S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Jammern hilft nicht gegen Netz-Sheriffs

Eine Kolumne von Sascha Lobo

Wie gefährlich ist die wachsende Macht von Google, Apple, Facebook und Amazon? Mit schöner Regelmäßigkeit erscheinen Besorgnis-Artikel über die großen vier des Netzes - in der Regel ohne Alternativvorschläge. Hier ist einer: Wir brauchen eine nichtkommerzielle digitale Öffentlichkeit.

Steve Jobs pflegte ein für Weltkonzernchefs ungewöhnliches Hobby. Er beantwortete E-Mails. Und zwar einen winzigen Bruchteil derjenigen E-Mails, die an die bekannte Adresse sjobs@apple.com gesendet worden waren. Typische Antworten lauteten im Volltext zitiert "No" oder "Yep", es war auch mal eine Entschuldigung für einen Software-Fehler dabei. Im Mai 2010 geriet Jobs mit einem Blogger ins E-Mail-wechseln. Anlass war die vorwurfsvolle Frage, was das iPad mit einer "Revolution" (so Apples Eigenwerbung) zu tun habe, schließlich ginge es in Revolutionen um Freiheit.

Eigentlich eine spitzfindige Frage, denn in der irrationalen, sich aber für rational haltenden Welt der digitalen Hochtechnologie wird jeder neuerdings über Kreuz verlötete Metallzipfel als nie dagewesene Revolution vermarktet. Die Antwort von Steve Jobs: Bei Apples Revolution des Post-PC-Zeitalters gehe es natürlich um Freiheit. Und zwar die Freiheit von Schadprogrammen und von Pornografie.

Diese Verwendung des Begriffs Freiheit (der Hund ist frei von Flöhen) hat ein recht bekanntes literarisches Vorbild. In George Orwells Roman 1984 werden in Form des Konzepts Neusprech die Regeln der Sprache auf genau diese Weise neu festgelegt. Da scheint eine Haltung in Jobs' Antwort durch, über die man sich Sorgen machen könnte.

Wo sich Sorgen gemacht werden können, ist der Publizist nicht weit entfernt, und so findet sich dieser Jobssche Anklang des Digitaldiktatoren regelmäßig in der Presse wieder. Wie bei Orwell reicht es beim großen Wurf nicht aus, nur ein Regime zu betrachten, in 1984 beherrschen Ozeanien, Eurasien und Ostasien die Welt, die drei Diktaturen hassen und brauchen einander und unterdrücken ansonsten ganztägig.

Neutral = weiß?

In der heutigen digitalen Sphäre werden vier Regimes kritisiert: Google, Apple, Facebook und Amazon, oder kurz: GAFA. Der SPIEGEL druckte sie im Dezember 2011 auf das Cover und nannte sie "die fanatischen Vier", "die wichtigsten Konzerne der Gegenwart". Anfang August 2012 zog "Zeit" nach, die aktuelle Titelgeschichte ist überschrieben mit "Vier Sheriffs zensieren die Welt". Die politischen Verfehlungen und problematischen Eingriffe der Konzerne werden aufgezählt, es wird resümiert: "Das Internet war mal ein Ort der Freiheit". Der Grund für diesen Freiheitsverlust wird auch genannt. Wo die 68er sich noch effektiv auflehnten, geht der "großen Mehrheit der digital natives und digital immigrants […] schnell die Puste aus, oder sie bleibt gleich ruhig".

Leider wird im Text Googles Personalisierung beinahe gleichgestellt mit echter Zensur und das daraus resultierende Problem kausal recht mutig hergeleitet: Die Suchergebnisse seien "nicht immer so neutral, wie es das schlichte Weiß der Internetseite suggeriert". Einer der Autoren des Artikels, Götz Hamann, hatte 2011 gemeinsam mit Thomas Fischermann das Buch "Zeitbombe Internet" veröffentlicht, dessen Titel den Alarmismus der Internetdebatte gut zusammenfasst.

