S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Das Nerd-Dilemma

Eine Kolumne von

Die Piratenpartei klettert in den Umfragen immer höher. Dieser Erfolg ist auch ein Zeichen für den Aufstieg der Internet-Nerds. Um ihre digitale Heimat zu verteidigen, müssen sie sich mit Politik, Konzernen und Kulturschaffenden anlegen - ein Dilemma.

Wenn die Piratenpartei in immer neue Umfragehöhen aufsteigt, dann ist diese Entwicklung auch ein Zeichen für das Aufbegehren eines Persönlichkeitstyps, dessen Wirken allgegenwärtig ist, dessen politische Macht aber noch begrenzt scheint: Der Nerd ist zugleich Architekt, Maurer und Hausmeister der heraufziehenden digitalen Gesellschaft, empfindet sich aber ungerechterweise als ständiger Befehlsempfänger und Außenseiter. Seit einigen Jahren hat der Nerd einen dramatischen Imagewandel hinter sich gebracht.

Einst als intelligenter Technik-Soziopath verschrien, wird er heute von vielen Leuten als eben jener intelligente Technik-Soziopath betrachtet - nur dass mit der digitalen Vernetzung sein Wirkungsbereich noch bis in den letzten Winkel der Gesellschaft hineinreicht. Dieses Bild des Nerds ist eine stark vereinfachende und ungerechte Zuschreibung mit einem wahren Kern. Zudem sind die wenigsten Nerds wirklich Nerds in Reinform, es handelt sich eigentlich um einen Teilaspekt der Persönlichkeit - ja, Nerdtum kann man sogar erlernen.

Das pure Nerdtum zeichnet sich durch eine rationale Denkweise und eine schöpferische Konstruktionskraft aus, zwei an sich wunderbare Eigenschaften. Alles könnte also so schön sein - wenn der Nerd mit seinem Rationalismus, mit der strikten Orientierung an einer technisch messbaren Vernunft, nicht unangenehm selten die Notwendigkeit zur Empathie sehen würde. Wer seine Position für systemgegeben vernünftig hält, für den ist ein Perspektivwechsel auf die vermeintlich unvernünftige Position wenig attraktiv, für den besteht die Welt aus richtig und falsch, aus Null und Eins. Ist es Zufall, dass der Erfinder des binären Zahlensystems, Gottfried Wilhelm Leibniz, oft als Rationalist bezeichnet wurde? Nein, denn rationale Vernunft und digitale Denkweisen liegen dicht beieinander.

So hat der Nerd über die Jahrhunderte nach dem Prinzip der Selbstähnlichkeit den Computer geschaffen, der nur Null und Eins kennt, nur den höchst rationalen Vorgang der Berechnung beherrscht und Ergebnisse liefert, die ohne Grauwerte allerhöchste Präzision versprechen. Denn darin liegt der Schlüssel zum Verständnis des Nerdtums: Es ist eine Art, die Welt durch die präzise Vermessung verstehen und nutzbar machen zu wollen. Nerds sind auf ihre eigene Weise immer Weltverbesserer.

Das Internet ist das neue Amerika

Das Nerddilemma nun entstand, Überraschung, mit dem Internet, also mit der Vernetzung der Computer. Denn Vernetzung ist ein sozialer Vorgang, und das Soziale ist dem Nerd nicht völlig fremd - wenn es zu seinen Bedingungen geschieht. Das aber funktioniert nur mit anderen Nerds wirklich gut, denn Berechenbarkeit ist nicht gerade die Grundeigenschaft sozialer Vorgänge. Das von den Nerds als nerdsoziale Nerdsphäre geschaffene Internet dehnt sich aus und durchdringt immer größere Teile der Gesellschaft, von Kultur, Politik, Wirtschaft.

