Mark Zuckerberg im Kongress Facebook, die erste vernetzte Gefühlsmaschine

Facebook ist kein soziales Netzwerk, keine Werbeplattform und erst recht keine Community - sondern etwas ganz Neues. Wer es klug regulieren will, muss sogar einige Grundrechte updaten.

Pappkamerad Zuckerberg bei einer Demo vor dem US-Kongress
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Pappkamerad Zuckerberg bei einer Demo vor dem US-Kongress

Eine Kolumne von


Mark Zuckerberg wurde soeben anlässlich des Falls "Cambridge Analytica" vom amerikanischen Senat befragt, und die Mitschrift ist ein Blick in die gegenwärtig von Absurdität und Bigotterie geprägte amerikanische Politik. Republikanische Senatoren gaben sich besorgt um "Hate Speech in sozialen Medien", während der republikanische Präsident der erste Hate-Speaker des Planeten ist. Und der Ex-Präsidentschaftskandidat Ted Cruz zementierte jammernd die Opferrolle seiner Republikaner - also der Partei, die den Präsidenten stellt und beide Parlamentskammern dominiert. Der mit weitem Abstand absurdeste Moment aber war, als Zuckerberg in seiner Antwort auf Cruz ernsthaft erklärte, das Silicon Valley sei "ein extrem linker Ort". Allein darüber ließen sich Dutzende Doktorarbeiten verfassen.

Die Fragen und Antworten im Zusammenspiel offenbarten aber auch das derzeit gefährlichste Missverständnis der digitalen Gesellschaft: dass Soziale Medien aus herkömmlichen politischen und technischen Perspektiven verstanden und reguliert werden könnten. Facebook sei eine Community von zwei Milliarden Menschen, sagte Mark Zuckerberg. Die Technosoziologin Zeynep Tufecki sieht genau in dieser Formulierung den Kern des Problems: Das Unwissen darüber, was "community" eigentlich ist, weil es eine Community von zwei Milliarden Menschen per Definition gar nicht geben könne.

Das hört sich an wie absurde Ironie: Facebook hat keine Ahnung von Communitys. Aber es scheint nicht nur wahr, sondern maßgeblich mitverantwortlich zu sein für den Skandal, für die Krise von Facebook.

Facebook ist kein soziales Netzwerk, keine Werbeplattform, keine Community. Facebook ist etwas völlig Neues, bisher nicht Existierendes, wofür ich einen Begriff vorschlagen möchte: soziale Infrastruktur . Es gibt diesen Begriff bereits im Nichtdigitalen, wo er vom Bildungssystem über öffentliche Sicherheit bis zur Gesundheitsversorgung all das bezeichnet, was eine funktionierende Gesellschaft lebenswert macht ("Social Infrastructure" im Englischen ist zwar digital definiert, aber schlicht ein Set an technischen Features). Jetzt ist es an der Zeit, auch digitale soziale Infrastruktur zu betrachten.

Facebook setzt gesellschaftliche Standards

Unter einer digitalsozialen Infrastruktur verstehe ich Plattformen, die in einer digitalen Gesellschaft die Standards der Information, der Kommunikation und der Öffentlichkeit setzen. Facebook ist so eine soziale Infrastruktur, die bisher einzige in weiten Teilen der Welt, und das bedeutet, Wesen und Wirkung der digitalen Gesellschaft liegen in den Händen eines privaten Konzerns.

Weil digitalsoziale Infrastrukturen so neu sind, ist noch weitgehend unklar, wie genau sie im Zusammenspiel zwischen Staaten und Unternehmen reguliert werden können. Zum Beispiel, um zu verhindern, dass einzelne Unternehmen zu viel Macht bekommen. Es erscheint mir kaum möglich und schon gar nicht sinnvoll, dass es etwa ein einzelnes "Lex Facebook" geben könnte. Viel eher müssten für eine kluge Regulierung vom Konzept Datenschutz über Mediengesetzgebung bis zu einer Reihe von Grundrechten (etwa zu Zensur und Meinungsfreiheit) umfangreiche Updates erarbeitet werden.

Meine These ist, dass Facebook eine neue soziale Infrastruktur ist, die ein neu entstandenes, gesellschaftliches Bedürfnis erfüllt. Sehr viele Menschen wollen und brauchen Facebook offensichtlich. Aber ohne Verständnis dieser neuen Funktion geht fast jede Kritik, fast jede Problemanalyse und mit Sicherheit jede Regulierung fehl - im besten Fall. Im schlimmsten Fall werden die enormen, durch Facebook entstandenen Probleme verstärkt.

