Behördliche Überwachung: SMS warnt Saudi-Männer, wenn ihre Frauen reisen

Frauen in Saudi-Arabien brauchen eine besondere Erlaubnis zum Grenzübertritt. Seit einer Weile kann diese auch elektronisch beantragt werden. Die Folge: Ehemänner erhalten von den Behörden eine Warn-SMS, wenn ihre Frau das Land verlässt.

Saudi-arabische Männer mit ihren Handys: SMS beim Grenzübertritt der Ehefrau Zur Großansicht
Corbis

Saudi-arabische Männer mit ihren Handys: SMS beim Grenzübertritt der Ehefrau

Riad - Technologischer Fortschritt hat in Saudi-Arabien einen Preis: Wer sich auf digitalem Weg für eine Reiseerlaubnis bewirbt, dessen Bewegungen bleiben nicht geheim. Wenn etwa eine verheiratete Frau die Grenze überschreitet, wird ihr Mann - nach saudi-arabischem Gesetz ihr rechtlicher Vormund - per SMS darüber informiert.

Dieses System gibt es schon länger. In dieser Woche aber kochte die Angelegenheit in sozialen Medien hoch, bis die Nachrichtenagentur AFP eine - nicht ganz korrekte - Geschichte daraus machte. Erneut ist es demnach die Saudi-Araberin Manal al-Sharif, die via Twitter auf die Methode aufmerksam machte und eine Welle der Empörung losgetreten hat. Sharif war vergangenes Jahr durch ihre Proteste gegen ein Fahrverbot für Frauen in ihrem Heimatland bekannt geworden. Nun berichtet sie von einem reisenden Ehepaar: Bei der Ausreise aus Saudi-Arabien habe der Mann eine SMS bekommen, dass seine Frau das Land verlassen habe.

Der bekannte saudi-arabische Journalist Ahmed al-Omran stellt in einem seiner Blogs hierzu klar: Weder sei das System neu, noch gehe es darum, speziell Frauen zu beobachten. Ebenso betroffen seien andere, einem männlichen Saudi-Araber unterstellte Verwandte und sogar ausländische Gastarbeiter, die für ihn arbeiten.

Genehmigung im Passkontrollsystem vermerkt

Schon seit Jahren, schreibt Omran, hätten Männer die Möglichkeit, eine solche SMS-Benachrichtigung für Reiseaktivitäten ihrer Angehörigen zu beantragen. Neben der Ehefrau und den Kindern kann beispielsweise auch die Schwester oder die verwitwete Mutter unter Vormundschaft stehen. Im April dieses Jahres habe das Ministerium jedoch im Zuge einer strukturellen Modernisierung sein System umgestellt: Musste man früher beim Amt vorstellig werden, um eine Reisegenehmigung zu erhalten, kann der Antrag jetzt auch online gestellt werden. Die Genehmigung wird dann im Passkontrollsystem vermerkt.

Der papierlose Vorgang hat, obschon im Kern nicht weniger entwürdigend, zwar Vorteile. Doch die dafür notwendige Registrierung enthalte eben auch eine Klausel, nach der einer Person eine Mobilfunknummer zugeordnet und das Versenden einer SMS beim Grenzübertritt genehmigt wird, erläutert Omran. Das gilt für alle dem Vormund zugeordneten Personen und lässt sich, will man nicht wieder zum Amt laufen, nicht vermeiden.

Eine elektronische Registrierung ohne Tracking ist in Saudi-Arabien zur Zeit also nicht möglich. Das ist vor allem in puncto Datenschutz bedenklich, macht aber zudem wieder einmal auf tieferliegende Misstände im Königreich aufmerksam. Blogger Omran, der häufig über Frauenrechte und seine Ablehnung des patriarchalischen Kontrollzwangs in Saudi-Arabien schreibt, formulierte es schon vor über zwei Jahren treffend, als er die demütigende erste Begegnung mit dem System der Reisegenehmigungen beschrieb - hier ging es um eine Reise mit seiner Mutter: "Ich glaube nicht, dass meine Mutter meine Erlaubnis braucht, um zu reisen, oder um sonst irgendetwas zu tun."

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Zur Autorin
  • Carolin Neumann berichtet und bloggt aus Hamburg über die Zukunft der Medien. Nebenbei schaut sie viel zu viele Serien.
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