Empörung im Digitalzeitalter Geschrei? Wir verbessern gerade die Welt!

Gefühlt wird sich im Netz ständig aufgeregt: "Shitstorm" und "Hexenjagd" hier, nerviger Tumult dort. Doch oft täuscht der erste Eindruck. Über das Geheimnis der Weltverbesserung durch soziale Medien.

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Eine Kolumne von


Sie haben genau in diesem Moment eine vielleicht nicht einmalige, aber doch sensationelle Möglichkeit: Sie können mithilfe von sozialen Medien dabei sein, während gesellschaftlicher Fortschritt geschieht. Sie können dem langsamen, unregelmäßigen, komplizierten Prozess der Weltverbesserung beim Passieren zuschauen.

Das liegt auch daran, dass die digitale Sphäre, besonders die sozialen Medien Minderheiten eine eigene Stimme gegeben haben, Nicht-der-Norm-Entsprechenden ein Forum, Andersartigen neue Formen der Sichtbarkeit.

Mit dieser neuen Sichtbarkeit des Andersartigen kommen nicht alle zurecht. Vielleicht muss deshalb die Konfrontation mit dem 21. Jahrhundert genauso anfangen wie in einer Kolumne in der "ZEIT" aus dem Juli 2017: Ein Kabarettist, der in seiner Not, witzig sein wollen zu müssen, etwas entdeckt, was er nicht versteht. In diesem Fall die sogenannte leichte Sprache, also eine nach wissenschaftlichen Kriterien aufgebaute Sprache, die Nichtmuttersprachlern, Lernbehinderten und vielen anderen das Lesen erleichtert.

Außerhalb des zwingenden Kriteriums - Lustigkeit - kann man die Qualität von Spott recht gut danach beurteilen, ob der Spötter nach oben tritt (also etwas riskiert) oder nach unten und ob er das Sujet verstanden hat oder nicht. Spottqualitativ rangiert der besagte Kolumnist, Alfred Dorfer, auf der niedrigsten Stufe: Er spottet von oben herunter, ohne das Thema zu durchdringen und ist dabei nicht einmal lustig. Das uralte Lausbubenprinzip "lachend Käfer zertreten", nur ohne Kind.

Empörung als Vorform eines demokratischen Korrektivs

Das wäre bloß herkömmlicher Reaktionärshumor, also die Standardabwehr der Selbstzufriedenen gegen den Wandel der Welt, die nichts voranbringt als die innere Veronkelung. Wenn es die sozialen Medien nicht gäbe, die auf solche Reize reagieren.

Digitale Empörung hat zwischen gedankenlos dahergesagten Kampfbegriffen wie "Shitstorm" oder "Hexenjagd" einen etwas negativen Klang bekommen, aber Empörung kann auch gut sein: als Vorform eines demokratischen Korrektivs. Das, was man in Debatten "Druck der Öffentlichkeit" nennt. Damit wird das Treten nach unten endlich auch riskanter. Zum Beispiel, weil die da unten öffentlich zurücktreten können.

Aber anders als im 20. Jahrhundert hat die Empörung in der Öffentlichkeit heute oft eine neue Qualität: die Beteiligung von Betroffenen selbst durch soziale Medien. An Debatten über Alleinerziehende beteiligen sich in sozialen Medien Alleinerziehende. An Diskussionen über Transsexualität nehmen Transsexuelle teil. Wenn über Autisten gesprochen wird, sprechen Autisten einfach mit. Diese Sätze scheinen vollkommen selbstverständlich. Beim näheren Hinsehen aber lässt sich eine ebenso große wie unterschätzte gesellschaftliche Verschiebung erkennen.

Betroffenheit gilt oft als Unvermögen, objektiv urteilen zu können

Denn als alles, was wir über die Welt wussten, noch über Massenmedien vermittelt wurde, waren Minderheiten und Randgruppen oft auf institutionelle Sprachrohre und Berufsfürsprecher angewiesen. Mit erkennbaren Auswirkungen in der Demokratie.

