S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Digitaler Mauerbau

Eine Kolumne von

Erfolg macht einsam: Firmen, die sich einst offen für jeden und alle gaben, werden plötzlich verschlossen, wenn sie eine gewisse Größe erreicht haben. Das Resultat dieses Effekts ist eine zunehmende Zersplitterung des offenen Internets.

Eine im englischsprachigen Netz häufig kolportierte Warnung vor erschütternden Fotos lautet frei übersetzt: "Man kann das einmal betrachtete Bild nicht ungesehen machen." Dass Unkenntnis eine Gnade sein kann, gilt nicht nur für Abbildungen von Dingen und Vorgängen, von deren Existenz man nie wissen wollte. Sondern ganz besonders auch für Zumutungen, die man überhaupt erst dann wahrnimmt, wenn man darauf hingewiesen wird. Insofern hat John Batelle, Mitgründer des Magazins "Wired" und Mitschöpfer des Begriffs Web 2.0, keine gute Tat begangen, als er in einem Blog-Artikel Ende August 2012 auf das seiner Ansicht nach größte Problem für Suchmaschinen hinwies. Die Suche im Netz sei dysfunktional, weil nach einer Ära des offenen Internet so viele geschlossene Systeme entstanden seien. Das hört sich an wie eine typische Nerd-Beschwerde, eine Mischung also aus Technostalgie und Weltfremdheit.

Tatsächlich hat Batelle noch untertrieben. Denn er hat seine Leser mit der Nase auf die ärgerlichste, bisher in der Breite viel zu selten realisierte Zumutung für die Nutzer der digitalen Sphäre gestoßen: Sie ist bis zur Verzweiflung zersplittert und zerfasert. Aus Nutzersicht ist wenig von der Vernetzung zu spüren, obwohl doch vom Laptop über das Tablet und das Smartphone bis zum E-Reader und der Settop-Box alles höchst digital abläuft. In naher Zukunft kommen noch das Auto und die gesamte Wohnung dazu. Und doch ist es kaum möglich, eine Information wiederzufinden, von der man nur noch weiß, dass man sie vor zwei Wochen auf einem Bildschirm gelesen hat. Auf dem Facebook-Profil eines Bekannten oder in einer Privatnachricht auf Twitter? Social Networks sind fast völlig undurchsuchbar. In einem E-Book? Der Amazon-Cloudreader verfügt nicht mal über eine Suche in einem einzelnen E-Book, geschweige denn über eine Suche in allen E-Books. In einer SMS oder einem Chat? Lässt sich nur mit speziellen Tools über Bande herausfinden. Ein E-Book von Anbieter A lässt sich ohne Tricks nicht auf dem Gerät oder der Plattform von Anbieter B lesen. Ebenso verhält es sich mit Musik, Filmen, Kontaktlisten und Adressbüchern sowie dem ganzen Datenplunder, den man im Rahmen der sozialen Medien über die Jahre auf irgendwelche kalifornischen Server gepumpt hat.

Was hier anekdotisch die Ärgernisse des Nutzers beschreibt, ist leider nur eine Nebenwirkung einer viel umfassenderen, unguten Entwicklung: dem Weg weg vom Web. Kurz vor dem langersehnten Internet der Dinge, kurz bevor technisch theoretisch alles mit allem vernetzt sein und zum Vorteil des Nutzers interagieren könnte - drängen immer mehr Unternehmen aus dem offenen Netz heraus. Und hinein in abgeschottete Datenburgen wie Facebook oder gleich in eigene, parallele Plattformen wie Apples App-Anstalt. Schritt für Schritt kappen die großen, relevanten Unternehmen, die das Internet prägen, ihre Verbindungen zum Rest des Netzes oder bauen daraus Einbahnstraßen, die Daten nur hineinleiten, aber nicht heraus.

Offenheit aber bedeutet umfassende, also bidirektionale Vernetzung, und die ist gut für die Nutzer, weil damit eine Vielfalt von Angeboten entsteht. Um jede vielgenutzte, offene Plattform herum bildet sich ein digitales Ökosystem, das wiederum die Plattform attraktiver macht und so zu ihrem Erfolg beiträgt. Aber Offenheit ist - zumindest in den Augen vieler Digitalmanager - ungünstig für die Vermarktung. Denn Vermarktung bedeutet Kontrolle über die Nutzungssituation und das ist ziemlich genau das Gegenteil der Offenheit. Das führt zu einem Netzparadoxon des digitalen Erfolgs: Solange ein Internetunternehmen klein ist, nützt ihm Offenheit. Wenn es durch eben diese Offenheit groß geworden ist, lässt es sich geschlossen und durchkontrollierbar ungleich besser vermarkten. Twitter ist ein ärgerlich prototypisches Beispiel für diese Entwicklung. Der Dienst begann als weitgehend offene Plattform mit einer Vielzahl bunter Schnittstellen, die dazu führten, dass jeder Nutzer Twitter ziemlich genau so verwenden konnte, wie es ihm passte. Ohne Zweifel trug das entscheidend zum Erfolg bei. Inzwischen schließt Twitter die Pforten, kappt die Vernetzung zu anderen Anbietern und zwingt seine Nutzer dorthin, wo es Twitter mehr Geld bringt: auf die eigene Plattform, in eine präzise festgelegte, App-hafte Nutzungssituation.