Die Kritik an Apple, Google, Facebook und Amazon ließe sich allerdings auch andersherum betrachten: Angesichts ihrer jeweiligen marktbeherrschenden Stellungen, ihrer nie gesehenen Eindringtiefe in den Alltag, scheinen sie bei aller notwendigen und berechtigten Kritik im Großen und Ganzen gar nicht so katastrophal zu agieren. Ein schnelles Gedankenexperiment: Was wäre wohl geschehen, wenn MySpace dort wäre, wo Facebook heute ist, wenn der moralamputierte Rupert Murdoch ein Quasimonopol für digitale Sozialbeziehungen hätte?

Ein wegweisendes Modell ist die Stiftung Mozilla Foundation

Tatsächlich ist die in der "Zeit" geäußerte Kritik in den meisten beschriebenen (und vermutlich Tausenden weiteren) Fällen legitim und sinnvoll. Die etwas unangenehme Zuspitzung in der Überschrift kann als Stilmittel gelten, publizistische Übertreibung ist ja nicht neu, sondern wurde vor mehr als 9000 Jahren erfunden und geschieht jeden Tag tausend Milliarden Mal. Aber der innerste Kern der Klage über die vier Reiter der digitalen Apokalypse bleibt im "Zeit"-Artikel unterbeleuchtet. Nur ganz am Ende, vier Sätze vor dem Schluss, steht: "Als Korrektiv wirkt normalerweise der Wettbewerb, aber den gibt es kaum noch." Dieser Satz sollte der Ausgangspunkt dieser Debatte um das Netz sein. Die digitale Sphäre wird in den 10er Jahren zum überwiegenden Teil von Quasimonopolen geprägt, der entscheidende Aspekt ist die digitale Alternativlosigkeit. Die Frage dahinter ist bezeichnenderweise exakt dieselbe wie beim Finanzkapitalismus: Was tun, wenn der Markt es eben nicht regelt? Oder jedenfalls nicht so, wie es für eine freie und offene Gesellschaft sinnvoll wäre?

Für den zukünftigen Umgang mit digitalen, gesellschaftsprägenden Quasimonopolen gibt es nur zwei Verfahrensweisen. Der erste ist die politische Regulierung. Das ist der bisher eingeschlagene Weg, begründet im Hausmeisterprinzip: "Haben wir schon immer so gemacht". Er ist bequem, aber hat den Nachteil, dass die Politik aufgrund der hohen Entwicklungsgeschwindigkeit der digitalen Sphäre immer nur hinterher arbeiten kann und ständig versuchen muss, längst in den Brunnen gefallene Kinder wiederzubeleben. Der zweite Ausweg wäre die Schaffung von Alternativen. Damit ist eher nicht ein Staatsfacebook gemeint, staatliche IT-Projekte neigen zur Schönefeldisierung. Aber am Horizont zeichnen sich neue, effektivere Wege ab. Ein wegweisendes Modell ist die Stiftung Mozilla Foundation. Deren Browser Firefox hat die Art verändert, wie und vor allem womit das Netz wahrgenommen wird.

Solche Ansätze einer digitalen Allmende sind nicht neu, der Architekt Sönke Bode-Kirchhoff forderte im Technologieblog netzwertig.com ein "Wikipedia für das Miteinander", eine Art nichtkommerzielles Metafacebook. Frank Schirrmacher schlug 2011 "eine europäische, nicht privatwirtschaftliche Suchmaschine" vor, "die keiner politischen oder ökonomischen Kontrolle unterliegt". Sie müsste allerdings, anders als das europäische Suchdebakel Quaero, tatsächlich unabhängig sein, etwa mit einer Stiftung als Träger.

Im Juli 2012 wurden Details der Strategie bekannt, mit der die Mozilla Foundation ihr Portfolio in Richtung Social Networks erweitern möchte. Das eigentliche Versäumnis der Internetdebatte über die vier vermeintlichen Digitalregimes ist weniger der netzbesorgte Tonfall. Sondern, dass sie sich meist auf die bloße Kritik beschränkt.

Unendlich viel wichtiger als die nächste stirnfaltige Beschwerde über GAFA wäre es, die Schaffung einer nichtkommerziellen digitalen Öffentlichkeit auf die politische Agenda zu setzen, einer digitalen Öffentlichkeit, die nicht den Regeln der Börsen, sondern denen der Öffentlichkeit selbst unterliegt. Leitmediale Titelgeschichten sollen sich für dieses Agendasetting angeblich gut eignen. Steve Jobs hat seine iRevolutionen jedenfalls häufiger auf diese Art verkünden lassen.

tl;dr

Zur Beschwerde über GAFA sollte die Forderung nach Alternativen gehören. Hoch den weltverbessernden Forderungsjournalismus!

