S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Hilflos im Neuland

Die Netzmächtigen und die Politik wissen auch nicht, warum die Welt so ist, wie sie ist - und flüchten sich daher in die Auswertung von Daten. Dabei verwechseln sie Entdeckung mit Erkenntnis.

Eine Kolumne von


Der mutmaßliche rassistische Terrorist Dylann R. beschreibt in seinem Manifest den Augenblick seiner Radikalisierung. Er googelte "black on white crime". "Seit diesem Tag war ich nicht mehr der Gleiche […] In diesem Moment bemerkte ich, dass etwas sehr falsch lief." Er beschloss zu handeln.

WikiLeaks veröffentlicht die Selektorenliste für Frankreich, Präsident Hollande hat irgendeinen nationalen Rat einberufen. In Deutschland muss man weiter davon ausgehen, dass Unternehmen mit ihren Steuern den BND dafür bezahlten, der NSA beim Ausspionieren ihrer eigenen Geschäftsgeheimnisse zu helfen.

Der Parteikonvent der SPD beschließt auf Druck der Parteispitze, zu 56 Prozent regierungsfähig zu sein, in Form des Votums für die Vorratsdatenspeicherung. Die Begründungen für die Notwendigkeit sind tautologisch, ausgedacht oder basieren auf anekdotischer Evidenz, weshalb sich die Bundesregierung auch so intensiv gegen eine Evaluierung gesträubt hat.

Digitalkommissar Günther Oettinger treibt seine politische Idee eines vernetzten Europa voran, die verstörend deckungsgleich mit den Visionen der Netzbetreiber daherkommt. In Diskussionen verwendet Oettinger ohne Scham Argumente aus dem PR-Baukasten der Telekommunikationsanbieter.

Das mit 20 Milliarden Dollar Wert drittteuerste Start-up der USA ist Palantir. Einer der ersten Investoren war die CIA, das Geschäftsmodell ist eine hochspezialisierte Form der Datenauswertung. Der Geschäftsführer will nicht an die Börse, weil die dortigen Veröffentlichungspflichten der Firmenkultur der Verschwiegenheit widersprechen.

Das vorherrschende Gefühl des digitalen 21. Jahrhunderts: Hilflosigkeit

Ein einzelner genialer Tweet einer Frau namens Amy Dentata hilft dabei, diese Ereignisse der jüngsten Zeit einzuordnen. "Letztlich ist die Wurzel jeder Verschwörungstheorie der starke Wunsch zu glauben, dass irgendjemand irgendwo kompetent ist in dem, was er tut." Sie entlarvt damit, wie verzweifelt der Kampf geführt wird, alles möge doch bitte einen Sinn ergeben. Wenigstens irgendwie. Und wenn es der Sinn 'des Gegners' ist, denn das heißt immerhin, dass es einen gibt. Kein Zufall, dass die digitale Sphäre so übersatt an Verschwörungstheorien ist.

Es handelt sich um Auswüchse des vorherrschenden Gefühls des digitalen 21. Jahrhunderts: Hilflosigkeit. Und wieder Hilflosigkeit, resultierend aus einem tiefen Nichtverständnis der vernetzten Welt. Die bedrohliche Ahnung, einer Entwicklung ausgeliefert zu sein, die wirklich niemand versteht.

Dass die Wirksamkeit der Vorratsdatenspeicherung bisher nicht bewiesen werden konnte, ist auf gewisse Weise kein Bug, sondern ein Feature: Unklarheit kann auch Hoffnung bedeuten. Die SPD hat aus schierer Hilflosigkeit für irgendetwas votiert, was mit zugekniffenen Augen vielleicht ja doch helfen könnte. Auf magische Weise.

OMG, die wissen Bescheid und wir nicht

Kommissar Oettinger plappert die Argumente derjenigen nach, die er durch seine politische Brille für kompetent hält. Lobbyismus? Natürlich, aber eigentlich möchte Oettinger glauben, dass irgendjemand Bescheid weiß, Ahnung hat, einen Plan. Ihm den Weg weisen kann. Dabei war Merkels Neuland-Zitat das Beste, was ihr zum Internet je über die Lippen kam, und leider gilt das für alle.

Der verkrampfte deutsche Digitaldiskurs um die großen Netzkonzerne lässt sich zusammenfassen als "OMG, die wissen Bescheid und wir nicht". Ein tragischer Irrtum, wirtschaftlicher Erfolg ergibt nicht zwingend ein tieferes Verständnis der digitalen Gesellschaft. Was bedeutet es, dass jemand per Google-Suche rassistische Webseiten findet und so zum Massenmörder werden kann? Welche Konsequenzen müsste man daraus ziehen? Auch Google hat darauf keine Antworten, natürlich nicht. Aber irgendjemand muss doch Bescheid wissen? Nein. Nicht mal die NSA.

Bei der Befragung rund um BND-Chef Schindlers Liste der Selektoren sagte dieser: "Wir sind abhängig von der NSA, nicht die von uns." Mehr Hilflosigkeit geht nicht. Aber selbst die NSA kann den Ausgang aus der digitalen Hilflosigkeit nicht bewerkstelligen, sie täuscht ihn bloß vor.

