S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Die Prokrastinationsmaschine

Noch nie war das Nichterledigen eigentlich drängender Aufgaben leichter als heute. Das Internet beschert chronischen Aufschiebern unendliche Möglichkeiten der Selbstablenkung. Prokrastination, Trödeln, ist keine neue Erfindung - wie man von einem ihrer Großmeister lernen kann.

Eine Kolumne von


Es ist leider unwahrscheinlich, dass der ewige König der Aufschieber, der unerreichte und unerreichbare Großprokrastinator Wolfgang Koeppen je das Internet näher kennenlernte, denn er starb 1996 mit fast 90 Jahren.

Und doch ist er heute der Schutzheilige jedes Internetnutzers, denn im Netz vergeht die Zeit schneller als irgendwo sonst, wenn man eigentlich etwas anderes tun müsste. Koeppen kam mit dem Verleger Siegfried Unseld 1957 in Kontakt. Ein Briefwechsel begann, sie beschlossen zusammenzuarbeiten, und von da an wartete Unseld auf einen neuen Roman. Brief um Brief, Jahr um Jahr, vertröstete Koeppen ihn.

1961: "Überdies ermahnen Sie mich, wie ein strenger Vater den faulen Sohn, das Vertrauen des Verlages nicht zu enttäuschen. Ist dieser Zeigefinger nicht zu früh erhoben? [...] Bei mir, das lehrt mich die Erfahrung, besteht die grosse Chance, dass ich termingerecht oder nur wenig verspätet fertig sein werde."

Prokrastination, Aufschiebeverhalten, ist ein Problem, das durch die digitale Welt größer geworden sei. Das sagen zumindest diejenigen, die glauben, darunter zu leiden. Sie bekämen nichts mehr hin, weil ewig das Netz locke, niemals sei es leergelesen, und "Angry Birds" veröffentliche alle paar Tage fünfzehn neue Level. Nichts eignet sich besser als das Internet, um Zeit zu vertändeln, die man eigentlich nicht hat; das Netz als Tändelwerk.

1961: "Ich bin jetzt so weit, zu sagen, dass ich den ersten Band des grösseren Romans nicht vor Ende März fertig haben werde."

Jeder schweifende Gedanke kann sofort verfolgt werden

Die Stärke des Internets, beinahe jede Information sofort verfügbar machen zu können, gerät im Alltag, bei der Arbeit, leicht zur Schwäche. Jeder schweifende Gedanke kann sofort verfolgt werden, nichts hindert den User, zufälligen Eingebungen hinterherzugoogeln. Nichts außer Disziplin. Bei vielen also: nichts.

1963: "Ich hoffe, am letzten Mai, äusserstenfalls am fünfzehnten Juni fertig zu sein."

Kam einem früher ein Lied in den Sinn, schützte die Trägheit davor, die staubige Tonträgersammlung aufwendig zu durchsuchen. Heute schützt einen nur die Gema davor, einen Song in weniger als drei Sekunden auf YouTube anzuhören. Weniger disziplinierte Nutzer außerhalb Deutschlands müssen völlig verzweifelt sein.

1966: "Manuskript? Ja. Juni. Ende Juni."

Immer mehr Tätigkeiten in immer mehr Branchen erfordern eine Netzverbindung. Cloud Computing bedeutet, dass sich Arbeit, die früher auf dem Computer am Platz stattfand, auf die Server in der Wolke verlagert. Dem Unverpeilten ist die Cloud eine Effizienzmaschine. Aber hat jemand darüber nachgedacht, was weniger eiserne Gemüter empfinden, wenn zu jedem Zeitpunkt nur einen Klick weiter Facebook lauert und YouTube, Twitter und Fotos von Babyeulen?

1968: "Bei alledem arbeite ich wieder und bilde mir ein, das Buch in vier bis sechs Wochen zu haben. Sie glauben es nicht. Ich verstehe Sie. Auch das könnte ein Ansporn sein."

"Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen"

Den Kampf gegen Prokrastination haben bisherige Generationen mit bauernregelhafte Weisheiten beschrieben: "Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen". Aber bisherige Generationen hatten auch kein Internet, sie litten nicht unter der ständigen Hochverfügbarkeit von wirklich allen Kulturgütern, die man sich denken kann. Es fällt leicht, auf etwas zu verzichten, was ohnehin nur theoretisch da sein könnte. Uropa kam ganz ohne "Angry Birds" aus.

1971: "Ich werde Ende April fertig sein, aber diesmal werde ich fertig sein."

Joseph Ferrari ist Professor für Psychologie und der bekannteste Aufschiebeforscher. Einem Aufschieber zu sagen, er soll einfach einen Plan machen, das ist, als würde man einem Depressiven sagen, er soll einfach mal fröhlicher sein. Sagt Joe Ferrari, und es hört sich witzig an, aber es nützt nichts, wenn man nicht von Facebook loskommt.

1971: "Lieber Herr Koeppen, heute ist der 20. August. Das war doch ein Termin, den wir uns beide gestellt haben. Wie sieht es mit dem Manuskript des Romanes aus?"