Das Nerddilemma ist das Leiden am eigenen Erfolg: Das Nerdinstrument wurde zu groß und wichtig, als dass der Rest der Gesellschaft es in Nerdeshand belassen wollte. Die Kämpfe, die heute toben - etwa um Urheberrecht oder Netzregulierung - sind die Gefechte zwischen den einheimischen Netznerds und den Kräften der alten Welt, das Internet ist das neue Amerika. Nur dass noch keinesfalls klar ist, wie diese Kämpfe ausgehen werden. Die Frontlinien aber werden jeden Tag deutlicher sichtbar:

  • Für den Nerd - der die Welt mit Messwerten begreifen möchte - besteht die Welt aus Daten, und Daten sollen frei und unabhängig fließen, das ist die Funktion des Netzes.
  • Dagegen besteht für den Kulturschaffenden die Welt aus Werken, und Werke sollen bleiben.
  • Für den Politiker besteht die Welt aus Abhängigkeiten, für die Wirtschaft besteht die Welt aus dem Markt und damit der Produktverknappung.

Diese drei Maximen, das abgeschlossene Werk, die politischen Abhängigkeiten und die produktbezogene Verknappung, stehen der Netzweltanschauung des Nerds entgegen. Er lehnt sie nicht grundsätzlich ab, aber ordnet sie im Zweifel dem großen Datenfluss namens Internet unter. Und weigert sich - die technische Vernunft ist doch auf seiner Seite! -, andere Perspektiven einzunehmen.

Der Nerd ist auf dem Weg zum integrierten Außenseiter

Der Nerdschaft gegenüber steht diese mächtige Phalanx gesellschaftlicher Gruppierungen - die nichtdigital geprägten Teile von Kultur, Politik und Wirtschaft - die misstrauisch und ängstlich beobachten, wie die lange verlachten, verspotteten und ausgenutzten Technikhausmeister aufbegehren. Und wie das Aufbegehren zunehmend erfolgversprechender wird, weil sich immer mehr gesellschaftliche Prozesse in die von ihnen geschaffenen Sphären verlagern. Nerdtum heißt auch, ein Basiswissen und ein Gespür für technische Zusammenhänge zu entwickeln. Nirgendwo stimmt "Wissen ist Macht" so sehr wie in der Welt der Nerds, und diese Welt ist mit dem Internet dabei, ihre Regeln allen anderen überzustülpen.

Das Nerddilemma besteht aber auch darin, dass weder die reine, technokratische Nerdherrschaft wünschenswert wäre - noch wie bisher der Ausschluss der Nerdschaft, also ihre Verdrängung in den Maschinenraum. Auf der einen Seite stünde eine Systemadministrokratie mit fatalem Empathiedefizit. Auf der anderen Seite stünde das Beharren darauf, dass die breit akzeptierte, vordigitale Vernunft gefälligst auch im digital vernetzten Zeitalter noch zu gelten habe: zwei Alpträume, aufgespannt zwischen völliger Abwesenheit und Totalherrschaft der Netzvernunft.

Dem Dilemma zum Trotz gibt es aber vielleicht doch einen Ausweg. Denn der Erfolg der Nerds mit dem Netz hat zu einer Annäherung an den Rest der Gesellschaft geführt. Die digital geprägte Nerdkultur ist auf einer Art Siegeszug, vom erstaunlichen Erfolg der Nerdserie "Big Bang Theory" bis zum klischeenerdhaften Anti-Chic, den der Hipster mit seiner Hornbrille durch die Metropolen trägt. Aus solchen Symbolen allein wird noch kein tragfähiges Gesellschaftsmodell, aber es handelt sich um kleine Schritte der Integration - der Nerd ist auf dem Weg zum erstaunlich integrierten Außenseiter.

Damit ist ein Weg vorgezeichnet: die Umarmung des Nerds, die Einbindung seiner Werte, seiner Lösungen, seiner Maßstäbe, wo seine Nerdinstrumente wie das Internet längst eingebunden sind. Zu einer Umarmung aber gehört jemand, der umarmt, und jemand, der sich umarmen lässt. Dann - und nur dann - kann es gut werden.

tl;dr

Welt XOR Nerdtum = WTF; Nerdtum AND Welt = FTW.