Das halbe Internet taumelte zwischen Fassungslosigkeit, Wut und Amüsiertheit, als vor einiger Zeit das Foto einer saudi-arabischen Konferenz über Frauenrechte herumging. Darauf waren ausschließlich Männer zu sehen.

Ein bitteres Symbol der institutionalisierten saudi-arabischen Frauenverachtung - aber gleichzeitig ein Fingerzeig darauf, wie absurd es eigentlich ist, Debatten zu führen ohne die unmittelbar Beteiligten. Dabei ist genau das in vielen Bereichen Standard, wo etwa Nichtbehinderte mit Nichtbehinderten über Behinderung diskutieren. Dahinter steckt auch ein Haltungsproblem: Betroffenheit gilt oft als Unvermögen, objektiv urteilen zu können. Mit diesem Argument lässt sich jede Gruppe marginalisieren.

Mit den sozialen Medien aber ist dieser machtvolle Rückkanal entstanden, der sich hervorragend für eine neue Form der demokratischen Teilhabe eignet: spontane Micro-Lobbys, Interessenvertretung to go. Eine nicht klassische organisierte, aber gut vernetzte und lautstarke Gruppe von Autisten hat zwischen Sommer 2015 und Januar 2017 gezeigt, wie diese Form des netzbasierten Aktivismus selbst Betroffener funktionieren kann.

Umstrittene Therapieform für Autismus

Es begann mit einer Förderung der Aktion Mensch, dem größten Sozialverein Deutschlands, der aus Lotteriemitteln schon fast vier Milliarden Euro an soziale Projekte weitergegeben hat. Dabei wurde auch eine Therapieform für Autismus namens ABA gefördert. Sie ist hoch umstritten, denn dabei werden vor allem autistische Kinder auf Sozialverträglichkeit getrimmt, was das Umfeld zwar als Vorteil interpretieren mag, bei den Betroffenen aber traumatisch wirken kann.

Bei der Entwicklung von ABA in den Sechziger- und Siebzigerjahren wurde dabei sogar mit Elektroschocks und Schlägen gearbeitet, inzwischen wird der Gehorsam anders antrainiert, zum Beispiel durch "Geschmacksaversionen", also die Zwangsgabe von Essig oder Cayennepfeffer. Wenig verwunderlich, dass sich Autisten dagegen selbst organisiert haben - über soziale Medien.

Auf dem Blog fragtwarum.tumblr.com ist eine minutiöse Chronologie der vielfältigen Aktivitäten gegen die ABA-Förderung aufgezeichnet, und im Januar 2017 gab die Aktion Mensch schließlich bekannt, keine ABA-Projekte mehr zu fördern: "Hintergrund ist die seit Monaten andauernde Kritik an einem von uns geförderten Projekt - vor allem durch Vertreter der Autismus-Community."

Hier ist also eine Wirkung der vernetzten Interessenvertretung nachweisbar - und bei der näheren Beobachtung scheint gleichzeitig die Ambivalenz auf. Denn oft mag die Kommunikation der besagten "Autismus-Community" von außen gewirkt haben wie ein "Shitstorm" oder "Hexenjagd".

Der Tumult wirkt

In einzelnen Fällen etwa auf Twitter eskalierte die Empörung - nachvollziehbar, wenn man das Leid der ABA-Geschädigten vor Augen hat. Betrachtete man aber nur einen kleinen Ausschnitt des seit anderthalb Jahren andauernden vielschichtigen Kampfes, dann konnte man den Eindruck gewinnen, hier fände aus nichtigen oder nicht nachvollziehbaren Gründen Geschrei statt. Das ist das Geheimnis der Weltverbesserung durch soziale Medien: Sie kann von außen betrachtet wie ein nerviger, kleinlicher, kaum nachvollziehbarer Tumult erscheinen. Aber genau dieser Tumult wirkt.

