Schach und (künstliche) Intelligenz Ein Missverständnis


"Nach seinem Bilde...": Traum von der Maschine, die kann, was Menschen können
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"Nach seinem Bilde...": Traum von der Maschine, die kann, was Menschen können

Schach galt als interessantes Versuchsfeld auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz. Inzwischen ist der einstige Enthusiasmus etwas verflogen. Anscheinend kann man alle Erkenntnisse, die man auf dem Gebiet des Schachs erzielt, nur für andere Brettspiele umsetzen.

Die PR-Abteilung von IBM setzt gelegentlich hübsche Geschichten in die Welt, zuletzt jene, in der Deep Blue auf dem Gebiet der Verbraucherforschung prächtige Ergebnisse erziele. Das ist Blödsinn. Man kann für Schachprogramme auch Rechner nutzen, die sonst Klimabeobachtung machen. Aber die Programme sind in beiden Fällen ganz andere. Das Schachprogramm kann nur Schach spielen und sonst gar nichts.

Der Versuch, die Methode der menschlichen Mustererkennung auf die Welt der Technik zu übertragen, ist schwierig. Es funktioniert einigermaßen, wenn die Muster absolut identisch sind. Cruise Missiles funktionieren so. Anhand von Bildern der Ziellandschaften finden sie das gewünschte Ziel. Oder ein anderes.

Alle Versuche, durch Abstraktion die Menge der Daten zu verkleinern und die Entscheidungen zu beschleunigen, gestalten sich bisher als schwierig. Wie man hört, wollen die Amerikaner ihre Raketenzielerfassung auch wieder auf manuellen Betrieb umstellen.

Schach: Wie schlau muss man sein?

Viele Menschen finden Schach interessant, möchten erfolgreich spielen, erzielen aber keine Fortschritte und bekommen schließlich sogar Komplexe. Dazu besteht keine Veranlassung.

Die Fähigkeit, gut Schach zu spielen, hat nicht zwangsläufig etwas mit Intelligenz zu tun. Alle sehr guten Spieler haben schon als Kinder Schach gelernt, im Alter von drei bis sechs Jahren. Dann haben sie sich intensiv damit beschäftigt. Das ist der Grund, weshalb sie es so gut können. Hätten sie stattdessen ein Musikinstrument gelernt, dann wären sie herausragende Musiker geworden.

Kinder lernen Schach so wie Laufen und Sprechen. Wer erst als Jugendlicher oder gar Erwachsener anfängt, Schach zu lernen, kann nie die gleiche Spielstärke erreichen. Unter den Schachprofis gibt es viele intelligente Menschen, aber es gibt auch eine Reihe recht einfacher Gemüter, die ebenso brillante Partien spielen.

André Schulz ist Chefredakteur der Chessbase-Website

André Schulz ist Chefredakteur der Chessbase-Website

Alan Turing, ein herausragender Mathematiker, war begeisterter Schachspieler mit deprimierender Spielstärke. In Bletchley Park, der Abhör -und Entschlüsselungszentrale der Briten im zweiten Weltkrieg, kam er mit einigen Schachmeistern zusammen und mühte sich, mit deren Hilfe besser zu werden.

Ohne Erfolg. Er hatte eben zu spät mit Schach angefangen. Was war seine Rache? Er erfand einen Computer und schrieb sofort ein Schachprogramm.

Vielleicht hätten die Schachmeister in Bletchley ihn mal gewinnen lassen sollen.

Ein Feature in fünf Teilen von André Schulz, Chessbase



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