Prokrastination erscheint retrospektiv oft ärgerlich. Was hätte man alles schaffen können in der Zeit? Viel zu selten stellt man sich die Frage: Warum prokrastiniere ich? Oder die Frage wird gestellt und im gleichen Moment falsch beantwortet: Weil ich faul bin.

1974: "Lieber Wolfgang, in meinem Kopf steht eine Notiz, wonach Du mir bis zum 20. Mai eine Nachricht geben wolltest, ob wir mit dem Manuskript rechnen können. Wie steht es damit?"

Faulheit hat nur am Rande mit Prokrastination zu tun

Faulheit hat nur am Rande mit Prokrastination zu tun. Das ist die gute Nachricht für Leute, die unter ihrem Aufschiebeverhalten leiden. Die schlechte Nachricht ist: Es hat viel unangenehmere Gründe. Nämlich solche, die man ändern könnte. Auf die Frage "Warum prokrastiniere ich?" lautet die Antwort nicht immer, aber oft: "Weil du etwas tun sollst, dessen Sinn du eigentlich nicht siehst." Aufschiebeverhalten kann ein Zeichen dafür sein, dass etwas Grundsätzliches schiefläuft.

1974: "Ich hoffe, wenn es gut geht, dir den fertigen Roman zum Jahresende zu geben."

Auf Twitter gehört es zum guten Ton, über den bösen, anstrengenden Montag zu ächzen und zu schimpfen. Der kluge Twitterer und Brettspielemacher Marcel-André Casasola Merkle schrieb vor einiger Zeit: "Es ist nicht der Montag. Es sind eure Jobs." Leiden unter Prokrastination ist oft ein Stellvertreterleiden, weil man unter einem Job leidet, dem man eigentlich gern ausweichen würde.

1978: "Bitte, lass es mich tun. Ich mag über das wie und wo heute nichts sagen. ich werde mich ransetzen mit dem Vorsatz, es bis zum 13. Juli (Julei) zu schaffen. Ein Risiko bleibt."

Von diesem Standpunkt aus muss man dem Netz dankbar sein. Nie zuvor war es so einfach, sich ablenken zu lassen. Was darauf hindeuten kann, dass man auf dem falschen Weg ist. Prokrastination im Internet ist ein kleines Engelchen auf der Schulter, das sagt: "Geh nicht, es tut dir nicht gut!" Man sollte Prokrastination als Symptom für ein anderes, tieferliegendes Problem begreifen. Don't shoot the messenger.

1981: "Es war reiner kindischer Trotz, dir zu sagen, dass ich seit Juni keine Zeile am Roman geschrieben hätte. Natürlich habe ich geschrieben..."

Und wenn alles nichts nutzt? Wenn es unmöglich scheint, gegen das unendliche Internet zu gewinnen, obwohl man wirklich gern würde? Im konkreten Fall helfen eigentlich nur zwei Mittel: Zwang und Freude. Nur lässt sich Freude - so der aktuelle Forschungsstand - nicht bei jeder Aufgabe entwickeln. Zwang schon eher. Ein Lob dem Zwang, ein Lob der aggressiven Deadline, deren Nichterfüllung das Schlimmste bedeuten würde. Oder so was Ähnliches.

1992: "Das Schlimmste: Das Versprechen 01. Februar lässt sich nicht halten. Ich bleibe aber dran."

Und wenn gar nichts mehr geht, wenn man eigentlich arbeiten sollte, aber: das Internet! Dann kann man immerhin noch an den Schutzheiligen denken. Wolfgang Koeppen schob den lange erwarteten Roman über 35 Jahre lang auf, bis er starb, ohne ihn geschrieben zu haben. Wenn man also vermeintlich wegen der ständigen digitalen Ablenkung mit irgendeiner Aufgabe drei Wochen überfällig sein sollte - es handelt sich um gerade mal 0,16 Prozent auf der Koeppenskala der Prokrastination. Es ist nicht der Montag, es ist nicht das Internet.

1995: "Lieber Siegfried, ich werde dieses Buch und auch andere Bücher fertig schreiben. Lasse mich das schreiben, störe mich nicht."

tl;dr

Die Kurzzusammenfassung wird demnächst nachgeliefert.

