S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Aufstand der Selbsternannten

Eine Kolumne von

Die digitale Welt stellt bestehende Hierarchien in Frage - und das ist schmerzhaft für alle, die von diesen Hierarchien profitieren. Die Internetdebatte ist deshalb aggressiv, aber ermüdend. Jede große Veränderung bringt diesen Konflikt mit sich: den Kampf um die Macht.

Im März 2012 verbrandbrieften 51 "Tatort"-Autoren ihre Empörung über die Verschlechterung der Welt durch die Internet People. Unter den Unterzeichnenden fand sich auch ein Name, den man einige Jahre zuvor nicht zwingend mit kulturbewahrerischen Aufrufen in Verbindung gebracht hätte: Xaõ Seffcheque, ehemaliger Wahldüsseldorfer aus Graz und einer der wichtigsten Köpfe des Punk in Deutschland. Im wunderbarsten Buch über die jüngere deutsche Kulturgeschichte, dem Doku-Roman "Verschwende Deine Jugend" von Jürgen Teipel, spielen Seffcheques Kommentare eine tragende Rolle. Er berichtet vom Gefühl, das sich ab Mitte der siebziger Jahre in der Musik manifestierte: "Etwas später, Ende 76, kam jemand mit der ersten Ramones-Platte aus New York zurück.[…] Und plötzlich merkte ich: 'Das kann ich ja auch!'"

Ironischerweise hat der netzverletzte Seffcheque damit 1976 das Übermotto der Bewegung geschaffen, die ihm jetzt gefährlich und "demagogisch" erscheint. Wenn es einen Leitgedanken der sozialen Medien gibt, einen Leitgedanken der aktiven Internetnutzer, dann heißt er: "Das kann ich ja auch!" Dieses Phänomen lässt sich natürlich wie fast alles außer College Rock von zwei Seiten betrachten. Für die kritische Perspektive sorgte zum Beispiel Andrew Keen, dessen wichtigstes Buch aus dem August 2008 folgenden (hier wörtlich übersetzten) Titel trägt: "Der Kult des Amateurs - wie Blogs, MySpace, YouTube und der Rest der heutigen Nutzer-generierten Medien unsere Wirtschaft, unsere Kultur und unsere Werte zerstören".

Schon im September 2008 allerdings entdeckte Keen nicht nur eine Liebe zu Twitter, die ihn fast zehntausend Tweets absondern ließ. Sondern auch einen leicht irrwitzigen Kunstgriff, weshalb Twitter besser sei als die anderen sozialen Medien: Die dort entstehende Hierarchie zwischen Talent und Publikum würde den Amateur zurückdrängen. Nun ist Kritik am Profiprovokateur Keen aus der Perspektive des Internetnutzers etwa so originell wie die Meinung, dass Benzin zu teuer sei oder die Bahn zu unpünktlich. Aber Keens Begründung für seine Twitterei ist zu verräterisch: die entstehende Hierarchie. Denn die Essenz aller Kritik an der digitalen Vernetzung ist, dass das Netz bestehende Hierarchien in Frage stellt. Alle Ängste, Großgefahren und Warnrufe, wie sie im "Tatort"-Autorenbrief formuliert wurden, entstehen aus dem Eindruck, das Internet und seine vernetzte Protagonistenschar würden die gesellschaftlichen Hierarchien angreifen. Deshalb werden sie zuvorderst von denjenigen gesungen, die von bestehenden Hierarchien profitieren. Oder das zumindest selbst glauben.

Selbstermächtigung durch das Internet

Nun ist weder diese Erkenntnis neu noch die Kraft dahinter: Die digitale, soziale Vernetzung steht in einer langen Schlange von Ideen, die bestehende Hierarchien in Frage stellten, vom Bürgertum (im 19. Jahrhundert) über den Sozialismus (im 20. Jahrhundert) bis zu Punk (im Spätherbst 1978). Neu dagegen ist sowohl die Geschwindigkeit wie auch die Breite des Angriffs auf die Hierarchien. Denn die Verschiebungen, die sich früher über anderthalb bis drei Generationen vollzogen, passieren nun in wenigen Jahren. Das aber bedeutet: Die sonst übliche Übergangsphase, in der sich Kohlehändler schon mal langsam an die Auswirkungen der Zentralheizung gewöhnen konnten, fällt ausgesprochen kurz aus. Und durch die Digitalisierung und die anschließende Vernetzung sind die Produktionsmittel - vor allem in der Kultur - so verfügbar geworden, dass jeder Amateur Mittel nutzen kann, die kurz zuvor noch als Insignien des Profis galten.

