Schauder-Schrift Comic Sans Diese Zeichen hasst das Netz

Knuffig, kindlich, albern - die Schriftart "Comic Sans" polarisiert: Es gibt Protestaufrufe, Hass-Blogs und einen Online-Pranger für die schändlichsten Anwendungen. Dass Google die Kinderschrift nun in Anzeigen testet, findet sogar der Comic-Sans-Erfinder nicht so gut.


Manche Geschmacksverirrungen sterben nie aus: Herrenhandtaschen, bis zur Wade hochgezogene weiße Joggingsocken zur kurzen Hose und witzig gemeinte Schriftarten wie Comic Sans. Diese peinlich-flippige Microsoft-Schrift, die an Schreibschrift in Comic-Sprechblasen erinnert, ist seit gut einem Jahrzehnt allgegenwärtig. Sie gehört zu den Windows-Standardschriften, taucht dank der totalen Verfügbarkeit vor allem an gänzlich ungeeigneten Orten auf - auf Speisekarten, Plakaten und in langen Fließtexten (siehe Fotostrecke unten).

Nun könnte die Comic Sans sogar geschmackvoll gestaltete Web-Seiten verhunzen - Google testet die verhasste Schriftart in seinen AdSense-Einblendeanzeigen (Erklärung im Kasten unten). Seit Wochen tauchen in Blogs immer wieder Screenshots von Google-Kontextanzeigen auf, die in der quietschigen Comic Sans gestaltet sind.

Google-Sprecherin Lena Wagner bestätigt SPIEGEL ONLINE: "Wir haben verschiedene Schriftarten in einem kleinen prozentualen Anteil von AdSense-Anzeigen innerhalb Europas getestet."

Googles Werbeprogramme
Google verdient sein Geld fast ausschließlich mit Werbung - mit zwei nahezu vollautomatisierten Programmen.
AdSense
Mit diesem Programm können Blogger und kleine Unternehmen schnell und einfach Werbeeinnahmen erzielen: Auf ihren Internetseiten erscheinen nur kontextbasierte Suchwörter. Die sind auf den Seiteninhalt abgestimmt. Der Seitenbetreiber erhält pro Klick einen Betrag in US-Dollar gutgeschrieben. Google zahlt ab 100 Dollar Werbeeinnahmen per Scheck in US-Dollar oder als Überweisung in Euro aus. Welches Suchwort wie hoch bewertet wird und wie viel Prozent Google für seine Dienste einbehält, erfährt der Seitenbetreiber nicht.
AdWords
Werbende Unternehmen buchen Suchwörter, die in Google-Suchergebnissen oder auf anderen Internetseiten erscheinen. Das Wort "Orchidee" beispielsweise erscheint nur dann, wenn nach Orchideen gesucht wird oder sich die Web-Seite mit dem Thema beschäftigt. Der Werbetreibende bezahlt nur, wenn ein Nutzer auf das gebuchte Suchwort klickt. Der Preis für jedes Suchwort wird in einem Auktionsverfahren ermittelt. Je beliebter das Wort ist und je weiter oben es in den Suchergebnissen auftauchen soll, desto teurer ist es.

Eins steht fest: Diese Anzeigen fallen auf - und zwar unangenehm. Die Reaktion des bloggenden Schweizer Informatikers Tom Brühwiler steht da wohl stellvertretend. Brühwiler kommentiert in seinem Blog eine Google-Kontextanzeige in Comic Sans auf der Web-Seite des "Tagesanzeigers" so: "Erste Reaktion: Was soll das denn? Sind die von allen guten Geistern verlassen, eine solche Schrift für Werbeeinblendungen zu verwenden?"

Aber, so muss Brühwiler einräumen: "Für die entsprechende Aufmerksamkeit hat die nicht überall beliebte Schrift Comic Sans sofort gesorgt und meine Werbeblindheit für einen Moment ausgeschaltet."

Typografische Schockeffekte

Ist das Googles Kalkül? Mehr Aufmerksamkeit für Werbung durch Schauderschriften? Firmensprecherin Wagner kommentiert das nicht: "Der Test ist nun abgeschlossen und wir werden die Ergebnisse nun auswerten."

