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S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Schafft den Authentizitätswahn im Internet ab!

Eine Kolumne von

Keine Inszenierung, alles direkt und roh: Boris Becker verkörpert auf Twitter den alten Traum von Authentizität in den Medien. Seine Äußerungen sind mindestens so "echt" wie Paris Hilton - nämlich gar nicht. Es wird Zeit, dass wir uns von der Echtheit verabschieden.

Ein ehrfürchtiges Staunen geht immer dann durch Twitter-Deutschland, wenn die hauptberufliche Sportikone Boris Becker twittert. " Vergangenheit ist OVER!!!" schreibt er zum Beispiel und äußert sich auch sonst politisch: "Can somebody please stop the Civil War in SYRIA! This is crazyyyyyyyyy". Oder er überrascht mit intimen Geständnissen wie "Sometimes, i wish i was a pretty woman!"

Es ist, zumindest ein paar Minuten lang, eine Wohltat, dass eine mediale Figur so offensichtlich ungefiltert twittert. Aber gleichzeitig gehören Beckers Tweets zum Absurdesten, was im deutschsprachigen Internet zu lesen ist. Man könnte sich leicht darüber lustig machen, aber das würde der Sache so wenig gerecht wie Spott über ungelenke Interviews mit Fußballern. Vielmehr ist Boris Beckers Twitter-Oeuvre ein Symptom für das Aufeinanderprallen zweier Medienwelten. Man spürt förmlich, wie ein verzweifelter PR-Berater vermutlich lange vor Erfindung der sozialen Medien zu Becker etwas sagte wie "Vergiss alle Ratschläge, sei einfach du selbst", und dann erschöpft in sich zusammensank. Vielleicht kam diese Erkenntnis Becker auch von allein, in jedem Fall ist sein Twitter-Account ein mahnendes Social-Media-Mal für alle, die einen seltsamen Kommunikationsgötzen anbeten: Authentizität. Authentizität ist Quark.

Die Medienlandschaft des 20. Jahrhunderts hat merkwürdige Verhaltensweisen hervorgebracht. Weil Massenmedien die einzige Möglichkeit waren, mit einem breiten Publikum zu kommunizieren, haben sich für diejenigen, die zufällig keine Medien besaßen, die Instrumente Werbung und PR herausgebildet. Beide zutiefst künstlichen, eigentlich sogar lächerlich indirekten Formen der Kommunikation mit dem Publikum beruhten darauf, dass man Medienschaffende überzeugte, die eigenen Themen abzubilden. Werbung schaffte das institutionalisiert mit Hilfe von Geld, PR bestand aus einer Mischung aus Überredungsgeschick, Inszenierung und Schleimerei. Weil Werbung und PR so künstlich waren, wurde ein Gegengewicht gebraucht, um sie überhaupt ertragen zu können.

Dieses Gegengewicht hieß "Authentizität", entwickelt im Grenzgebiet zwischen Pop und Reklame. Ursprünglich stammte der Wunsch nach medialer Authentizität aus den Bereichen Nachrichten und Dokumentation. Dort war das Gefühl der Authentizität ein Mittel gegen das diffuse Unbehagen, dass die Medien selbst die abgebildete Wirklichkeit verändern oder gleich inszenieren. Aber dann wurde es auf Produkte und Personen in den Massenmedien angewendet, und man tat so, als fände keine Inszenierung statt. Sondern alles sei völlig natürlich, superecht und auch sonst total knorke.

Soziale Netzwerke sind persönliche Inszenierung

Menschen und Marken sollen in den Medien authentisch wirken, das hatten Werbung und PR des späten 20. Jahrhunderts erklärt. Allerdings liest sich "authentisch wirken" ungefähr wie "trocken bewässern". Spätestens seit jemand Paris Hilton ernsthaft für "authentisch" erklärte, verlor das Wort seinen Bedeutungsinhalt. Und es wurde noch schlimmer, als klar wurde: Paris Hilton ist authentisch. Denn das allgemeine Verständnis von Authentizität ist defekt, zerrüttet von hundert Jahren massenmedialem Inszenierungsgetöse, das so tat, als sei es kein Inszenierungsgetöse. Der Kunstprofessor und Poptyp Diedrich Diedrichsen hielt im Deutschen Theater eine Vorlesung mit dem Titel "Sei voll authentisch! Erfinde Dich neu!": Der "Fetisch der Echtheit" […] begegnet einem gerade dort so oft, wo etwas massenhaft verkauft werden soll". Die alte Authentizität für die Massen war eine Frage der richtigen Produkte, der richtigen Musik, der richtigen Filme, der richtigen Klamotten.