"Das kann ich ja auch!" ist nichts anderes als eine fortlaufende Selbstermächtigung desjenigen, der mit den bestehenden Hierarchien wenig anfangen kann. Mit dem Internet handelt es sich aber um eine Selbstermächtigung, die nicht wie Punk in erster Linie auf Musik und Kultur wirkt, sondern eben auf alles, was man mit dem Netz machen kann - bis hin zur Politik. Wenn Piraten von "Politik aus Notwehr" sprechen, dann spricht daraus der Geist des "Das kann ich ja auch!". In jeden Winkel der Gesellschaft dringt diese Haltung ein, überall dorthin, wo Vernetzung eine Rolle spielt. Und durch den Fortschritt - also Qualitätsverbesserung, Kostenreduktion und Teilhabe - löst sich gleichzeitig immer stärker die Begründung der ursprünglichen Hierarchie auf, bis nur noch übrig bleibt, was sich nicht technologisch substituieren lässt. Was immer das auch sein mag; vermutlich mehr als befürchtet, aber weniger als erhofft.

Machtkämpfe um die Gestaltung der Welt

Es ist an der Zeit, die bestehenden Konflikte um das Internet - von der Urheberrechtsdiskussion bis zum großen Gesellschaftsverständnis - endlich als das zu sehen, was sie sind: Machtkämpfe um die Gestaltung der Welt. Es geht um die Kontrolle der prägenden Hierarchien, die Auseinandersetzung derjenigen, die die bestehenden Strukturen für alternativlos halten, gegen diejenigen, denen eine Alternative (von der Weiterentwicklung bis zum kompletten Neustart) sinnvoller erscheint. Es wäre zu simplizistisch, darin bloß einen Frontverlauf zwischen Profiteuren und Verlierern der digitalen Vernetzung zu sehen - aber es hilft, sich diesen Gegensatz bewusst zu machen. Jemanden, der sein Häuschen abzahlen muss, wird man seltener gegen das Geschäftsmodell seines Geldgebers protestieren sehen, so rein tendenziell. Umgekehrt lässt sich die Wut über mangelnden Erfolg verhältnismäßig leicht auf die überkommenen Hierarchien projizieren.

Wenn aber die digitale Vernetzung nur die neueste Ausprägung ist von der alten Infragestellung der Hierarchien - was kommt danach? Unwahrscheinlich, dass gerade jetzt mit der digitalen Gesellschaft das Ende der Fahnenstange erreicht sein soll. Viel wahrscheinlicher ist, dass irgendwo dort draußen, vielleicht im Netz, vielleicht knapp daneben, jetzt schon die Kräfte heranreifen, die in 15 Jahren das Bundeskanzlergremium der Piraten-Grünen-Koalition und ihr antiquiertes Urheberrechtsverständnis attackieren. Allein die vielleicht irgendwann einsetzende Erkenntnis, dass bis jetzt noch jede progressive Bewegung institutionalisierte, erstarrte, wiederum angegriffen und schließlich abgelöst wurde, könnte den Konflikt entschärfen. Es lässt ihn wie ein Marionettentheater erscheinen, in dessen 500. Aufguss wir alle an Fäden gezogen das immer gleiche, historische Stück aufführen: "Der König ist tot, es lebe der König" in Zeitlupe. Es geht um neu entstehende Hierarchien und damit automatisch um die Rückzugsgefechte der alten. Seffcheques "Das kann ich ja auch!" versus Keens "Sie zerstören unsere Werte!"