Dass Comic Sans bei vielen Gestaltern verhasst ist, steht außer Frage. Es gibt seit Jahren eine recht populäre " Ban Comic Sans"- Seite im Netz, samt Manifest, Propagandamaterial und natürlich Merchandise-Artikeln. Über kaum eine Schriftart wird im Web so leidenschaftlich gestritten wie über die Comic Sans. Beispiele:

  • "Es ist wirklich eine Angst und Schrecken verbreitende Schrift. Vor einigen Monaten hatten sie bei Aldi mal Schokoladen-Katzenzungen, die Verpackung mit Comic Sans druff. *kotz*" ( Leserkommentar im deutschen Fontblog)
  • "Heute wirkt diese Schrift wie eine E-Mail von einer @aol.com-Adresse. Es fehlt die Glaubwürdigkeit, wer E-Mails in dieser Schrift sendet, wirkt lächerlich und entrückt. Typische Nutzer: Chefs, die glauben, Comic Sans mache ihre E-Mail-Signatur witziger (…). Kinder, denen die Kindlichkeit gefällt und die deshalb ihre Chat-Nnachrichten, E-Mails und Hausaufgaben in Comic Sans setzten." ( US-Bloggerin Lauren McMahon)
  • "Ich selbst habe Comic Sans verwendet, als ich mit 10 am Computer meines Onkels saß und in Paint (Win 3.11) erste Plakate gestaltete. Andere Schriften hielt ich für unpassend." ( Leserkommentar im deutschen Fontblog)

Comic-Sans-Entwickler: "Ein großes Missverständnis"

Vicent Connare, der Entwickler der Schrift, rechtfertigt sich auf seiner Website: Damals, als er bei Microsoft als Schriftenmacher arbeitete, habe er die Comic Sans für einen ganz speziellen Einsatz entwickelt - als Schriftart für die Sprechblasen der Figuren in Microsofts Riesen-Flop Bob, der intuitiv zu bedienenden (das war zumindest der Plan) Benutzeroberfläche für Computer-Unerfahrene (siehe Fotostrecke unten).

Bob versuchte, die Datei- und Programmstruktur des Rechners in Alltagsmetaphern wie Wohnzimmer, Schreibtisch und so weiter zu übersetzen. In diesen Räumen sollten witzige Wesen (Hund Rover, Ratte Scuzz, Glühwürmchen Blythe usw.) den Nutzern in Dialogen die Bedienung des Computers näher bringen - und für diese Dialogboxen entwarf Schriftentwickler Connare die Comic Sans.

Microsofts Comic-Hund sollte in Comic Sans sprechen

Connare erklärt SPIEGEL ONLINE, warum er ungern immer wieder als Sündenbock für den Missbrauch der Comic Sans herhalten muss: "Das ist nicht in Ordnung. Ich habe damals das Richtige getan, als ich sagte, dass es schlecht ist, die Texte in den Sprechblasen der Cartoonfigur Rover in Times New Roman zu setzen. Ich habe sie freundlicher und Cartoon-ähnlicher aussehen lassen."

Das Problem: Die Schrift kam zu spät, der Schnitt ließ sie weiter laufen als die von den Programmierern vorgesehene Times New Roman, deshalb konnte die Comic Sans nicht mehr genutzt werden - man hätte die Größen aller Sprechblasen anpassen müssen.

"Es ist doch nicht die Schuld der Schriftart!"

Also packte Microsoft die Schrift in das Zusatzpaket "Windows 95 Plus Pack", später wurde Comic Sans als Standardschriftart mit dem Betriebssystem ausgeliefert, um zum Beispiel im "Microsoft Movie Maker" verfügbar zu sein.

Den Spott und die Häme weist Connare zurück: "Es ist doch nicht die Schuld der Schriftart, dass sie falsch genutzt wird. Geht es bei Gestaltung nicht darum - für jede Aufgabe die angemessene Lösung zu finden?"

Zu diesen angemessenen Lösungen zählen Google-Anzeigen in Comic Sans für Connare nicht: "Das bringt bestimmt Aufmerksamkeit, aber ich würde das nicht angemessene Gestaltung nennen." Ebenso wenig wie einen in Comic Sans gesetzten Lebenslauf. Connare erzählt, auf einer Konferenz habe ihm eine Schuhdesignerin erzählt, sie habe ihren ersten Job mit einem Lebenslauf in Comic Sans bekommen. Connare: "Ich konnte ihr nicht sagen, dass ich ihren Boss dafür gefeuert hätte."



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