S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Junge Mädchen regieren das Internet

Die chatten, posten, verschicken Emojis - und entscheiden so, welche neuen Features sich durchsetzen und welche nicht. Milliardenschwere Unternehmen folgen deshalb dem Takt dieser einen Zielgruppe: Mädchen zwischen 13 und 20 Jahren.

Eine Kolumne von

Teenager: Internetnutzung verlagert sich ins mobile Web
Corbis

Teenager: Internetnutzung verlagert sich ins mobile Web


Weibliche Teenager beherrschen die Welt, und zwar mit ihren Smartphones. Das ist nur ein ganz kleines bisschen übertrieben. Eigentlich schade, denn ihre Antipoden, die realpolitisch herrschenden älteren Männer, machen ihren Job derzeit nicht unbedingt konkurrenzlos gut (Quelle: Zustand der Welt). Aber tatsächlich hat das Verhalten insbesondere amerikanischer, weiblicher Teenager großen Einfluss auf Netz- und Medienkonzerne. Denn das Herz der Technologiewelt schlägt inzwischen "social", und junge Mädchen benutzen soziale Medien deutlich intensiver als alle anderen Gruppen.

Sie lassen die Trends entstehen, die später mehr oder weniger modifiziert über den Rest der digitalen Welt schwappen und so immer stärker auch die nichtdigitale Welt beeinflussen. Mark Zuckerbergs Gabe zum Beispiel besteht darin, zu erahnen, was Leute in sozialen Medien wollen, bevor sie es selbst ahnen. Dafür analysiert er das Verhalten von Teenagern und zieht die Konsequenzen.

Jüngstes Beispiel ist die Einführung von Stickern auf Facebook, also kleinen, meist niedlich gemeinten Bildchen, mit denen man Beiträge kommentieren kann. Das koreanisch-japanische Netzwerk Line, eine Mischung aus Twitter und WhatsApp mit Facebook-Elementen, hat eine junge, eher weibliche Nutzerschaft; dort ist dieses sehr visuelle Kommunikationsprinzip Sticker groß geworden: Emoticons auf Speed. Nebenbei gibt es interessante Theorien dazu, dass die verwandten Emojis die erste echte, weltweit funktionierende Sprache seien.

Die Einbindung einer vermeintlich infantilen, eigentlich aber alltagskulturell komplexen, soziologisch hochspannenden Stickersprache wirkt auch prägend für die bald anderthalb Milliarden Nutzer. Facebook darf hier nicht bloß als größtes Social Network der Welt betrachtet werden. Wenn Facebook seine Nutzerschaft manipuliert, wiegt das deshalb so schwer bis katastrophal, weil hier kein gewöhnliches Unternehmen agiert: Facebook ist faktisch die soziale Infrastruktur der digitalen Sphäre und gestaltet so die digitale Gesellschaft maßgeblich mit.

Die WhatsApp-Nutzer machten das Unternehmen millardenschwer

Und Facebook wird - seit der Stickereinführung offensichtlich - getrieben von den Ansprüchen junger, mehrheitlich weiblicher Intensivnutzer. Auch, weil die älteren Nutzer Gewohnheitsnutzer sind, die praktisch kein Ereignis außer einem Meteoriteneinschlag (eventuell) davon abhalten wird, ihre Urlaubsfotos weiterhin dort zu sharen, in der Hoffnung auf Likes von Arbeitskollegen. Teenager aber sind nicht nur aufgeschlossen gegen über sozialen Technologien, sondern auch sehr wechselfreudig und trendorientiert. Facebook würde alles tun, um diese Zielgruppe zu halten. Genau genommen hat es dafür bereits fast alles getan.

Die größte Tech-Transaktion des Jahres 2014 zum Beispiel war der 19 Milliarden Dollar schwere Einkauf von Facebook: WhatsApp. Diesen kaum glaubhaften Wert, ungefähr soviel wie Lufthansa und ThyssenKrupp zusammen, erreichte das Unternehmen allein wegen der Basis der Nutzung. Die Umsätze von WhatsApp werden es jedenfalls nicht gewesen sein, denn die lagen 2013 mit 20 Millionen Dollar etwas über denen eines einzelnen, gut laufenden Supermarkts. Und weibliche Teenager versenden seit Jahren mit Abstand die meisten Textnachrichten, einen ständigen Strom von Buchstaben, Fotos und Links. Die Verechtzeitung digitaler, privater Kommunikation haben junge Mädchen entscheidend vorangetrieben.