Große Teile der Öffentlichkeit glauben, der Skandal rund um Facebook habe primär mit Privatsphäre zu tun und mit mysteriösen Manipulationsinstrumenten. Die in der Anhörung wie auch in Deutschland oft geäußerte Sorge um einen "Verkauf von Daten" ist schlicht falsch. Deutsche Bürgerämter verkaufen Daten, aber Facebook tut gerade das nicht, jede diesbezügliche Attacke verpufft daher in der Ahnungslosigkeit. Das Facebook-Problem liegt eher in der kaum regulierten Auswertungsmacht persönlicher Daten und in der kaum verstandenen Wirkung auf verschiedene Gesellschaften. Die bloße Sorge um Privatsphäre anlässlich dieses Skandals halte ich für eine stark unterkomplexe Betrachtung, die letztlich Facebook gut ins Verteidigungskonzept passt.

Das eigentliche Problem ist, wie Facebook auf ganze Gesellschaften wirkt

Im digitalen 21. Jahrhundert werden Datenschutz und Privatsphäre durch die Handlungen der Menschen selbst neu definiert, ob einem das gefällt oder nicht. Das politische, oft paternalistische Verständnis von Datenschutz oder Privatsphäre und der Alltag in der digitalen Gesellschaft klaffen weit auseinander. Das birgt die Gefahr, dass neue Gesetze nur theoretisch vorhandene Probleme lösen. Deshalb ist die Fixierung auf den Fall Cambridge Analytica so kontraproduktiv: Es ist völlig egal, ob Cambridge Analytica 50 oder 87 Millionen oder 100 Schrillionen Facebook-Profile abgeerntet hat. Es ist ja nicht einmal klar, wie die Daten genau verwendet wurden und von wem.

Das eigentliche Problem ist, wie Facebook auf ganze Gesellschaften wirkt - egal, ob einzelne Werbetreibende illegal gewonnene Daten verwendet haben oder nicht. Denn die neue, digitalsoziale Infrastruktur verändert Öffentlichkeit, Politik und Gemeinwesen ganzer Länder. Es sind seit dem 7. April 2018 mindestens zwei Fälle bekannt, in denen Facebook vor allem über die Verbreitung von Desinformation und Propaganda zu (Massen-)Morden aus Hass beigetragen hat. Der Fall der Rohingya in Burma - der nach Ansicht politischer Beobachter sogar als Völkermord bezeichnet werden kann - war am Rande Thema der Senatsanhörung. Und eine Buzzfeed-Recherche hat gezeigt, dass Facebook auch in Sri Lanka auf jahrelange Warnungen kaum reagierte, in einem Land also, in dem bis 2009 Bürgerkrieg herrschte und wo die ethnischen Spannungen so groß sind, dass die Verbreitung eines einzelnen Facebook-Postings über Leben und Tod entscheiden kann.

Eine Parallele zwischen beiden Ländern ist, dass Facebook für viele Menschen die wichtigste oder sogar einzige Nachrichtenquelle ist, also den gesellschaftlichen Standard der Information setzt und zugleich indirekt, nämlich algorithmisch nach den Kriterien der Maximierung von Interaktion und Umsatz, auch den Standard der Informationsverbreitung. Für viele Menschen dort ist ihr persönlicher Facebook-Nachrichtenstrom ein Abbild der Realität, bei dem man gar nicht erst auf den Gedanken kommt zu hinterfragen.

Die neue soziale Infrastruktur als erste vernetzte Gefühlsmaschine der Welt

Aus Sicht des aufgeklärten, mediensachkundigen Teils der Öffentlichkeit mag das merkwürdig oder gar unterentwickelt erscheinen. Aber es gibt ebenso in mitteleuropäischen Öffentlichkeiten kaum Verständnis selbst der wichtigsten Mechanismen von Facebook. Das ist nicht allein eine Frage der Bildung, ich erlebe immer wieder, wie selbst promovierte Nutzer sich beschweren, wie wenig Likes dieses oder jenes unglaublich kluge Posting kriegt, obwohl das Katzenfoto letzte Woche doch so viele Herzchen bekam. Die meisten Leute - auch ich selbst - unterliegen direkt oder indirekt solchen Fehleinschätzungen, die oft eher Fehlgefühle sind. Denn Treibstoff der sozialen Infrastruktur Facebook sind: Emotionen. Alle wesentlichen Probleme - wie auch die wirtschaftlichen Vorteile - ergeben sich aus der Macht von Facebook, flächendeckend Emotionen auszulösen. Genau dafür ist Facebook gebaut, wie man schon an Standardreaktionen sieht: Like, Love, Haha, Wow, Sad, Angry.