Quelle für alle Zitate: Wolfgang Koeppen / Siegfried Unseld: "Der Briefwechsel", Suhrkamp 2007

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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
Europa! 29.05.2012
1. Ein Beispiel, ja. Aber wofür?
Zitat von sysopNoch nie war das Nichterledigen eigentlich drängender Aufgaben leichter als heute. Das Internet beschert chronischen Aufschiebern unendliche Möglichkeiten der Selbstablenkung. Prokrastination, Trödeln, ist keine neue Erfindung - wie man von einem ihrer Großmeister lernen kann. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,835639,00.html
Vor allem ist der Fall Koeppen ein Beispiel dafür, wie großzügig und geduldig die angeblich so bösen Verlage sein können. Denn Unseld hat nicht nur gedrängt ... er hat Koeppen auch all die Jahre hindurch finanziell unterstützt. Davon sollte man an dieser Stelle nicht schweigen.
irreal 29.05.2012
2. Warum eigentlich werd ich das Gefühl
Zitat von sysopNoch nie war das Nichterledigen eigentlich drängender Aufgaben leichter als heute. Das Internet beschert chronischen Aufschiebern unendliche Möglichkeiten der Selbstablenkung. Prokrastination, Trödeln, ist keine neue Erfindung - wie man von einem ihrer Großmeister lernen kann. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,835639,00.html
nicht los, dass Sasche Lobo einfach zu viel in einer virtuellen Welt rumcybert, während die Welt real greifbar nur fassbar bleibt? So kann er sich ja mal sein Schnitzel auf dem Grill cybermäßig produzieren und ich könnt mir vorstellen, der glaubt sogar dann es zu schmecken, leider wird aber sein Körper das nicht hinkriegen auch zu wissen, dass ein cyberschnitzel ihm als reine technische Anlage auch ne Energie verpasst die da rein dem Glauben unterliegt. Liebe Güte, was schafft eigentlich der Verstand bei dummen Menschen? MFG
Kaygeebee 29.05.2012
3. optional
Man schiebt die Arbeit vor sich her, weil man keine Lust hat und keinen Sinn darin sieht. Die Zeit vergeht, aber man kriegt diesen "Kick" einfach anzufangen nicht. Mehr Arbeit kommt hinzu. Jetzt weiß man nicht mehr WO man anfangen soll, also gerät man in Panik. Im Notfall greift die sog. "Torschlusspanik", aber in wenigen Tagen oder Stunden die Arbeit von Wochen nachholen? Eher nicht... In der Uni bettelt man dann um Fristverlängerungen oder schreibt die Nächte durch. Ich mache mir immer eine "To-Do" Liste meiner Aufgaben mit den endgültigen Terminen dahinter. Erledigte Aufgaben streiche ich durch. Richtig schön wird es aber wenn die Liste fast komplett abgearbeitet wurde, lange bevor der letzte Termin fällig ist. Der Trick ist aber die Zerlegung der Arbeit. Keiner schafft es eine Hausarbeit in drei Tagen zu schreiben. Man kann den Stoff von acht Wochen Uni nicht in zwei Tagen für die Klausur nachholen. Jeden Tag etwas machen, im Schnitt bin ich bei 30 Min. - 1 Std. pro Tag. Mal mehr, mal weniger. Einen Tag mal nichts machen ist auch OK, denn bei Zwang steigt die Qualität nicht gerade. Das dumme Gefühl "Warum hat das jetzt eigentlich so lange gedauert?" kommt immer nach dem Abschluss der Arbeit. "Warum habe ich für vier Seiten drei Wochen gebraucht?".
Kaygeebee 29.05.2012
4. optional
Man schiebt die Arbeit vor sich her, weil man keine Lust hat und keinen Sinn darin sieht. Die Zeit vergeht, aber man kriegt diesen "Kick" einfach anzufangen nicht. Mehr Arbeit kommt hinzu. Jetzt weiß man nicht mehr WO man anfangen soll, also gerät man in Panik. Im Notfall greift die sog. "Torschlusspanik", aber in wenigen Tagen oder Stunden die Arbeit von Wochen nachholen? Eher nicht... In der Uni bettelt man dann um Fristverlängerungen oder schreibt die Nächte durch. Ich mache mir immer eine "To-Do" Liste meiner Aufgaben mit den endgültigen Terminen dahinter. Erledigte Aufgaben streiche ich durch. Richtig schön wird es aber wenn die Liste fast komplett abgearbeitet wurde, lange bevor der letzte Termin fällig ist. Der Trick ist aber die Zerlegung der Arbeit. Keiner schafft es eine Hausarbeit in drei Tagen zu schreiben. Man kann den Stoff von acht Wochen Uni nicht in zwei Tagen für die Klausur nachholen. Jeden Tag etwas machen, im Schnitt bin ich bei 30 Min. - 1 Std. pro Tag. Mal mehr, mal weniger. Einen Tag mal nichts machen ist auch OK, denn bei Zwang steigt die Qualität nicht gerade. Das dumme Gefühl "Warum hat das jetzt eigentlich so lange gedauert?" kommt immer nach dem Abschluss der Arbeit. "Warum habe ich für vier Seiten drei Wochen gebraucht?".
rbehringer 29.05.2012
5. Prokrastination...
... hat auch etwas Gutes: wenn man lange genug damit wartet, etwas unangenehmes zu tun, dann erledigt es sich manchmal von selbst, oder die Aufgabe aendert sich oder loest sich auf. Habe genau diese Erfahrung schon oft gemacht; diese Lernerfahrung ist dann natuerlich nicht unbedingt hilfreich dabei, etwas gegen die Prokrastination zu unternehmen...
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