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insgesamt 99 Beiträge
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1.
neza.himself 10.04.2012
Zitat von sysopDie Piratenpartei klettert in den Umfragen immer höher. Dieser Erfolg ist auch ein Zeichen für den Aufstieg der Internet-Nerds. Um ihre digitale Heimat zu verteidigen, müssen sie sich mit Politik, Konzernen und Kulturschaffenden anlegen - ein Dilemma. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,826515,00.html
Einmal XOR bitte :)
2. Fans, Begeisterte, Spielkinder
twellb 10.04.2012
Weder haben Nerds den Rechner erfunden noch sind sie technohistorisch eine Besonderheit- die Erfindung des Automobils brachte Analoges hervor. Ihr Empathiedefizit ist dabei genauso gewöhnlich wie ihr eindimensionales Denken. Ich erinnere mich noch an die Psychoanalysewelle Anfang der 70er - es gab da Leute, die alles, wirklich alles in dieses Weltbild integrierten - irgendwann war die Einseitigkeit unbestreitbar. Wer das Netz als Heimat begreift, überhöht ein simples, aber mächtiges Werkzeug - und er verrät etwas über seine reduzierte emotionale Ausstattung. Das Netz ist Werkzeug, das eventuell wegen seiner strukturellen Robustheit, gegründet auf infrastrukturelle Redundanz, Freiheiten schafft und garantiert - Grund genug, das Netz zu schätzen. Wie sagt Gustav Heinemann: =Ob ich Deutschland liebe? Ich liebe meine Frau.=
3.
mm71 10.04.2012
Zitat von sysopDie Piratenpartei klettert in den Umfragen immer höher. Dieser Erfolg ist auch ein Zeichen für den Aufstieg der Internet-Nerds. Um ihre digitale Heimat zu verteidigen, müssen sie sich mit Politik, Konzernen und Kulturschaffenden anlegen - ein Dilemma. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,826515,00.html
Nur mal so am Rande: Dieses ganze Gerede von "Digitalen Ureinwohnern", die ihre "Heimat" gegen Zuzügler verteidigen müssten, um einen idealisierten Status Quo zu erhalten (bzw. Zuzügler müssten sich gefälligst den althergebrachten Gebräuchen anpassen) ist im Grunde Chauvinismus, Ab- und Ausgrenzung pur. Man ersetze als Gedankenspiel einfach mal die digitale Heimat durch die geographische....
4. Sascha, warum immer denglish/germish
VRI 10.04.2012
Lieber Sascha Lobo, das Wort Nerd in allen Variationen in diesem Artikel liest sich extrem merkwürdig. Haben wir in unserer Sprache keinen wirklich passenden Begriff dafür? Ich weigere mich alles denglisch oder germish zu machen. Es klingt so hölzern.
5. Eigenartige Analyse
manschu 10.04.2012
diese analyse ist eigentlich nicht so schlecht. denn der nerd wird wohl tatsächlich teil dieser gesellschaft. genauso wie der bauarbeiter und der beamte. mit der piratenpartei hat das ganze aber nur bedingt zu tun. der autor scheint sie nicht verstanden zu haben. denn eine aktuell sehr starke anziehungskraft hat z.b. der kampf gegen acta. also genau gegen diese vernetzung. die piratenpartei macht sich gedanken darüber, wo die informationen frei fließen sollen, und wo nicht. genauso kämpft sie in bestimmten bereichen gegen das digitale. z.b. gegen wahlcomputer. denn sie kennen die gefahren der technik sehr gut und können daher besser beurteilen, wo chancen und risiken liegen. im übrigen sind in meinem bekanntenkreis piraten gerade bei den ü50ern zu finden und bei film, musik und softwareschaffenden. denn sie haben verstanden, dass das derzeitige recht auf geistiges eigentum gerade denen schadet, die es schaffen. es nützt nur den millionen oder milliardenschweren rechteverwertern. die jungen wähler wollen oft auch eines tages in genau diesem bereich arbeiten und ihr geld verdienen. bis die medien auf das niveau des normalen piratenwählers aufschließen, wird es aber wohl noch etwas dauern. bis dahin muss man wohl noch mehr abstruse analysen verdauen müssen.
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Sascha Lobo

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Was bedeutet tl;dr?
In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internetabkürzung für "too long; didn't read".

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