Schachcomputer Die Rache des Mittelmaßes

Schach ist rätselhaft und gilt als Spiel für Schlauberger. Manche spielen es besser als andere, sogar viel besser. Doch die Rache der Unterlegenen ist brutal. Sie studierten Informatik, lasen Schachbücher und entwickelten dann mit Schachprogrammen eine gnadenlose Denkwaffe. Nun treten sie damit gegen den unbewaffneten Menschen, hier Weltmeister Kramnik, an.


Antike Schachfigur: "Spiel der Schlauberger" seit 1500 Jahren
REUTERS

Antike Schachfigur: "Spiel der Schlauberger" seit 1500 Jahren

Streng genommen gab es in Bahrain gar nicht den Kampf zwischen Mensch und Maschine, denn die Maschinen würden von alleine den Weltmeister gar nicht herausfordern wollen. Es sind Menschen, die auf die Idee kommen, dass einer der ihren gegen ihre immer besser werdenden Denkwaffen antritt. Sie wollen sehen, ob er das noch schafft.

Am ehesten lässt sich das Schauspiel mit den Gladiatorenkämpfen in römischen Arenen vergleichen. Auch dort gab es Zweikämpfe zwischen ganz unterschiedlich bewaffneten Gladiatoren. Die Zuschauer in den virtuellen Internetarenen haben heute den gleichen Spaß wie die Zuschauer damals im Kolosseum. Und auch sie wollen Blut sehen.

Die Auseinandersetzung ist reizvoll, solange man nicht schon vorher weiß, wer den Kampf gewinnt. Im Moment können einige wenige unbewaffnete Menschen noch mithalten. Doch die Anzahl wird ständig kleiner.

Schwerter als Pflugschare: Die "Waffe" als Werkzeug

Für viele Schachfans auf der Welt, die ebenso schlecht spielen, wie die Schach-Programmierer, ist der Schachcomputer eine wertvolle Denkhilfe. Bei der analytischen Berechnung eigener Partien oder von Meisterpartien wird die Waffe zur Hirnprothese, das Schwert zur nützlichen Pflugschar, mit der man die geistige Krume befruchtet. Der Rechner zeigt, was man selbst oder die Meister falsch oder richtig gemacht haben.

Früher war es so: Es fand ein Schachturnier statt. Monate oder Jahre später erschien ein Buch mit den Partien und die Meister haben dort dem Fußvolk den Sinn ihrer Züge erklärt. Heute schauen die Fans im Internet live bei den zahlreichen Turnieren zu, lassen dazu ihre Denkmaschinen laufen und hoffen: "Na hoffentlich sieht er jetzt die Gewinnvariante." Das ist die Diktatur des Denkproletariat. Viele Großmeister finden das gar nicht so lustig.

Künstliche, menschliche Intelligenz und Schach: Ein Missverständnis... Genauer berechnet werden dann nur solche Variante, die Erfolg versprechend sind. In Bahrain erzielte das Programm auf dem verwendeten achtmal 900 Mhz-Rechner Suchtiefen von 40 Halbzügen (= 20 Zügen) in einigen besonders genau betrachteten Abspielen.

Das ist viel. Trotzdem gibt es auch prinzipielle Unterschiede im Denken zwischen Mensch und Maschine. Die Programme treffen ihre Entscheidungen anhand von Suchbäumen, die Menschen anhand von Mustererkennungen. Beide Systeme sind mit ihren Methoden im Moment im Schach gleichermaßen erfolgreich. Das macht den Vergleich reizvoll.

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