Provokation statt Diskussion Die Vertrollung der Konservativen

Viel zu leicht verfällt man im sozialen Netz der Versuchung, Likes als Bestätigung des eigenen Handelns zu werten. Wer diesen Irrtum nicht begreift, droht, zum gemeinen Internettroll zu werden.

"Gefällt-mir-Button" auf Facebook (Symbolbild)
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"Gefällt-mir-Button" auf Facebook (Symbolbild)

Eine Kolumne von


Meine These: Einem Teil der Konservativen bekommt das Internet nicht. Es bekommt ja ohnehin vielen Leuten nicht besonders gut, natürlich auch linken und progressiven Kräften. Die absurden Wendungen der Maaßen-Debatte haben erneut gezeigt, dass gerade konservative Vordenker, Lautsprecher, Intellektuelle besonders gefährdet scheinen. Die Folge ist:

Die Vertrollung der Konservativen.

Trolle, im Netz seit Jahrzehnten bekannt, sind Leute, die vor allem provozieren wollen. Die zwar aus der Empörung Energie ziehen, die zugleich aber Applaus heischend Gleichgesinnte anlocken wollen. Trolle sind deshalb nicht an Diskussion interessiert, sondern an Frontenbildung.

Natürlich betrifft die Vertrollung nicht alle konservativen Publizisten, wahrscheinlich nicht einmal die Mehrheit. Aber die Zahl und die Lautstärke derjenigen, die die schiere Lust an der Provokation als allerwichtigsten Maßstab betrachten, nimmt stark zu. Drei Muster der konservativen Vertrollung habe ich beobachtet:

  • Altmännerhumor
  • Bigotterie
  • Diskussionsverhinderung

Dieses Arsenal dient zugleich der Selbstvergewisserung der eigenen Klientel und der verlässlichen Provokation aller anderen. Interessanterweise auch ernsthafter Konservativer. Meine persönliche Beobachtung ist, dass ich als linksliberal-demokratischer Verfassungspatriot mit ernsthaften Konservativen sehr viel besser diskutieren kann als ernsthafte Konservative mit ihren Trollbrüdern.

Der Logik-Lappen des Großhirns

Die trollend angewandte Bigotterie war 2018 bisher nirgendwo besser erkennbar als beim Fall Maaßen. Als die Öffentlichkeit samt Kanzlerin nach Chemnitz von einer "Hetzjagd" auf Nichtweiße sprach, wurden definitorische Proseminare abgehalten, weshalb man allenfalls von "Jagdszenen" sprechen dürfe. Wenn überhaupt. Exakt die Hetzjagd-Relativierer sprachen dann aber von einer "Treibjagd" auf Maaßen, weil der ehemalige Verfassungsschützer und jetzige Seehöfling aufgrund eigener Handlungen heftig kritisiert wurde. Eine Jagd ist keine Jagd, aber Kritik ist eine Jagd. Dass solche Verbiegungen nicht zu cerebralen Implosionen führen, deute ich als Zeichen einer Trollhornhaut auf dem Logik-Lappen des Großhirns.

Das Sahnehäubchen der Trollerei zu Maaßen und Chemnitz hat sich der Dresdner Politologe Werner Patzelt in Form einer Narrenkappe aufgesetzt. Er behauptete , das Video, das zu Maaßens Versetzung führte, habe keine Hetzjagd, sondern "Nacheileverhalten" gezeigt. Nacheileverhalten. Wenn man so anfängt, ist der Weg nicht mehr weit, Brandanschläge "Aufwärmverhalten" zu nennen.

Sprachliche Präzision wird nur dort eingefordert, wo sie der eigenen Haltung entgegenkommt. Sonst wird die Political-Correctness-Keule ausgepackt. Doppelstandards ist ein zu harmloses Wort dafür, das grenzt an gezielte Realitätsverweigerung. In jedem Fall handelt es sich um eine gezielte Verhinderung der Diskussion. Aber wenn es eine zwingende Konsequenz der Ära Trump geben muss, dann ist es, Redlichkeit als politisches Kriterium zu betrachten.