Das Spätwerk Xaõ Seffcheques zeugt davon, dass die Transformation der Hierarchien auch in einer einzelnen Person stattfinden kann. Ein entlarvendes Wörtchen aus dem Brief der "Tatort"-Autoren findet sich in dem Satz: "Die vermutlich gravierendste Lebenslüge der selbsternannten Problemlöser…" Gibt es überhaupt ein Wort, das mehr Obrigkeitshörigkeit und Hierarchieunterwerfung ausdrückt als "selbsternannt", wenn man es abfällig verwendet? Wenn man die Selbsternennung als etwas Schlechtes ansieht - ist man dann nicht dazu verdammt, auf die Ernennung durch den Vorgesetzten, hierarchisch Berechtigten zu warten oder auch gleich auf Godot? Ist es mit anderen Worten nicht so, dass nichts weniger Punk ist als die Verachtung des Selbsternannten? Ich frage für einen "Tatort"-Autoren.

tl;dr

Die aktuellen Konflikte um die Digitale Welt sind Nebenkriegsschauplätze - es geht, wie schon oft und oftmals zuvor - um die Machtfrage.

Anmerkung: Der Autor neigt ärgerlicherweise dazu, vor allem solche Dinge zu kritisieren, die man ihm auch selbst vorwerfen könnte. Die hier an der Figur Xaõ Seffcheque entlanggebastelte Geschichte hätte daher ebenso gut an der Figur Sascha Lobo ausgeführt werden können. Vielleicht aber an jedem anderen auch.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 180 Beiträge
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    Seite 1    
1. respekt
raven_wolf 24.04.2012
gut geschrieben
2. gut geschrieben?
berpoc 24.04.2012
Zitat von sysopDie digitale Welt stellt bestehende Hierarchien in Frage - und das ist schmerzhaft für alle, die von diesen Hierarchien profitieren. Die Internetdebatte ist deshalb aggressiv aber ermüdend. Jede großer Veränderung bringt diesen Konflikt mit sich: den Kampf um die Macht S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Aufstand der Selbsternannten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,829296,00.html)
Das sehe ich diesmal anders. Es ist vermutlich nicht ohne, sich jede Woche was aus den Fingern saugen zu müssen um die Community mit Frischem zu bedienen. Alle zwei Wochen täte es wohl auch.
3.
rvb 24.04.2012
Sascha Lobo schreibt: "Wenn man die Selbsternennung als etwas Schlechtes ansieht - ist man dann nicht dazu verdammt, auf die Ernennung durch den Vorgesetzten, hierarchisch Berechtigten zu warten oder auch gleich auf Godot? " Nicht ganz, man kann auch versuchen eine demokratische Legitimation von "unten" zu bekommen. Ansonsten einen der intelligentesten Kommentare, die ich hier seit langem gelesen habe.
4.
lablab 24.04.2012
Gut geschrieben ist der Artikel wirklich, aber inhaltlich hat er wenig Neues zu bieten: Die Auflösung bestehender Hierarchien? Das ist jetzt nicht besonders originell. Und überhaupt vermischt Lobo zwei verschiedene Hierarchien, die sich gegenseitig ergänzen oder ausschließen, jedenfalls aber nicht die selben sind: Die eine Hierarchie ist diejenige, welche in einer bestehenden Gesellschaftsordnung festlegt, wer kreative Produkte hervorbringen darf und wer nicht, was als kreativ wertvoll gilt und was schrottig genannt wird - einen wesentlichen Umschwung in der Entwicklung zum allgemeinen Dilettantentum hat die Punkbewegung dabei nach vorne gebracht, eben das "Ich kann das auch". Im Gegensatz dazu steht aber die Hierarchie derjenigen, die darüber entscheiden, wie diese Produkte verteilt werden, sagen wir bei der Musik die Plattenfirmen. Das eine betrifft eine kulturelle Entwicklung, das andere eine ökonomische Struktur. Was die Kämpfe ums Urheberrecht angeht, so sind sie wohl wesentlich ökonomisch orientiert, richten sich also gegen die Unterwanderung bestehender ökonomischer Strukturen. Die kulturelle Veränderung bestehender Verständnisse von kreativen Erzeugnissen hingegen hat sich schon lange vor Entstehen der digitalen Welt entfaltet, und die gegenwärtigen technischen Möglichkeiten beschleunigen nur diese Entwicklung - das ist aber kein Spezifikum der Vernetzung, sondern findet in der flachen Hierarchie der Vernetzung nur seine konsequente Fortführung durch fortgeschrittene Produktionsmittel, also fortgeschrittene Möglichkeiten das „Ich kann das auch“ auszuleben.