Erkenntnis ist das einzige Mittel gegen Hilflosigkeit

Das unfassbare Erstarken der Nachrichtendienste ist ein Symptom dafür, dass ganze Staatsapparate verzweifelt auf der Suche nach der Bedeutung des Geschehens im Netzzeitalter sind. Ein Teil des Horrors ist entstanden, weil Systeme, die für das Beantworten von Fragen geschaffen werden, niemals die Antwort "Oh, keine Ahnung" akzeptieren. Sie sammeln immer mehr Daten und rechnen einfach immer weiter. Wer die Aufgabe hat, per Datenauswertung Terroristen zu finden, wird Terroristen finden. Und wenn er sie selbst neu definieren oder gar produzieren muss.

Erkenntnis ist das einzige Mittel gegen Hilflosigkeit, Glauben taugt nur zur Linderung. Es geht aber bei der Berechnung der Welt nach Art der Datenmonster nicht um Erkenntnis, sondern um algorithmische Wahrscheinlichkeiten, und das ist schierer Glaube, Datenglaube. Das eigentlich Schlimmste ist die stille Übereinkunft aller Netzmächtigen und der Politik, dass geheime, oft auf erratische Weise berechnete Wahrscheinlichkeiten ausreichen, um über Märkte und Menschen, über Leben und Tod zu bestimmen.

Die Erfolgsfirma Palantir macht aus Wahrscheinlichkeiten Geld und arbeitet für Behörden wie das Pentagon. Die "New York Times" schrieb: "Die Software braucht riesige Mengen Daten - von der lokal gefallenen Regenmenge bis zu Banktransaktionen - manscht sie zusammen und zieht Schlüsse aus unwahrscheinlichen Kombinationen."

Stimmt vielleicht, aber warum?

Man muss sich die Firma als opake Maschine vorstellen, die in Datenmengen nach Mustern sucht. Am Ende kommt etwas heraus wie "Alle Linkshänder, die nach 22 Uhr noch arbeiten und bestimmte Keywords in Mails verschicken, sind mit 99,7 Prozent Wahrscheinlichkeit korrupt" - oder Terroristen. Und das könnte sogar stimmen. Nur sagt diese Korrelation überhaupt gar nichts darüber, warum das so ist.

Der Erfolg von Big Data steht auch dafür, dass die schlichte Mustererkennung die Antwort auf die Frage nach dem Warum abgelöst hat: Feststellung statt Fragestellung, Entdeckung statt Erkenntnis. Die Welt krankt daran, dass vom SPD-Parteikonvent über große Teile der Wirtschaft bis zu den Überwachungs- und Tötungsmaschinerien so viele unbedingt daran glauben möchten, dass eine Wahrheit oder Lösung in den Daten liegt. Weil sie ja darin liegen muss, um der eigenen Hilflosigkeit zu begegnen.

Tl;dr

Datenauswertung durch Mustererkennung erkennt nur Muster, aber erklärt nicht, warum sie da sind. Der galoppierenden Hilflosigkeit ist das egal.

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insgesamt 86 Beiträge
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Seite 1
Erich91 24.06.2015
1. Lobo scheints aber
auch nicht zu wissen, weil Lösungen hat er auch keine, und vom wöchentlichen Drohen ändert sich auch nichts.
Leser161 24.06.2015
2.
Zitat von Erich91auch nicht zu wissen, weil Lösungen hat er auch keine, und vom wöchentlichen Drohen ändert sich auch nichts.
Wofür benötigen wir Lösungen? Das Internet minus Überwachungswahnsinn ist eine ziemlich coole Erfindung. Da muss nix gelöst werden.
der.tommy 24.06.2015
3. @erich91
Die richtige Frage zu stellen, bzw. das eigentliche Problem zu formulieren ist aber Teil der Lösung. Und das hat Herr lobo auch gemacht. Das fundamentale Problem hinter der datensammelwut ist nämlich in der Tat die Ahnungslosigkeit und der verzweifelte Wunsch, Ordnung in dem datenchaos zu finden, Muster zu identifizieren. Das funktioniert aber nur bei Systemen, über die mittels statistischer Methoden überhaupt Aussagen getroffen werden können. Ob das beim Internet und seinen Nutzern tatsächlich soweit möglich ist, dass man bestimmen kann, wer ein Terrorist ist oder nicht, ist nicht erwiesen.
ichsagemal 24.06.2015
4.
...es soll da Menschen mit Know-how geben. Die könnte man beauftragen, will man aber nicht? Überheblichkeit oder Dummheit - am Geld kann's nicht liegen.
edorre 24.06.2015
5. Überwachungswahn ...
Zitat von Leser161Wofür benötigen wir Lösungen? Das Internet minus Überwachungswahnsinn ist eine ziemlich coole Erfindung. Da muss nix gelöst werden.
... existiert leider auch ohne Internet, es ist nur das Medium gewechselt worden. Es hat sich im Prinzip seit der Steinzeit nix geändert im menschlichen Verhalten, nur die Mittel der Durchführung wandeln sich je nach Zeitgeist und technischer Entwicklung. Das "alte Ägypten", das röm. Reich, andere Hochkulturen hatten auch immer ein ausgefeiltes Spionagesystem Und nochwas ist zu berücksichtigen: Je mehr Menschen wir werden, umso mehr werden die Überwachungstechniken wachsen. Die Probleme liegen daher nicht am Medium an sich, sondern beim Menschen selbst.
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