Dann kamen das Internet und die sozialen Medien. Mit ihnen wurde die digitale Welt zu einer Plattform des Austauschs zwischen Einzelpersonen und Gruppen. Das Internet stellt eine permanente Publikumssituation her, und jeder ernstzunehmende Benutzer weiß das. Soziale Netzwerke sind persönliche Inszenierung, Blogs sind inhaltliche Inszenierung, jeder Pixel in den sozialen Medien will ein Publikum ansprechen und ist sich darüber auch im Klaren. Weil im Internet inzwischen jede Person Teil der fortwährenden, überalligen Medieninszenierung sein kann, ist die Illusion der Authentizität sinnlos geworden.

Auf Facebook ist Authentizität nicht möglich. Das sollte eine Steilvorlage sein, die Authentizität auf den Schrotthaufen der historischen Unnotwendigkeiten zu werfen, wo sie zwischen Atomkraft, Nationalstolz und Faxgerät verrotten möge. Die Generation, die mit dem Netz aufgewachsen ist, hat das glücklicherweise instinktiv erkannt: Den meistabonnierten YouTube-Channels in Deutschland kann man viel vorwerfen - Authentizitätshörigkeit gehört nicht dazu. Stattdessen wirft man sich mit Hingabe in die Inszenierung einer offensichtlichen Rolle. Schon das YouTube-typische Sprechen direkt in die Kamera mit dem Publikum zeigt: Die Protagonisten sind sich der Inszenierung immer bewusst.

Die alte Scheinauthentizität des Massenmedienzeitalters muss sterben

Im Gegensatz dazu stehen diejenigen, denen irgendein Imageberater empfohlen hat zu twittern oder zu facebooken. Was dort passiert, gehört zum Fremdschämigsten, was 3000 Jahre Kulturschaffen hervorgebracht haben. Da stellt ein Parteipolitiker auf Twitter sein wirklich niemanden interessierendes Lieblingslied vor, weil man ihm erzählt hat, er müsse menschlicher wirken - authentischer halt. Da fragt ein Konzern auf Facebook: "Wie geht es Euch heute so?", weil im Marketingplan steht Persönlichkeit zeigen, authentisch sein. Regeln des 20. Jahrhunderts für Medien des 21. Jahrhunderts. Die alte Scheinauthentizität des Massenmedienzeitalters muss sterben, dringend.

Boris Becker zeigt, was passiert, wenn dieses alte Verständnis von Authentizität im Internet auf die Spitze getrieben wird: Beckers Twitter-Account ist Reality TV auf SMS-Länge geschrumpft und so echt wie ein Verkehrsunfall, von dem man die Augen nicht abwenden kann. Er ist gleichzeitig Protagonist, Kommentator, Regisseur und Sender seiner Lebensinszenierung, Boris Becker ist auf Twitter zum Boris-Becker-Darsteller geworden. Man hat kaum Zweifel, dass Becker wirklich so ist, wie er sich auf Twitter gibt. Aber hat das bei jemandem, dessen Wohn- und Schlafzimmer seit 25 Jahren die Medienöffentlichkeit ist, auch nur ansatzweise etwas mit Authentizität zu tun?

Die Antwort darauf ist spätestens seit dem 27. August 2012 klar, als Becker einen "Sport-Bild-Award" für seine Social-Media-Leistungen bekam. In der Begründung heißt es: "Boris 2.0 ist noch näher, aktueller, persönlicher". Aber vielleicht ist das ja auch nur der Dank dafür, dass Becker auf Twitter im Rahmen der Affäre um den damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff und seinen Zwist mit der "Bild"-Zeitung überzeugend seine Weltsicht darlegte: "Vielleicht zu lange in hannover gelebt... MAN legt sich niemals mit BILD an, oder MAN gewinnt WIMBLEDON!" Sehr authentisch.

tl;dr

Die Massenmedien haben unser Verständnis von Authentizität völlig verbogen, deshalb gehört es abgeschafft.