5. Der nervende Urheber
ArnoNuem 24.04.2012
"Selbsternannte" ist m.E. ein Killerwort und eingepackt in eine Killerphrase wird dadurch versucht, jede vernünftige Debatte zu diskretitieren. Das kennen wir von der herrschenden Politik. Ich bin Urhber und beteilige mich derzeit am "Aufstand der Betroffenen". Würde man abhängig Beschäftigten die gewerkschaftlich erkämpfte Lohnfortzahlung im Krankheitsfalle klauen wollen - einst wollte das der Herr Kohl aus Oggersheim -, wir hätten einen Aufstand. So ist das jetzt auch bei uns Kreativen. Ein Teil der Netzgemeinde, die Piraten und die Medienindustrie sowieso wollen uns etwas wegnehmen. Deshalb sind wir sauer. Machtstrukturen interessieren in diesem Zusammenhang offensichtlich niemanden. Ich kann das Gelabbere vom hierachiefreien und überhaupt freien Internet nicht mehr ören. Das Internet es m. E. ganau so wenig Frei wie unsere Medien ganz allgemein frei sind. "Eine Presse kann nicht frei sein, wenn sie zu ihrer Existenzsicherung mehr als siebzig Prozent ihres Einkommens aus Werbung erzielen muss." Zitat von Jörg Becker, Hochschullehrer für Politikwissenschaftler an den Unis Marburg/Lahn und Bozen/Tirol. Weiteres Zitat: "Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein." Und das ist von Karl Marx (1818 - 1883, Philosoph und Ökonom). Ein Teil des Internets wird von gigantischen Medienkonzernen beherrscht. Geld verdienen diese Konzerne u.a. damit, indem Dritte die Produkte von Urhebern klauen und an diese Konzerne verschenken (oder sonstwie kosenfrei zur Verfügung stellen). Der so generierte Inhalt generiert dann Werbung. Das macht das Internet - siehe oben - unfrei. Der Wert und der Gewinn der Konzerne macht sie übermächtig und übermütig. Die Besitzer der Konzerne sind so frei, sehr reich zu sein. Das macht mich nicht neidisch. Die Doppelmoral der Konzerne macht mich zornig! Und ein Teil der Netzgemeinde geht diesen Konzernen auf den Leim und bekämpft uns Urheber. Das finde ich merkwürdig. Wir Kreativen üben in der Regel unseren Beruf gerne aus. Wir haben uns damit abgefunden, dass die Einkommensschere in unserem Gewerbe von knapp am Existenzminimun bis zu vielfachen Millionen auseinander geht. Das liegt in der Natur der Sache. Nicht jeder ist ein Gerhard Richter, Wim Wenders oder Günter Grass. Es kann aber nicht angehen, dass wir ersten vom Medienkapital und zweitens von der Netzgemeinde samt den Sofademokraten der Piratenpartei enteignet werden. Wir tun das unsere, um den Kreativstandort Deutschland am laufen zu halten. Kreativitat hat ihren Preis und wir wollen lediglich eine angemessene Entlohnung für unsere Produkte. Uns im Namen einer nicht vorhandenen Freiheit an den Pranger zu stellen, ist sofabequem. Wer uns einen Teil unserer Einkünfte wegnehmen will, setzt unsere Würde herab. Dagegen wehren wir uns. Der Kuchen ist groß genung - wir wollen keine Krümmel, sondern ein vollwertiges Stück davon. Und: wer Machtstrukturen erkennt, kämpft nicht gegen seinesgleichen. Um Machtsstrukturen zu bekmpfen, muss mensch runter vom Sofa.
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In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internetabkürzung für "too long; didn't read".


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