

"Er ist listig, sogar verschmitzt, eigenwillig [...] Er verlangt, was ihm zukommt."

Für den Januar 2012 fand die Webvermessungsfirma Comscore heraus, dass ein Google+-Nutzer dort im Schnitt 3,3 Minuten verweilte. Auf Facebook dagegen siebeneinhalb Stunden. Im Dezember 2012 erklärte Google+-Chef Vic Gundotra, das Netzwerk sei das bis dahin am schnellsten wachsende Social Network. Wenn man auf Google nach Unternehmen oder Prominenten wie Paris Hilton sucht, wird das Profil auf Google+ sehr offensiv mit großem Foto präsentiert: Klick, ein Besucher auf der Plattform.

"Bei Kränkungen gebärdet er sich wie ein Verzweifelter, wirft sich mit dem Rücken auf den Boden, verzerrt sein Gesicht, schlägt mit Händen und Füßen um sich, kreischt und rauft sich sein Haar."

Im März 2013 gab der Konzern bekannt, eine sehr beliebte soziale Leseplattform für Nachrichten, den Google Reader zu schließen. Man müsse sich auf das Wesentliche konzentrieren. Dieser Reader war in totalitären Staaten eine der letzten Möglichkeiten, an unzensierte Informationen zu gelangen. Der treffendste, sarkastischste Kommentar gelang dem Bookmark-Dienst Pinboard auf Twitter: "Wir müssen fokussieren. Wir entwickeln die selbstfahrenden Autos, die magische Brille, den Laptop, das mobile Betriebssystem und das brasilianische Social Network weiter. Den Reader schließen wir."

Google verhält sich wie ein beleidigter Affe

Google "wirft sich auf den Boden" und "schlägt um sich". Der Reader hatte soziale Kernfunktionen, mit "verzerrtem Gesicht" lässt sich darin eine Konkurrenz zu Google+ erkennen. Offenbar brachte der Reader vielen Seiten noch immer wesentlich mehr Traffic. Google ist "gekränkt" und "gebärdet sich verzweifelt", das ist der Schlüssel zum Verständnis seiner zunehmend irrational erscheinenden Handlungen. An mangelndem wirtschaftlichem Erfolg liegt es nicht, seit Larry Pages Übernahme steigen Umsatz und Gewinn.

Vermutlich hält es Google für eine Kränkung, dass nicht alle Menschen auf der Welt die Segnungen des Konzerns begeistert tänzelnd begrüßen, es ist die soziale Urkränkung des Hardcore-Nerds, der sich unverstanden fühlt. Google entfernt Apps, die Werbung ausblenden, führt eine Bildersuche ein, die selbst von wohlwollenden Nutzern als Katastrophe betrachtet wird, denkt sich immer neue Taschenspielertricks aus, um Google+ aufzupusten und schließt erfolgreiche Dienste aus Trotz - aber ohne das geringste Gespür für die Wirkung bei den Nutzern. Das Vertrauen in soziale Google-Dienste ist praktisch auf null gefallen. Wer vertraut einem launischen, unberechenbaren Konzern guten Gewissens seine Daten an? Ein Riesenunternehmen, das doch nur Gutes tun will, don't be evil, verhält sich wie ein beleidigter Affe.

"Man kann nicht sagen, dass die Schimpansen gesellig leben", zitiert Alfred Brehm einen Afrikareisenden.

tl;dr

Wer Googles zunehmend irrational erscheinende Aktionen nicht versteht, findet vielleicht in Brehms Tierleben eine Erklärung.

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Kolumne - Die Mensch-Maschine
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Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 48 Beiträge
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1. optional
gbk666 19.03.2013
Google verhält sich lediglich wie ein Unternehmen das nur auf Gewinn aus ist. Sie glaubten doch nicht wirklich Google sei nett und verschenkt etwas wenn es nicht profitabel ist?
2. Selten klar und präzise Herr Sascha Lobo Brehm.
vollwertkost 19.03.2013
Sie haben hiermit eine wohl sehr spezielle Grundlage für Ihre Promotion in SozioNerdZoologie gefunden. Respekt, weiter so ;-)
3. Einen Unterschied gibt es doch
michaelkaloff 19.03.2013
bei Schimpansen klappt es mit der Geselligkeit denn doch sehr gut :-)
4. Nach den letzten....
shardan 19.03.2013
... verzweifelten Rundumschlägen ist Android mit seiner versuchten Zwangsvergesellschaftung mit Google und allen möglichen Google-Diensten für mich erstmal passé. Eigentlich wäre mittlerweile mal ein Tablet dran - aber auf derartig unberechenbare Anbieter möchte ich nicht bauen. Also warten auf Ubuntu für Smartphones oder andere Alternativen.... Sod ringend sind Luxusgüter wie Tablets, Smartphones etc ja nun auch wieder nicht, ehrlich betrachtet.
5. tldr
sven helmberger 19.03.2013
@SaschaLobo Das tldr ist dir diesmal missglückt. Es erklärt eben nicht deine im Teaser bereits ausgebreitete Brehms-Tierleben-Metapher.
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Sascha Lobo

Facebook

Was bedeutet tl;dr?
In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internetabkürzung für "too long; didn't read".


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