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Kolumne - Die Mensch-Maschine
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insgesamt 35 Beiträge
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1. Korrekt...
Achmuth_I 28.08.2012
...das Verständnis ist allerdings bereits bei einem immer größer werdenden Teil der publizierenden Bevölkerung bereits abgeschafft.
2. logisch eigentlich
neu_ab 28.08.2012
Sascha Lobo ist selbst alles andere als authentisch, da ist es gewissermassen für ihn naheliegend, gegen Authentizität zu bashen.
3. Wie jetzt ?
Fliegerviertel 28.08.2012
... wollen wir jetzt alle Begriffe abschaffen, deren Verständnis sich ändert ? "Authentisch sein" klingt schon länger auch nach RTL2, aber wenn er in einem sinnvollen Kontext erscheint, würde ich den Begriff gerne weiter verwenden ...
4. Authenzität / Echtheit
Arne Karl 28.08.2012
Die Authenzität einer Person macht doch nur Sinn, wenn eine gewisse Individualität vorhanden ist. Aber seien wir doch ehrlich. Die Jahrtausende währende Manipualtion der Massen, die im Internet nunmehr Ihren Gipfel gefunden hat - alle sind in einem Augenblick erreichbar - haben unsere Phsyche in eine handvoll Schablonen gedrückt. Das körperliche wird gleichwohl von der Industrie gleichgeschaltet: Gleiches Essen, Kleidung, Iphone, Flachbild, H&M, Dior u. a. Das Übrige hat die Vermehrung der Menschen getan: Jeden gibt es Millionen mal. Die Indiviualtitä ist tot. Es gibt nur noch Zugehörigkeiten. Der Beweis ist das Netz: Da stehen doch immer nur die gleichen Weisheiten. Ergo ist Authenzität/Echheit langweilig: Lügt lieber was das Zeug hält; ich will gar nicht wissen, wie Ihr wirklich seid - da kann ich ja gleich in den Spiegel gucken.
5. Das geht auch kürzer, nämlich so:
renovatio06 28.08.2012
"Image ist out, (vermeintliche, aufgesetzte) Echtheit in." Aber das wäre ja nur eine Überschrift... Abgesehen davon: Alles egal. Die Menschen WOLLEN betrogen werden. Wir ticken nunmal so. #hausgemachter senf als beilage
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Sascha Lobo
Soziale Netzwerke
Facebook
DPA
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach eigenen Angaben hat Facebook 845 Millionen aktive Mitglieder weltweit (Dezember 2011). Mehr zu Facebook auf der Themenseite.
Google+
Google+ ist der Versuch, den sozialen Funktionen von Facebook und Twitter etwas entgegenzusetzen. Das soziale Netzwerk wurde im Juni 2011 gestartet und hat nach Firmenangaben rund 170 Millionen Nutzer (April 2012). Der Funktionsumfang ist rein aus Nutzersicht vergleichbar mit Facebook, Schnittstellen für externe Entwickler sind allerdings eingeschränkt. Google animiert seine Nutzer, das Netzwerk als zentralen Hub für seine Dienste zu nutzen. Mehr zu Google+ auf der Themenseite.
Twitter
DPA
Der auf kurze Textnachrichten spezilalisierte Dienst Twitter wurde im Juli 2006 gegründet. Populär wurde der Dienst als Verteilnetzwerk für Links, Fotos und Videos. Twitter zählt nach eigenen Angaben mehr als 140 Millionen Nutzer (März 2012). Mehr zu Twitter auf der Themenseite.
Xing
Xing (früher OpenBC) wurde 2003 von Lars Hinrichs gegründet. Nach eigenen Angaben hat Xing über 11,7 Millionen Mitglieder (Stand: Dezember 2011), etwa acht Prozent haben einen kostenpflichtigen Premium Account. Bei Xing geht es vor allem um berufliche Kontaktaufnahme. Mehr zu Xing auf der Themenseite...
StudiVZ
Ehssan Dariani hat die Studenten-Community StudiVZ 2005 gegründet. Zuerst investierten Lukasz Gadowski und Matthias Spiess in StudiVZ, später finanzierten es vor allem die Gebrüder Samwer - bekannt für die Klingeltonfirma Jamba - und der Venture-Capital-Arm des Holtzbrinck-Verlags ("Die Zeit", "Handelsblatt"). Im Januar 2007 übernahm Holtzbrinck StudiVZ. Derzeit haben die Plattformen studiVZ.net, schuelerVZ.net und meinVZ.net nach eigenen Angaben rund 17,4 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2011). Mehr zu StudiVZ auf der Themenseite...
Lokalisten
Im Mai 2005 gegründet, hat das Netzwerk Lokalisten nach eigenen Angaben (Stand Juli 2010) inzwischen 3,6 Millionen Nutzer. Mehr zu Lokalisten bei Wikipedia...
Spin.de
Das 1996 in Regensburg gegründete Unternehmen Spin betreibt ein eigenes soziales Netzwerk, aber auch integrierte Unter-Communitys mit regionalem Fokus, die mit Partnern vor Ort (Lokalradios vor allem) betrieben werden. Nach eigenen Angaben (Stand Februar 2011) hat Spin.de eine Million aktive Mitglieder. Mehr zu Spin.de bei Wikipedia...
Wer kennt wen
Wer-kennt-wen wurde von den beiden Studenten Fabian Jager und Patrick Ohler gegründet. Seit Februar 2009 gehört das Netzwerk vollständig RTL Interactiv, die Gründer schieden Ende August 2010 aus. Das Netzwerk hat laut Betreiber über 9,5 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2012). Mehr zu Wer-kennt-wen bei Wikipedia...
MySpace
MySpace war 2006 das populärste soziale Netzwerk in den USA. Ein Jahr zuvor war es von Rupert Murdochs News Corporation gekauft worden. Bekannt wurde es durch die Möglichkeit, Musik einzubinden. Künstler und Bands nutzten die Plattform als Marketingplattform. Zeitweise hatte MySpace mehr als 220 Millionen Nutzer, nach Berechnungen von Google rund 30 Millionen Nutzer (Dezember 2011). Mehr zu MySpace auf der Themenseite...

Was bedeutet tl;dr?
In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internetabkürzung für "too long; didn't read".
Facebook


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