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24. April 2012, 13:18 Uhr

S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine

Aufstand der Selbsternannten

Eine Kolumne von

Die digitale Welt stellt bestehende Hierarchien in Frage - und das ist schmerzhaft für alle, die von diesen Hierarchien profitieren. Die Internetdebatte ist deshalb aggressiv, aber ermüdend. Jede große Veränderung bringt diesen Konflikt mit sich: den Kampf um die Macht.

Im März 2012 verbrandbrieften 51 "Tatort"-Autoren ihre Empörung über die Verschlechterung der Welt durch die Internet People. Unter den Unterzeichnenden fand sich auch ein Name, den man einige Jahre zuvor nicht zwingend mit kulturbewahrerischen Aufrufen in Verbindung gebracht hätte: Xaõ Seffcheque, ehemaliger Wahldüsseldorfer aus Graz und einer der wichtigsten Köpfe des Punk in Deutschland. Im wunderbarsten Buch über die jüngere deutsche Kulturgeschichte, dem Doku-Roman "Verschwende Deine Jugend" von Jürgen Teipel, spielen Seffcheques Kommentare eine tragende Rolle. Er berichtet vom Gefühl, das sich ab Mitte der siebziger Jahre in der Musik manifestierte: "Etwas später, Ende 76, kam jemand mit der ersten Ramones-Platte aus New York zurück.[…] Und plötzlich merkte ich: 'Das kann ich ja auch!'"

Ironischerweise hat der netzverletzte Seffcheque damit 1976 das Übermotto der Bewegung geschaffen, die ihm jetzt gefährlich und "demagogisch" erscheint. Wenn es einen Leitgedanken der sozialen Medien gibt, einen Leitgedanken der aktiven Internetnutzer, dann heißt er: "Das kann ich ja auch!" Dieses Phänomen lässt sich natürlich wie fast alles außer College Rock von zwei Seiten betrachten. Für die kritische Perspektive sorgte zum Beispiel Andrew Keen, dessen wichtigstes Buch aus dem August 2008 folgenden (hier wörtlich übersetzten) Titel trägt: "Der Kult des Amateurs - wie Blogs, MySpace, YouTube und der Rest der heutigen Nutzer-generierten Medien unsere Wirtschaft, unsere Kultur und unsere Werte zerstören".

Schon im September 2008 allerdings entdeckte Keen nicht nur eine Liebe zu Twitter, die ihn fast zehntausend Tweets absondern ließ. Sondern auch einen leicht irrwitzigen Kunstgriff, weshalb Twitter besser sei als die anderen sozialen Medien: Die dort entstehende Hierarchie zwischen Talent und Publikum würde den Amateur zurückdrängen. Nun ist Kritik am Profiprovokateur Keen aus der Perspektive des Internetnutzers etwa so originell wie die Meinung, dass Benzin zu teuer sei oder die Bahn zu unpünktlich. Aber Keens Begründung für seine Twitterei ist zu verräterisch: die entstehende Hierarchie. Denn die Essenz aller Kritik an der digitalen Vernetzung ist, dass das Netz bestehende Hierarchien in Frage stellt. Alle Ängste, Großgefahren und Warnrufe, wie sie im "Tatort"-Autorenbrief formuliert wurden, entstehen aus dem Eindruck, das Internet und seine vernetzte Protagonistenschar würden die gesellschaftlichen Hierarchien angreifen. Deshalb werden sie zuvorderst von denjenigen gesungen, die von bestehenden Hierarchien profitieren. Oder das zumindest selbst glauben.

Selbstermächtigung durch das Internet

Nun ist weder diese Erkenntnis neu noch die Kraft dahinter: Die digitale, soziale Vernetzung steht in einer langen Schlange von Ideen, die bestehende Hierarchien in Frage stellten, vom Bürgertum (im 19. Jahrhundert) über den Sozialismus (im 20. Jahrhundert) bis zu Punk (im Spätherbst 1978). Neu dagegen ist sowohl die Geschwindigkeit wie auch die Breite des Angriffs auf die Hierarchien. Denn die Verschiebungen, die sich früher über anderthalb bis drei Generationen vollzogen, passieren nun in wenigen Jahren. Das aber bedeutet: Die sonst übliche Übergangsphase, in der sich Kohlehändler schon mal langsam an die Auswirkungen der Zentralheizung gewöhnen konnten, fällt ausgesprochen kurz aus. Und durch die Digitalisierung und die anschließende Vernetzung sind die Produktionsmittel - vor allem in der Kultur - so verfügbar geworden, dass jeder Amateur Mittel nutzen kann, die kurz zuvor noch als Insignien des Profis galten.