Und das ist der Hauptgrund dafür, dass vor der - absolut notwendigen - Regulierung Facebook überhaupt erst verstanden werden muss: Diese neue soziale Infrastruktur bildet nicht nur den Stand der digitalen Gesellschaft ab. Sie ist zugleich die erste vernetzte Gefühlsmaschine der Welt, deshalb ist Populismus in sozialen Medien so wirkmächtig. Das Bestreben ernsthaft demokratischer Politik war immer, die Hoheit niedergeschriebener, nachvollziehbarer Prozesse an die Stelle der gefühlten Realität zu setzen. Rechtsstaat statt Hitze des Moments. Aber alle diese zivilisatorischen Fortschritte sind nichts, wenn sie nicht auch in den Köpfen verankert sind. Und wie es im Moment aussieht, muss genau das neu geschehen: eine soziale Infrastruktur nach demokratischen, menschenrechtlichen Prinzipien ausrichten. Niemand kann bisher sagen, wie genau das geschehen kann. Aber Facebook alleine scheint dazu nicht in der Lage.

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Kolumne - Die Mensch-Maschine


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Dark Agenda 11.04.2018
1. Ein linker Ort?
In der IT-Industrie sind sie zum Großteil libertarian /Anarchos und die hassen sogenannte "Linke und Rechte". Zuckerberg selber ist eher als apolitisch/amoralisch einzuordnen.
Wiedereinaussteiger 11.04.2018
2. Es stimmt mitnichten, ...
... dass FB quasi das einzige „soziale“ Netz sei. Es gab die Vorgänger hierzulande, Studi-VZ etc., in China gibt es Weibo und andere, man muss nur ein wenig suchen. Was dann hinzukommt, ist eben das von Lobo angemahnte Verständnis. Ich erlebe es in meinem direkten Umfeld, wie einerseits FB krass abgelehnt wird (Lehrer in meiner Verwandtschaft und Bekanntschaft), zum Anderen überhaupt nicht kapiert wird, wie das läuft und was da läuft, schlicht aus dem einen Grunde, weil man es selber nicht macht. Weil es einem daraus an eigener Kompetenz gebricht, urteilen zu können. A- man „macht“ es eben nicht, es wird von vornherein moralinsauer gedisst, nicht weil man eigene Erkenntnisse hätte, sondern weil andere es dissen. Weil es in den Kreisen, in denen man sich bewegt, sozialer Komment ist, besser nicht bei FB zu sein. B- Man prügelt auf die ein, die bei FB sind, gibt ihnen Regeln vor („…nicht dass du dort über mich ein Sterbenswörtchen verlierst…“, ohne dass dieses Verdikt kontrolliert werden kann. Einfach nur Druck machen.., aus dieser prallen Selbstgewissheit des zwar Unkundigen, aber in jedem Falle moralisch Überlegenen. c- All das komplett verkennend, dass FB in seiner heutigen Funktionalität des Gruppenbildens ein Bedürfnis der Menschen nach Vernetztsein mit gleich Interessierten abdeckt, D- jedoch komplett ausblendend, nicht regulierend, nicht sanktionierend (mangels Ahnung. ,auch mangels Interesse….), was mit den auf diese Weise zusammenkommenden Informationen so alles angestellt werden kann… … … D1- Eine erste Unkunde, Dummheit auch ist, dass, wenn nur alle so dächten wie sie (...egal was, aber KEIN Facebook…), dann sei die Welt wieder irgendwie in Ordnung, dann könne auch keiner mit Infos irgendwelchen Mist anstellen. D2- Die zweite Unkunde: Da D1 unrealistisch ist, und weiter Infos gesammelt werden, können sie auch vernetzt werden, können „Schattenprofile“ auch über Dritte, über die angelegt werden, die keinen FB-Account unterhalten … D.h. die FB-Disser, die sich sehr oft, wohl weit überwiegend, sicher wähnen, dass FB über sie nichts weiß, weil sie selber FB nicht machen…, die verkennen, wieviele Infos über ANDERE Menschen FB bereits hatte sammeln können, einfach deswegen, weil die Infos derer, die FB machen, über ihre sozialen Kontakte AUCH Eingang in FB-Postings und FB-Daten und und finden – und AUCH DAMIT macht man FB fett. Und macht man ein unreguliert agierendes FB gefährlich. In diese Fallen laufen auch nahezu alle Politiker. Einfach deswegen, weil, WENN sie FB betreiben, sie oft gar nicht selber diejenigen sind, die Postings machen, sondern man hat „sein Team“…. , oder wenn sie FB nicht machen aus den o.g. Gründen, oder aus anderen Gründen, z.B. Faulheit, , dann fehlt ihnen jeglicher Ansatz einer eigenen Kompetenz und Beurteilungsbefähigung, außer sie seien Informatiker oder Mathematiker und verfügten über eine anderweitig qualifizierende Kompetenz im Umgang mit sehr weitflächigen Informationsnetzen. Ich spreche 95% aller deutschen Politiker diese Kompetenz ab.
