S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Geheimdienste lesen nicht mal Zeitung

Der mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge von Paris hat schon vor Monaten in einem Interview verraten, wo er ist und was er plant. Trotzdem wird jetzt wieder mehr Überwachung gefordert. Ein Beispiel für einen fatalen Trend.

Eine Kolumne von

Soldaten in Brüssel: Mehr Sicherheit durch mehr Sicherheitskräfte?
AFP

Soldaten in Brüssel: Mehr Sicherheit durch mehr Sicherheitskräfte?


Der Kampfjet der Armee eines autoritären, antiliberalen Nationalisten wird abgeschossen von der Armee eines autoritären, halbislamistischen Verschwörungstheoretikers, was soll schon schiefgehen? Der Halbislamist ist ja auch Teil der Nato, womit eine bündnisflächige Eskalation zumindest in den Bereich der Möglichkeit rückt. Außer, wenn jetzt die entscheidenden Kräfte besonnen und rational reagieren - hier kann die Sorge eskalieren.

Von allen politischen Entwicklungen der letzten Jahre verstört mich am meisten die Renaissance der völligen Irrationalität in Politik und Öffentlichkeit. Man könnte entgegnen, dass Irrationalität schon immer ein entscheidendes Element der Gesellschaft war und hätte wohl recht. Aber etwas hat sich verändert, potenziert. Ein Irrationalist wie Donald Trump etwa - dessen Kommunikation schlicht nichts mehr mit der Realität zu tun hat - hätte vor zwanzig Jahren nicht als politisch-mediale Figur existieren können. Dass er heute da ist, hängt auch mit der netzbasierten Medienöffentlichkeit zusammen und ihrer großen Empfänglichkeit für die noch beklopptesten Erzählungen.

Die Irrationalität des 21. Jahrhunderts wickelt sich ein ins Gewand der Vernunft, sie kommt als gefühlte Rationalität daher: als Scheinrationalität. Und sie geht Hand in Hand mit der medialen Inszenierung. An der Oberfläche werden ein paar vernunftähnliche Verzierungen angebracht, irgendwelche Statistiken, Schaubilder oder Daten. Darunter brodelt eine Mischung aus Ressentiment und halbgarem Kalkül.

Diese Entwicklung scheint überall zu wirken, aber sie lässt sich im Digitalen am besten beobachten und begreifen. Der Terror von Paris hat ein europäisches Trauma ausgelöst, und natürlich ist es richtig, daraus auch politische Konsequenzen zu ziehen. Aber welche? Die Wahl könnte auf Instrumente fallen, die bewiesenermaßen funktionieren. Klassische, aber teure, weil personalintensive Ermittlungsarbeit zum Beispiel. Stattdessen finden im Vordergrund politische Debatten statt, die auf irrationalen Schlüssen beruhen.

Die Evidenz ist tot, es lebe das medial inszenierte Gefühl der Evidenz. Eine kurze Rekapitulation hilft das Problem zu verstehen:

  • die Attentäter wurden fast alle in Frankreich geboren, trotzdem wird wiederholt die Flüchtlingsdebatte mit dem Terrorismus verknüpft
  • die Attentäter waren fast alle (7 von 8) behördlich bekannte, verdächtige Islamisten, trotzdem wird die Überwachung der Bevölkerung intensiviert
  • die Attentäter haben offenbar unverschlüsselt kommuniziert, trotzdem werden sie als Argument gegen Verschlüsselung missbraucht

Am absurdesten aber wirkt die Debatte um überwacherische Maßnahmen gegen den Terrorismus, wenn man sich "Dabiq" anschaut. Es handelt sich um ein schon in seiner Existenz sehr erstaunliches Propaganda-Hochglanzmagazin des "Islamischen Staats". Eine Art Vogue für Terroristen, wo regelmäßig islamistische Stars und Sternchen interviewt werden. Den aktuellen Titel ziert ein Foto von Pariser Feuerwehrleuten kurz nach dem Attentat, darunter steht typografisch sehr gekonnt gesetzt: "Just Terror". Dieses Magazin vermengt auf kaum begreifbare Weise die Lifestyle-Ästhetik westlicher Medien mit genau den Inhalten, die junge Männer zu Massenmördern machen sollen. IS hat sich vom Westen die am besten funktionierenden Vermarktungsmethoden abgeschaut, und ist mit "Dabiq" beim Content Marketing für Terroranschläge gelandet. Aber das ist nicht alles.

