Scherzkekse am Werk Kann Bush lesen?

Es ist mal wieder so weit: Wie ein Steppenbrand verbreitet sich seit Mitte September ein Bild im Web, das Präsident George Bush mit einem Buch zeigt. Lästermäuler halten schon das für ungewöhnlich, mehr noch aber, dass er es verkehrt herum hält. Oder etwa doch nicht?

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Kein unintelligenter Scherz, der hämische Fragen aufwirft: Kann Bush lesen?

Kein unintelligenter Scherz, der hämische Fragen aufwirft: Kann Bush lesen?

In grauer Vorzeit, bevor das World Wide Web seinen Siegeszug antrat, gab es Maschinen, mit denen sich Kopien per Telefondraht in die Welt schicken ließen. Das "Fax", kurz für Facsimile, geht auf die Erfindungen zweier intelligenter Menschen zurück: Bereits 1847 legte der Schotte F.C. Bakewell mit seinem "Kopiertelegraphen" den Grundstein, und ab 1929 setzte Rudolf Hell die von ihm entwickelte und dem heutigen Fax zugrunde liegende Technik für seine "Hell-Schreiber" ein.

Ab etwa 1940 begannen Faxe, im heftigen Nachrichtenverkehr ernsthaft eingesetzt zu werden. Spätestens in den Siebzigern war es damit vorbei: Das Fax hatte so ziemlich jedes Büro erreicht und endlich wurde von den dort arbeitenden Menschen die ganze Fülle seiner ihm innewohnenden Möglichkeiten erkannt. Keine Kommunikations-Maschine eignete sich so sehr wie das Fax, um Flachgeistiges, Witziges, Obszönes oder schlicht Albernes in der Welt zu verbreiten. Ende der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts übernahm dies die bis heute populärste Anwendung des Internet: die E-Mail.

Mit echten elektronischen Briefen entstand erst die Möglichkeit, sich tagtäglich über obskure Medikamentenangebote, ukrainische Callgirls, die Möglichkeiten der Penisverlängerung, die Einfuhrproblematik bei Panzerfäusten, die Geldwäsche in Nigeria oder über den Verbleib von bis dato unbekannten Freunden auf dem Laufenden zu halten. Aber da das Internet auch ein Nachrichtenmedium par excellence ist, verbreiten sich dort auch ganz andere Sachen.

Neben der Flut von Spams (Werbemüll) laufen jeden Werktag Millionen von Mails über die Server, die den Empfängern hoch willkommen sind: Anders als Faxausdrucke kann man diese bewundern, ordentlich ablachen, und sie per Mausklick verschwinden lassen, wenn der Chef kommt.

Das Original vom 14. Juni 2002: Bush weiß sehr wohl, wie man ein Buch richtig hält
AP

Das Original vom 14. Juni 2002: Bush weiß sehr wohl, wie man ein Buch richtig hält

Wie beispielsweise das Bild von Bush, das seit etwa Mitte September weltweit die Runde macht. Da sitzt der amerikanische Präsident mit einem Buch in der Hand. Zyniker lachen schon an diesem Punkt, aber eigentlich liegt der Witz darin, dass Bush das Buch verkehrt herum hält. Zu allem Überfluss ist das Ding ein Kinderbuch, das von der links von Bush stehenden Minderjährigen souverän richtig herum gehalten wird: Eigentlich, denkt sich da ein erwachsener Mensch, hätte sich der Mann daran doch ein Beispiel nehmen können und sollen. Oder?

Genau, oder: Das Ding ist natürlich eine Fälschung

"Schon gesehen?" heißen die Betreffzeilen von E-Mails gern, mit denen solche Bilder als kleine Farbtüpfelchen im grauen Büroalltag verbreitet werden. Und schnell ist man dann bei der Frage, ob das millionenfach verbreitete Beweisstück nun echt sein könne oder nicht.

Das war so beim "Touristguy", dem Mützenträger, der angeblich auf dem World Trade Center stand, als dort eines der Flugzeuge einschlug. Und das ist beim lesenden George Bush nicht anders.

Blöder Scherz: Ende 2001 machte eine makabre Bildmontage den "Touristguy" international bekannt

Blöder Scherz: Ende 2001 machte eine makabre Bildmontage den "Touristguy" international bekannt

Hie wie da ist die Antwort auf solche Fragen schnell gefunden, wenn man weiß, wo man suchen muss: Snopes sei Dank.

Hinter der nichts sagenden Adresse Snopes.com verbirgt sich ein viel sagendes Web-Angebot, das zu den populärsten überhaupt gehören dürfte: Die "Urban Legends Reference Pages".

Urban Legends sind die unsinnigen Geschichten nach dem altbekannten "Spinne in der Yuccapalme"-Muster. Snopes alias David P. Mikkelson hat es sich mit seiner Frau Barbara zur Aufgabe gemacht, aus solchen aufgeblasenen Unthemen die Luft heraus zu lassen. Mit Erfolg: Snopes ist weltweit eine so genannte Referenzadresse.

Und liefert auch in diesem Fall zuverlässig die logische Antwort: Natürlich ist das Bush-Bild gefälscht.

Anhand der Buchrücken der Bände, die das Mädchen und Bush halten, weist Snopes nach, dass das von Bush gehaltene Buch nicht nur verkehrt herum gehalten wird, sondern auch spiegelbildlich verkehrt abgebildet wurde. Das, argumentiert er schlüssig, ist der Beweis für die Fälschung: Der Bildmanipulator schnitt einfach das eine Buch aus, spiegelte und drehte es und legte es Bush in die Hände. Bingo: Quod erat demonstrandum.

Wo das Original herstammt, muss Snopes allerdings zugeben, habe er nicht heraus bekommen können.

Aber wir. Ein kurzer Wühler im Bildarchiv förderte das originale AP-Foto zutage und damit den letzten Beweis. So ganz nebenbei übrigens auch für eine andere offene Frage: Fündig wurde Bildredakteur Martin Trilk. Der hatte sich schlicht an eine ganze Reihe solcher und ähnlicher Fotos erinnert.

Trilk: "Bush liest gern vor". Also doch.



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