"Das kann ich ja auch!" ist nichts anderes als eine fortlaufende Selbstermächtigung desjenigen, der mit den bestehenden Hierarchien wenig anfangen kann. Mit dem Internet handelt es sich aber um eine Selbstermächtigung, die nicht wie Punk in erster Linie auf Musik und Kultur wirkt, sondern eben auf alles, was man mit dem Netz machen kann - bis hin zur Politik. Wenn Piraten von "Politik aus Notwehr" sprechen, dann spricht daraus der Geist des "Das kann ich ja auch!". In jeden Winkel der Gesellschaft dringt diese Haltung ein, überall dorthin, wo Vernetzung eine Rolle spielt. Und durch den Fortschritt - also Qualitätsverbesserung, Kostenreduktion und Teilhabe - löst sich gleichzeitig immer stärker die Begründung der ursprünglichen Hierarchie auf, bis nur noch übrig bleibt, was sich nicht technologisch substituieren lässt. Was immer das auch sein mag; vermutlich mehr als befürchtet, aber weniger als erhofft.

Machtkämpfe um die Gestaltung der Welt

Es ist an der Zeit, die bestehenden Konflikte um das Internet - von der Urheberrechtsdiskussion bis zum großen Gesellschaftsverständnis - endlich als das zu sehen, was sie sind: Machtkämpfe um die Gestaltung der Welt. Es geht um die Kontrolle der prägenden Hierarchien, die Auseinandersetzung derjenigen, die die bestehenden Strukturen für alternativlos halten, gegen diejenigen, denen eine Alternative (von der Weiterentwicklung bis zum kompletten Neustart) sinnvoller erscheint. Es wäre zu simplizistisch, darin bloß einen Frontverlauf zwischen Profiteuren und Verlierern der digitalen Vernetzung zu sehen - aber es hilft, sich diesen Gegensatz bewusst zu machen. Jemanden, der sein Häuschen abzahlen muss, wird man seltener gegen das Geschäftsmodell seines Geldgebers protestieren sehen, so rein tendenziell. Umgekehrt lässt sich die Wut über mangelnden Erfolg verhältnismäßig leicht auf die überkommenen Hierarchien projizieren.

Wenn aber die digitale Vernetzung nur die neueste Ausprägung ist von der alten Infragestellung der Hierarchien - was kommt danach? Unwahrscheinlich, dass gerade jetzt mit der digitalen Gesellschaft das Ende der Fahnenstange erreicht sein soll. Viel wahrscheinlicher ist, dass irgendwo dort draußen, vielleicht im Netz, vielleicht knapp daneben, jetzt schon die Kräfte heranreifen, die in 15 Jahren das Bundeskanzlergremium der Piraten-Grünen-Koalition und ihr antiquiertes Urheberrechtsverständnis attackieren. Allein die vielleicht irgendwann einsetzende Erkenntnis, dass bis jetzt noch jede progressive Bewegung institutionalisierte, erstarrte, wiederum angegriffen und schließlich abgelöst wurde, könnte den Konflikt entschärfen. Es lässt ihn wie ein Marionettentheater erscheinen, in dessen 500. Aufguss wir alle an Fäden gezogen das immer gleiche, historische Stück aufführen: "Der König ist tot, es lebe der König" in Zeitlupe. Es geht um neu entstehende Hierarchien und damit automatisch um die Rückzugsgefechte der alten. Seffcheques "Das kann ich ja auch!" versus Keens "Sie zerstören unsere Werte!"

Das Spätwerk Xaõ Seffcheques zeugt davon, dass die Transformation der Hierarchien auch in einer einzelnen Person stattfinden kann. Ein entlarvendes Wörtchen aus dem Brief der "Tatort"-Autoren findet sich in dem Satz: "Die vermutlich gravierendste Lebenslüge der selbsternannten Problemlöser…" Gibt es überhaupt ein Wort, das mehr Obrigkeitshörigkeit und Hierarchieunterwerfung ausdrückt als "selbsternannt", wenn man es abfällig verwendet? Wenn man die Selbsternennung als etwas Schlechtes ansieht - ist man dann nicht dazu verdammt, auf die Ernennung durch den Vorgesetzten, hierarchisch Berechtigten zu warten oder auch gleich auf Godot? Ist es mit anderen Worten nicht so, dass nichts weniger Punk ist als die Verachtung des Selbsternannten? Ich frage für einen "Tatort"-Autoren.

tl;dr

Die aktuellen Konflikte um die Digitale Welt sind Nebenkriegsschauplätze - es geht, wie schon oft und oftmals zuvor - um die Machtfrage.

Anmerkung: Der Autor neigt ärgerlicherweise dazu, vor allem solche Dinge zu kritisieren, die man ihm auch selbst vorwerfen könnte. Die hier an der Figur Xaõ Seffcheque entlanggebastelte Geschichte hätte daher ebenso gut an der Figur Sascha Lobo ausgeführt werden können. Vielleicht aber an jedem anderen auch.

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