Die digitale Öffentlichkeit findet auf privaten Servern statt

Durch die digitale Vernetzung fallen viele technikbedingte Mauern. Aber die großen, digitalen Unternehmen bauen neue, künstliche Mauern. Viele Nutzer sind davon zwar genervt - aber so wird die Herde dort gehalten, wo die Anbieter sie gern hätten: im Walled Garden, wo jeder das Gras frisst, das der Herr des Gartens zu eigenen Bedingungen verkauft. Wenn von erfolgreichen Internetfirmen die Rede ist, fällt oft der Name Apple. Aber Apple benutzt das offene Internet nur fürs Marketing. Das Geld wird in und mit hermetisch geschlossenen, digitalen Welten verdient: Apples Erfolg erscheint jedem Netzunternehmer als Werbung für die Geschlossenheit und gegen das offene Internet. Selbst Google, jahrelang Prediger der Offenheit, bewegt sich - seit die Marktbeherrschung durch schiere Größe nicht mehr ausreicht - in entgegengesetzter Richtung. Schnittstellen werden geschlossen oder kostenpflichtig gemacht, offene Dienste eingestellt und das neu geschaffene, soziale Netzwerk Google+ hat von Beginn an so viele funktionierende Verbindungen zur Außenwelt wie der Hausmeister eines nordkoreanischen Atombunkers.

Da ist es, das ebenso alte wie nachvollziehbare wie ärgerliche Urprinzip der Menschheit: Richtig ist immer das, was mir nützt. Zutiefst menschlich, zutiefst egoistisch. So, wie arme Leute ungefähr so lange für die Umverteilung sind, bis sie selbst reich werden. Dies ist der eigentliche Grund für John Batelles Beschwerde über die Unzulänglichkeit der Suchfunktion, und es ist ein trauriger Grund, weil damit eine ständige, niemals abnehmende Gefahr für das offene Internet fest im menschlichen Kleinhirn verdrahtet scheint. Eines der größten Probleme der digitalen Gesellschaft lauert darin: Offenheit und der Topf voll Gold, sie scheinen sich im Netz auf Dauer zu widersprechen. Bis zum wirtschaftlichen Beweis des Gegenteils wäre eigentlich die Politik zwischen Berlin und Brüssel gefragt, um zum Beispiel mit einer Pflicht zur Datenportabilität entgegenzuwirken. Denn im Netz findet die digitale Öffentlichkeit auf privaten Servern statt und bedarf deshalb dringend der klugen, behutsamen Regulierung. Aber die eingangs erwähnte Unkenntnis ist eben nur manchmal eine Gnade. Und so muss man auf das Internet bezogen gegenwärtig bereits froh sein, wenn die Politik nichts macht.

tl;dr

Offenheit ist so lange eine Tugend, wie sie Nutzer anlockt. Danach wird durch Geschlossenheit Geld verdient: ein ökonomisches Netzparadoxon.

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insgesamt 20 Beiträge
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1. sehr richtig!
meta_matze 25.09.2012
die Analyse bzw. die Gedanken. Ich glaube sogar, dass die zunehmende Geschlossenheit des Internets bzw. der im Internet agierenden Unternehmen mit der zunehmenden Zahl der Investoren und dem Preisverfall bzw. abnehmenden Klickrate der Werbung zusammen hängt. Je mehr Geld reinfliesst, desto mehr Geld soll rausfliessen und das geht scheinbar nur, wenn man die Nutzer gefangen hält oder von der Kostenlos-Kultur zu Paid Content geht. Da hilft nur eins: Die abstimmung mit den Füßen und öfter mal offline bleiben.
2. Oh ha
sandboxer 25.09.2012
Der dritte Google kritische Beitrag in Folge. Herr Lobo, so wird das nichts mit dem Beratervertrag bei Google.
3. gähn
mhock 25.09.2012
Ach das Internet... Wann hört diese Blase endlich auf? Irgendwann werden die Leute (hoffentlich) merken dass es noch ein analoges Leben gibt. Bemerkenswert ist, dass die Netzwelt und Facebookparties ein angelsächsisches Phänomen ist, aber die Südeuropäer das Feiern von echten Parties einfach besser frauf haben. Bitte kein Neid, Netzwelt!
4. Da mögen Sie recht haben.
hauptsache_dagegen 25.09.2012
John Batelle wünscht sich ein demokratischeres Internet - was auch absolut wünschenswert wäre. Nur vergessen wir bei dieser Diskussion um die neuen, geschlossenen Webs oft zwei Dinge: 1: Das tatsächliche Internet existiert immer noch. 2: Die Herde, die mit geschlossenen Systemen kein Problem hat, wäre und war auch mit dem alten Internet nicht in dem Sinne produktiv. Das Einzige, was wirklich zu bedauern ist, ist die Naivität der Menschen, was diese geschlossenen Systeme angeht.
5. So ist unsere Welt nun mal.
bluebill 25.09.2012
Warum etwas verschenken, was man auch verkaufen kann? "Das Internet" als Institution ibt es sowieso nicht, es bezeichnet nur eine Technologie. Die bietet Möglichkeiten zur Vernetzung. Die transportierten Inhalte haben damit überhaupt nichts zu tun, ebensowenig die Strategiene, mit den (eigenen und fremden) Daten umzugehen. Der Handel mit privaten Daten wie Adresse, Kaufverhalten, Bonität ist ein großer, einträglicher Markt. Unternehmen versuchen, diese Daten mit wenig Aufwand zu erlangen und möglichst teuer zu verkaufen. Da ist weltweite Offenheit natürlich kontraproduktiv. Und es macht ökonomisch auch Sinn, eigene Universen aus "Apps" und Hardware zu erhalten, um die Kunden im eigenen Garten festzuhalten - damit lässt sich praktisch jede Preispolitik durchsetzen, wie in einem Monopol.
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Sascha Lobo
Was bedeutet tl;dr?
In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internetabkürzung für "too long; didn't read".

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