urbanism 11.04.2018
3. Wir selbst schaffen diese Monster
Naja, bei der Gründung von Facebook bezog sich das ganze schon auf eine elitäre Community, nämlich dem Campus. Das Problem ist m.E. dass wir Nutzer der digitalen Produkte erst diese Monster schaffen und wir von der Industrie auch angehalten werden, diese weiterhin zu schaffen. Das Problem besteht m.E. nicht nur bei Facebook sondern auch bei Google, Microsoft, Apple oder Amazon. M.E haben die Nutzer ganz aus den Augen verloren das digitale Produkte allenfalls ein Hilfsmittel darstellen dürfen, aber nicht zum unentbehrlichen Lebensmittelpunkt mutieren dürfen. Hier kritisiere ich generell die digitale Entwicklung, denn wofür benötige ich z.B. selbstfahrende Autos oder Apps die irgendeinen 08/15 Kram für mich Organisieren oder Navigationsgeräte? Die Nutzer selbst schaffen diese Monster weil sie gedankenlos die digitale Welt für unentbehrlich halten und mit jeglichen persönlichen Daten füttern. Facebook, Google oder Amazon kann man nicht mehr kontrollieren, genauso wenig wie man das Internet kontrollieren kann. Vielleicht muss sich die Menschheit auf das "Back to the Roots" besinnen. Die Menschen müssen begreifen dass eine Welt auch ohne digitalen Hokospokus funktioniert. Solange Menschen digitale Neuheiten, Gott ähnlich abfeiern, wird es diese Monster weiterhin geben und vielleicht irgendwann auch eine Terminator Welt.
tim_van_beek 11.04.2018
4. Don't Fix the User?
"Don't fix the user" sagt als Grundsatz der Softwareergonomie, dass Probleme der Mensch-Maschine-Interaktion nicht als Fehler beim Menschen zu betrachten und zu "beheben" sind. Und es scheint, als ob Sie, Herr Lobo, wenn Sie ihren Schwerpunkt auf die Regulierung von Facebook setzen, statt auf mangelnde Medienkompetenz der Benutzer, diesem Grundsatz folgen. Aber wenn man die Parallele zu anderen Medien zieht, wie Radio, Fernsehen, Zeitungen, dann scheint mir der größere Hebel beim Publikum anzusetzen. Klar, es gibt gewissen Regulierungen wie den deutschen Pressekodex. Der hat eine emotionale Manipulationsmaschine wie die BILD nicht wirklich eingehegt. (Literaturtipp: Heinrich Böll: "Die verlohrene Ehre der Katarina Blum", zuzüglich der Ereignisse, die Böll zu dem Roman inspiriert haben.) Für Facebook, Youtube etc. würde ich mir auf jeden Fall ein Gesetz wünschen, dass es verpflichtend macht, die Geldgeber von Werbung direkt bei der Werbeeinblendung mit anzugeben. Aber dass man sich z.B. von der sozialen Verstärkung innerhalb eines virtuellen Stammes auf einer Plattform wie Facebook nicht emotional manipulieren lässt, sondern eine gewisse selbstkritische Distanz entwickelt, kann einem kein Gesetz abnehmen, genauso wie man lernen muss, nicht jede Überschrift der BILD als Handlungsanweisung zu lesen. Polemisch gesagt: Sie wollen das Wiederaufkommen des Faschismus verhindern, indem Sie Radioansprachen, Wochenschauen und Fackelumzüge regulieren wollen.
OhMyGosh 11.04.2018
5.
Na, der Zuckerberg hat halt sein Babyface gezeigt und treuherzig von "Verbesserungen" geredet. Waaahnsinn, auf einmal arbeitet man angeblich hart daran, die Rechte des FB-Users zu schützen... seltsam, seltsam, diese Wandlung! Mich beeindruckt die Show Zuckerbergs mitnichten. Solange dieser IT-Moloch FB and Friends derart viel Macht besitzt, wird sich wenig ändern. Allein eine Zerschlagung des Konzerns könnte vielleicht einen neuen Anfang in Demut und Anstand ermöglichen. Wenn der überhaupt möglich sein sollte. Aber auf jeden Fall findet der ohne mich und meine Freunde und Bekannten statt. Obwohl uns allen selbstredend klar ist, dass dieses Datenklauimperium auch ohne uns und andere Aussteiger weiter Riesengewinne mit den Daten seiner FB-Schafe machen wird.
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