Titelcover "Dabiq" - Ausgabe 12/2015

Titelcover "Dabiq" - Ausgabe 12/2015

Im Februar diesen Jahres gab der Drahtzieher der Pariser Anschläge, Abdelhamid Abaaoud, ein Interview. Er lachte dabei in die Kamera, als habe er gerade das Goldene Schwert für den besten Dschihad-Newcomer gewonnen. Und sprach die folgenden Worte, die das ganze Überwachungsnarrativ zur Verhinderung von Terroranschlägen ad absurdum führen, abgedruckt in einem offiziellen IS-Organ:

"Allah wählte mich […] aus, zurück nach Europa zu fahren, um Terror zu verbreiten unter den Kreuzfahrern, die einen Krieg gegen Muslime führen. […] Wir verbrachten Monate damit, einen Weg nach Europa zu finden, und mit Allahs Hilfe hatten wir schließlich Erfolg, nach Belgien einzureisen. Wir konnten dann Waffen organisieren, einen sicheren Unterschlupf finden und so unsere Operationen gegen die Kreuzfahrer organisieren. […] Die Ungläubigen stürmten später unseren Unterschlupf mit mehr als 150 Soldaten aus Belgien und Frankreich. […] Die Nachrichtendienste kannten mich, weil ich vorher von ihnen geschnappt worden war. Nach der Erstürmung konnten sie mich direkt mit den geplanten Anschlägen in Verbindung bringen. […] All das beweist, dass Muslime nicht das aufgeblasene Image der Überwachung der Kreuzfahrer fürchten müssen. Mein Name und mein Bild waren überall in den Nachrichten, trotzdem konnte ich in ihren Ländern bleiben, Operationen gegen sie planen und das Land sicher verlassen, wenn es notwendig wurde."

Ja, der Planer der Anschläge von Paris hat Monate vorher öffentlich damit angegeben, wie leicht es ist, den Überwachungsapparat auszutricksen und vor Ort Anschläge zu planen. Er hat seinen Wohnsitz Belgien bestätigt und angedeutet, dass ein neuer Anschlag geplant ist. In einem für jeden zugänglichen Medium des IS.

Die relevanten Daten sind längst da

Wenn also diese Daten offensichtlich nicht ausreichen, um einen Anschlag zu verhindern - welche Daten um alles in der Welt hofft man dann per Generalüberwachung zu bekommen? Die rationale Herangehensweise wäre das Eingeständnis, dass es nicht darum geht, neue Daten zu bekommen, sondern die längst vorhandenen besser auszuwerten. Die scheinrationale Herangehensweise aber wird sich durchsetzen: mehr Überwachung. Mehr Daten. Die Irrationalität dahinter lautet: Wir finden die Nadel im Heuhaufen nicht, also brauchen wir mehr Heu. Das hört sich so verstörend an, es könnte auch in Donald Trumps Wahlprogramm stehen. Es handelt sich aber ernsthaft um die europäische Strategie gegen den Terror.

Schon werden mit der Begründung der Terrorverhinderung weiter Grundrechte eingeschränkt von völlig Unbescholtenen, während ganz offensichtlich Maßnahmen gegen bereits dringend Verdächtige nicht einmal nach Charlie Hebdo effizient umgesetzt wurden. Es handelt sich um das Narrativ, mit dem die NSA samt deutscher Schwesterdienste seit Jahrzehnten immer mächtiger und größer wird. Diesem Narrativ gegen alle Evidenz zu folgen, das ist Irrationalität in Reinform, vor allem von den politischen Entscheidern und der medialen Öffentlichkeit, denn die Dienste selbst haben ja wenigstens einen Macht- und Geldvorteil davon.