Die Milliardenbewertung von Snapchat, einer privaten Fotosharing-Plattform, beruht ebenso wie die von Instagram auf den Aktivitäten von mehrheitlich weiblichen Teenagern. Sie setzen technologische Trends, die durch eine Art Nutzungsgravitation immer größere Teile der digitalen Gesellschaft mit in ihre Sphären zieht. Durch ihre Zahl und vor allem die Intensivstnutzung beeinflussen sie genau die Börsen-Storys, nach denen im Bereich Social Media investiert wird. Und weil sich "social" - also die digitale, soziale Interaktion von Nutzern untereinander - weiter ausbreitet und diverser wird, zieht der Einflussbereich der Vorreiterinnen immer größere Kreise. Wo soziale Medien am intensivsten benutzt werden, liegt logischerweise auch das größte virale Verbreitungspotential.

Als nächstes krempeln junge Mädchen die Finanzwirtschaft um

Die nächste Branche, der die Nutzungsgewohnheiten dieser Gruppe so große Sorgen bereiten sollte wie die Ausbreitung von WhatsApp denjenigen, die mit SMS Geld verdienten, ist die Finanzwirtschaft. In Deutschland weitgehend unbekannt, haben sich Dienste ausgebreitet, die soziale Medien und Geldgeschäfte verknüpfen. Vorzeigeplattform dieser Entwicklung ist Venmo, eine Tochter der Ebay-Tochter Paypal. Dort kann man sich Geldbeträge mit einem Klick hin- und herüberweisen, die Transaktionen werden öffentlich im Freundeskreis angezeigt.

Auch Venmos Nutzerschaft ist in der Regel deutlich jünger als dreißig Jahre mit einem Schwerpunkt bei Jugendlichen. Ohnehin ist die Finanzwirtschaft nach Apples Markteintritt mit Apple Pay völlig zu Recht in Aufruhr. Denn die unglaublichen Gewinne der Banken, die nach der Krise von 2008 inzwischen wieder vermeldet werden, sind das nächste große Ziel der aggressiven Internetwirtschaft.

Es ist kein Zufall, dass der ehemalige CEO von PayPal inzwischen Chef des aus Facebook ausgelagerten Messengers ist. Denn schon bald wird der Facebook Messenger seine Lehren aus dem Erfolg von Venmo gezogen haben und zum mobilen Bezahlsystem metamorphieren und damit mutmaßlich die Netzökonomie massiv verändern. Und dann wird sich wieder ein Kreis geschlossen haben, wo zumeist weibliche Jugendliche einen Dienst so intensiv benutzen, dass die großen Netzkonzerne beginnen, dem Takt zu folgen, nur um schließlich eine ganze Branche in ihren Grundfesten zu erschüttern.

tl;dr

Weibliche Teenager verändern die Welt, und Ihr könnt nichts dagegen tun.

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insgesamt 64 Beiträge
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Bondurant 15.10.2014
1. Die Welt als Kindergarten
"Facebook ist faktisch die soziale Infrastruktur der digitalen Sphäre... aber was hat man denn erwartet?
h-i-2224 15.10.2014
2. Stimmt, das sind die gleichen weiblichen Socials, die jedem in der Welt
posten müssen, dass diese gerade menstruieren, den Lehrer Scheiße finden, den Hund von Bertram total niedlich finden und einen Shitstorm über den Erdball jagen, weil diese sich gerade schräg angesehen fühlen und sowieso alle Anderen doof sind. Nirgendwo wird mehr Hetze betrieben und werden mehr Lügen verbreitet als in diesen Social Networks.
Freiberufler 15.10.2014
3. Gut erkannt!
Die Tendenz war mit auch schon aufgefallen, denn anders konnte ich mir die reduzierten Fähigkeiten des iphone nicht erklären. (milde ausgedrückt, man könnte auch sagen 'amputiert') Ich habe immer gesagt, dass das für Dreizehnjährige entwickelt worden ist, und man sah mich dann komisch an. Ich wusste nicht, dass ich damit so profund recht hatte. Vielen Dank! ----------- Gruss vom Freiberufler
Labs-Kautz 15.10.2014
4. Frauenquote
So ist es recht, wozu brauchen wir eine Frauenquote in Unternehmen wenn die Mädchen bereits alles in die korrekten Bahnen lenken? Männer werden ab 40 kaum noch vermittelbar. Frauen haben ihren Zenit bereits mit 20 erreicht und können ihre Früchte dann zwischen Wickeltisch, Smartphone und Elterngeld Plus genießen. Zu guter letzt heisst es dann für alle mit 65 husch husch in die Urne solange kein Jahreseinkommen von über 60000,- vorzulegen ist. Habe ich etwa übertrieben?
beob_achter 15.10.2014
5. Die in Emoji übersetzte Bibel
läßt sicher nicht lange auf sich warten. Auch wenn sich die Emojis schon 15 Jahre gehalten haben: Die Japaner legen neues Spielzeug ganz schnell auf die Seite und stürzen sich auf die neueren Dinge. Zuckerberg wird sich bald auf frische Trends aus Japan einstellen können. Nicht-Japaner verstehen aber nicht alles, weil ihnen der Zugang zur japanischen Tradition fehlt, die trotz all dieser Gadgets unerschütterlich fortbesteht.
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