Die Macht der Like-Nadel

Ich glaube, dass - neben persönlichen und politischen Verwerfungen - die sozialen Medien einen Teil der konservativen Publizisten in die Trollerei regelrecht hineingesogen haben. Es gibt ja tatsächlich einen Sog, wenn man die ungeheure Wucht des unmittelbaren Feedbacks in Echtzeit spürt.

Auch aus eigenem Erleben kenne ich die Macht der Like-Nadel. Wie die Reaktionen des Publikums als Bestätigung und Bestärkung des Weges verstanden wird. Wie man sich deshalb hinreißen lässt zu einem Social-Media-Populismus. Wie man sich auch total abseitige Kommentare schönzureden versucht, wenn sie bloß unterstützend daherkommen.

Man darf sich, auch das habe ich glücklicherweise gelernt, diesem Sog nicht mit Haut und Haaren ausliefern. Das schafft man aber nur, wenn man die Mechanismen der sozialen Medien begreift. Sonst geht man Facebooks technischer Erzählung auf den Leim, dass ein "Like" eine substantielle Form der Unterstützung sei. Das ist er nicht. Ein Like ist in den meisten Fällen ein situatives, digitales Gemeinschaftsgrunzen, dessen Bedeutung an der Grenze zum Nichts entlangtänzelt.

Die Meinungsmelkmaschine Facebook hat es in brillanter Weise geschafft, dass man in das Like-Grunzen ein ganzes Zustimmungsuniversum hineininterpretiert, in dem vom Mitleids-Like über den Aha-Like bis zum Hallöchen-Like ein riesiger inhaltlicher Fächer vorhanden ist. Wenn man den Absprung nicht schafft, treibt die generalempörte Masse das publizistische Schaffen in immer neue Tiefen der Zuspitzung. Dann hält man 30.000 Likes erst für ein Argument (falsch), dann für eine "Mehrheit" (falscher), irgendwann sogar für "die Mehrheit" (am falschesten). Man beginnt, immer schrillere Erwartungen zu erfüllen, um dem Publikum grunzfähige Inhalte zu liefern.

Das Ergebnis ist die Vertrollung. Konservative, die zuvor von "Vernunft" und "Mäßigung" schwärmten, sind in der Folge überraschend bereit, Leuten nach dem Mund zu reden, die "Merkeldiktatur" kreischen. Horst Seehofer dürfte nach anderthalb Wochen Twitter noch nicht direkt betroffen sein - aber mit Sicherheit fühlt er sich durch die gleißende Vertrollung der Konservativen ermutigt, selbst zu trollen. Siehe die Maaßen-Beförderung. Ich ahne, dass echte Konservative unter diesem öffentlichen Verschwimmen zwischen Konservatismus und rechter Getösefraktion heftig leiden. Deutscher Konservatismus schimmerte immer leicht eliten- und dünkelorientiert, und wenn Vertrollung eines nicht ist, dann ein Zeichen sozialer Überlegenheit.

Wo es nur noch um Gruppenzugehörigkeit geht

Im Gegenteil halte ich die Vertrollung der Konservativen für einen Ausdruck von Schwäche. Eigentlich gehört es zu den besten konservativen Eigenschaften, unangenehme Wahrheiten auszuhalten. Linke versagen dabei regelmäßig. Die Vertrollung aber ist ein klares Ausweichverhalten, um sich nicht mit der unerfreulichen Realität auseinanderzusetzen.

Man möchte dann lieber nicht Maaßens lange Liste von Anzeichen der Extremistenverharmlosung, der Unwahrheiten, der NSU-Fragwürdigkeiten bis hin zur Verschwörungstheorie zur Kenntnis nehmen. Stattdessen adoptiert man die rechte Erzählung, Maaßen habe "in Wahrheit" gehen müssen, weil er Merkel kritisiert habe. So verhindert man eine Debatte, denn eine solche Behauptung ist nicht mit den Mitteln der öffentlichen Diskussion widerlegbar oder beweisbar. Auf diese Weise werden Argumente irrelevant. Es geht dann nur noch um glauben oder nicht glauben, um dafür oder dagegen.