Natürlich kann Empörung im Netz höchst destruktiv wirken (siehe meine letzte Kolumne) und nicht jede Eigeninteressengruppe verfolgt edle oder auch nur sinnvolle Ziele - aber strukturierte, nachhaltige Empörung von Betroffenen und Sympathisanten kann eben auch als Treiber einer neuen Sichtbarkeit funktionieren.

Und soziale Sichtbarkeit, immer und immer wieder, führt zunächst zur Auseinandersetzung und dann zur Gewöhnung. Ein altbekanntes, soziales Phänomen: Wo mehr Menschen mit Migrationshintergrund leben, werden rechtsextreme Parteien seltener gewählt. Wir haben es in diesem Sommer erlebt, wie die seit 30 Jahren immer offensivere Sichtbarkeit Homosexueller, die Reduktion des Zwangs, sich zu verstecken, schließlich zur Ehe für alle geführt hat.

Gehen Sie ins Netz, schauen Sie sich die Kämpfe der Betroffenen an, spotten Sie vielleicht ein wenig liebevoll: Aber was Sie als kaum verständliche Empörung betrachten, kann auch Weltverbesserung live sein.

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insgesamt 91 Beiträge
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Seite 1
dadubmix 19.07.2017
1. Das Internet hat in der Tat das Potenzial, die Welt zu verbessern...
...wenn man sich nicht dauernd an irgendwelchen Lappalien aufhängen würde, anstatt die wirklich wichtigen Dinge zu thematisieren. Ach halt, das lässt sich ja schwer in 140 Zeichen pressen.
nixproblem 19.07.2017
2. Bald abgestumpft
Es gibt hier kein Geheimnis. Das ständige Hyperventilieren wird erst zur Gewohnheit und mittelfristig zum Überdruss - dann hat es sich. Hier glaubt noch jemand an den Weihnachtsmann....
IMOTEP 19.07.2017
3. Hilfreich
Ein durchaus Interessanter und lesenswerter Beitrag von Lobo. Hilfreich wäre aber wenn er seine Gedanken etwas übersichtlicher formulieren würde, auch und gerade "Autisten" wären ihm sicher dafür dankbar.
wolle0601 19.07.2017
4. Demokratisches Korrektiv?
Was ist demokratisch daran, wenn lautstarke, aktivistische aber eben doch Minderheiten den Diskurs bestimmen - mit Oldschool-Medien oft in der Rolle nützlicher Verstärker-Idioten? Demokratie lebt letztendlich davon, dass sich die Spinner und Wichtigtuer zu Null addieren. Wenn sie stattdessen mit ihren Minderheitenthemen Dauerlärm verursachen, wird es gefährlich.
rennflosse 19.07.2017
5. Elitär vs inflationär
Früher konnte man Leserbriefe schreiben und wenn man Glück hatte, wurden sie auch gedruckt. Heute kann jeder irgendwo und irgendwie mitreden, aber die Inflation der Meinungsplattformen führt auch zur Ignoranz. Jeder darf etwas sagen, aber er erhält nur selten Aufmerksamkeit. So wie auf Youtube jeder etwas veröffentlichen kann, aber mit dem Risiko einer einstelligen Anzahl von Viewern. Gut, wenn Betroffene mitreden können, wo es um sie geht. Die leichte Sprache scheint dafür aber ein schlechtes Beispiel. In ihrem Vereinfachungswahn überschreitet sie zu oft die Grenze zwischen Richtig und Falsch. Zu grobe Vereinfachung führt zu einer falschen Ansage. Insofern darf auch ein Kabarettist den Finger in die Wunde legen. Oder sind Wissenschaftler sakrosankt? Leichte Sprache kann ein Weg sein für Nicht- Muttersprachler und Lernbehinderte. Aber sie ist nicht das Ziel.
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