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insgesamt 27 Beiträge
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1. Verdammt, jetzt ist es doch passiert ...
flodder 07.08.2012
und ich finde einen Beitrag von Sascha Lobo lesenswert. Was hat in dieser Welt eigentlich noch Bestand?
2. Jammern hilft nicht
ddwhv 07.08.2012
Und was ist mit dme Usenet? WIMRE ist es nicht kommerziell und von den GAFA völlig unabhängig.
3. Dumm und frei
herr minister 07.08.2012
Es gibt sie ja, diese völlig freien und anonymen Dienste und auch Seiten. Das Problem ist, dass die alle binnen Kürze zu Hass- und Pornoecken verkümmern. Wir leben in einer Zeit, wo die technische Entwicklung der des Menschen weit voraus ist. Für die völlige Freiheit, ich sag´s nicht gerne, sind die meisten Menschen einfach zu blöde.
4.
mr.ious 07.08.2012
Zitat von flodderund ich finde einen Beitrag von Sascha Lobo lesenswert. Was hat in dieser Welt eigentlich noch Bestand?
Jetzt ist es wirklich passiert. Was fordert Sacha Lobo denn da, soll das so eine Art realsozialistisches Tefonnetz werden ? Da könnte man sich ja mal informieren, wie es da so mit echten "Netz-Scheriffs" aussah, die ihren "Kunden" die gelungene Quadratur des Kreises nahe brachten, oder wie auch immer man das nennen soll. So ähnlich sieht's doch aus. Nur, was haben die genannten Firmen damit zu tun ? Da wird doch nur wiedermal, und mir scheint sogar völlig absichtlich, Web mit Net, also "Netz" fälschlich gleich gesetzt. Aber mit den "nichtkkommerziellen" Eigenschaften hat's ja facebook von sich aus auch schon, leicht gehässig beschrieben, oder anders gesagt, die Sache mit dem Kommerz ist dabei nicht jedem nachvollziehbar. ;) Aktien , Kurse, Kursdaten - MSN Money (http://de.moneycentral.msn.com/investor/charts/chartdl.aspx?symbol=DE%3aA1JWVX&ShowChtBt=Refresh+Chart&DateRangeForm=1&C5=3&C7=3&C9=2&ComparisonsForm=1&CE=0&DisplayForm=1&D4=1&D5=0&D3=0&ViewType=0&CP=0&PT=6)
5. Das Herr Lobo Recht hat beweisen aktuell die beiden
vince1492 07.08.2012
Unter Zuhilfenahme der gespeicherten Daten bei Apple und Amazon haben Hacker die kompletten Daten eines amerikanischen Wired Journalisten löschen sowie sich seines digitalen Lebens bevollmächtigen können: Auf Heise (mit Update von heute): http://www.heise.de/newsticker/meldung/Bericht-Apple-Support-ermoeglichte-iCloud-Account-Uebernahme-1660767.html?view=print Auf Wired (vom Betroffenen selbst) http://www.wired.com/gadgetlab/2012/08/apple-amazon-mat-honan-hacking/all/ Nun könnte man dem Journalisten vorwerfen, was er selbst bemängelt: er hätte seine Schutzmaßnahmen zu niedrig gehalten. Aber: da beißt sich die GAFA selbst in den Schwanz, denn die GAFA Konzerne wenden sich an Otto Normalverbraucher (die 99prozentige abhängige digitale Öffentlichkeit) und nicht an den 1 Prozent Techniknerds. Und aus Erfahrung (15 Jahre Apple-Administrator) weiß ich, daß sich meisten User sich auf die Werbung (und nicht die AGBs, die selbst durch Profis schwer zu erfüllen sind) und die dadurch suggerierte Sicherheit der GAFAs verlassen.
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Sascha Lobo
Was bedeutet tl;dr?
In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internetabkürzung für "too long; didn't read".

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