Und genau das ist leider der Schlüssel zum Verständnis der Vertrollung konservativer Publizisten mithilfe sozialer Medien. Der Like-Sog, dem die Vertrollten so bereitwillig folgen, entsteht nicht aus Zufall, er ist Ausdruck eines sehr viel größeren Problems: der Wiederkehr des Tribalismus als digitaler Tribalismus. Wo es nicht mehr um Wahrheit oder Angemessenheit geht - sondern nur noch um Gruppenzugehörigkeit. Wo also Selbstähnlichkeit zum moralischen Kriterium wird. Wo ein dauerbedrohtes Wir konstruiert wird, das sich im ständigen Kampf gegen ungefähr alles befindet. Was man eben nur noch mit den Mitteln des Höhö-Humors, der Realitätsverleugung und der Bigotterie ertragen kann. Das Internet bekommt vielen Menschen wirklich nicht besonders gut.

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insgesamt 161 Beiträge
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Seite 1
rumpyho 19.09.2018
1. Warum ?
Warum müssen links-liberale und scheinbar weltoffene Menschen wie du Begriffe wie Altmännerhumor erfinden und verwenden. Sind alte Männer etwas schlechtes ? Wenn du, wie anscheinend viele Gesinnungsgenossen, dies bejahst, dann habe ich schlechte Nachrichten für dich ... du wirst auch älter.
Omniscienz 19.09.2018
2. Richtig, *aber*
ich erinnere mich an die Debatte nach der kölner Silvesternacht 2016. Damals war es "uns" eher Linken doch auch wichtig, die Geschehnisse sprachlich korrekt zu benennen. Amüsanterweise zeigt der Artikel gerade dadurch, dass er das tut, was "den Konservativen" in Selbigem vorgeworfen wird, dass ihm zugestimmt werden muss: "Sprachliche Präzision wird nur dort eingefordert, wo sie der eigenen Haltung entgegenkommt."
ratio_legis 19.09.2018
3. Zweifelhaft
Soso, an einer Diskussion nicht interessiert. Kann es sein, dass es sich Lobo hier auch nur einfach macht, weil ihm die Anzahl der Follower oder der Likes unter vielen Videos, etwa auf Youtube nicht schmecken? Sollen so User, zumal solche, die er persönlich gar nicht kennt, pauschal kritisiert werden, nur weil sie vielleicht Statements positiv bewerten, die Herr Lobo nicht teilt? Und ist eine solche Abstimmung nicht ähnlich dem Voting bei BTW? Oder gehen die Leute in die Kabine um zu diskutieren? Ich habe Herrn Lobo jedenfalls schon mehrfach über die Feedback-Funktion geschrieben, und nie eine Antwort erhalten.
im_ernst_56 19.09.2018
4. Alte Männer
Zitat von rumpyhoWarum müssen links-liberale und scheinbar weltoffene Menschen wie du Begriffe wie Altmännerhumor erfinden und verwenden. Sind alte Männer etwas schlechtes ? Wenn du, wie anscheinend viele Gesinnungsgenossen, dies bejahst, dann habe ich schlechte Nachrichten für dich ... du wirst auch älter.
Stimmt nicht. Sascha Lobo ist auch mit 70 noch eine coole Socke. Dafür sorgt seine Frisur, das Internet und seine links-liberale Weltanschauung.
Sonia 19.09.2018
5. Trollend angwandte Bigotterie?
Wenn ich Richter in einem Verfahren hätte entscheiden müssen: Hetzjagd oder ein Nachsetzen, wäre der Autor dieses Artikels ziemlich verwundert, was der Richter-Troll entschieden hätte u. nich mehr, wenn die Verteidigung des einer Hetzjagd Bezichtigten den Nachweis gefordert hätte, dass dieses Video kein gestelltes ist, sondern eine wahre Situation darstellt. Das nennt man: Rechtsstaat, Herr Lobo. Alles Abscheuliche, was in Chemnitz passierte hat eine politische Seite u. eine justitzjable. Medien u. Schwätzer nahmen sich aber heraus, eine rechtliche Bewertung vorzunehmen, die einzig u. allein nur der Richter vornehmen darf. Trolle sind im Übrigen ganz entzückende Tierchen, drollig anzusehen. Schade, dass sie mißbraucht werden, wenn irgend jemand ein Problem mit unserer Meinungsfreiheit hat. Klingt aber letztlich noch besser als Nazi.
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