Und so hat die Scheinrationalität die Welt fest im Griff, die medialen Öffentlichkeiten wie die Politik, Überwachung wird intensiviert, obwohl die relevanten Daten längst da sind. Die Bevölkerung wird immer intensiver beobachtet, obwohl die allermeisten Terroristen lange vorher amtsbekannt waren und sogar oft längst überwacht wurden. Und ich bin sehr optimistisch, dass der heraufziehende Konflikt zwischen Russland und einem Nato-Staat ähnlich vernünftig gelöst werden wird.

tl;dr

Die Reaktionen auf den Pariser Terror zeigen, wie tief sich Scheinrationalität eingebrannt hat in mediale Öffentlichkeit und Politik.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 251 Beiträge
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Seite 1
PeterPaulPius 25.11.2015
1. Nichts für ungut
Nichts für ungut, Herr Lobo, Sie haben ja in einigen Punkten Recht. Aber wenn Sie schreiben "die Attentäter wurden fast alle in Frankreich geboren, trotzdem wird wiederholt die Flüchtlingsdebatte mit dem Terrorismus verknüpft", dann ist das deutlich zu kurz gesprungen. Wenn man mal von Pegida absieht, haben die meisten Kritiker der offenen Grenze bemängelt, dass es offensichtlich 3 Terroristen möglich war, über die Flüchtkingsroute als Flüchtlinge getarnt ungehindert einzureisen. Und darum ging es immer. Lange hat uns die Politik erzählt, Terroristen würden diesen Weg nicht gehen. Und dann kamen sie doch.
zehwa 25.11.2015
2. Sorry Herr Lobo,
...aber Ihre Argumente funktionieren auch, wenn man sie auf den Kopf stellt. Der junge Mann da hat sich wirklich nicht sonderlich praezise ausgedrueckt. So kann es also sein, dass, obwohl er den Behoerden namentlich bekannt war, diese keine ausreichende Handhabe gegen ihn hatten. Und natuerlich kann jemand im Schengenraum unbehelligt reisen, mit einem franzoesischen Pass auch ziemlich problemlos raus und wieder rein. Ergo: um diesem Mann in rechtstaatlich einwandfreier Weise etwas nachweisen zu koennen, haetten wir mehr und gezieltere Ueberwachung gebraucht. Das zitierte Interview ist nur die unter Terroristen uebliche Verhoehnung des liberalen Rechtstaats. Und was, Herr Lobo, haetten die Behoerden Ihrer Meinung nach tun sollen: den Mann nach der Lektuere des Interviews von der Strasse krallen und danach foltern?
robatschchai 25.11.2015
3. Danke
Klar erkannt & benannt. Vielleicht wachen noch ein paar mehr auf, hoffentlich. Weiter so!
spon-facebook-10000747070 25.11.2015
4. Angst - Orwell !
Wir stehen am Rande einer weltweiten Umbildung, alles was wir brauchen, ist die richtige allumfassende Krise und die Nationen werden in die neue Weltordnung einwilligen." (David Rockefeller vor dem Wirtschafts-Ausschuss der Vereinten Nationen (UN Business Council)
KV491 25.11.2015
5.
Bei allem Respekt vor Herrn Lobo und tendenzieller Zustimmung zur Schelte der "Dienste": Die Frage "Wenn also diese Daten offensichtlich nicht ausreichen, um einen Anschlag zu verhindern - welche Daten um alles in der Welt hofft man dann per Generalüberwachung zu bekommen?" ist doch gewollt naiv. Was wohl? Telefonnummern, Adressen, Autokennzeichen, weitere Namen, Decknamen, Kontonummern etc.pp. - es gibt durchaus noch einiges herauszufinden, selbst man solche Artikel kennt. Um Anschläge zu verhindern muss man letztlich die potenziellen Attentäter dingfest machen - vor einem Attentat regelmäßig etwas, was die Bürgerrechts-Publizistik nicht gerne sieht....um es hinterher zu fordern.
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