Schlammschlacht Teenie-Chat im Porno-Universum

Schwere Vorwürfe gegen das Chat-Portal Stickam: Die Betreiber der Seite sollen geschäftliche Verbindungen zur Sex-Industrie haben, sogar die selben Räume nutzen.


Mehr als 600.000 registrierte User zählt die Plattform Stickam, über die Nutzer per ungefiltertem Live-Video-Stream miteinander chatten. Viele von ihnen sind noch nicht volljährig, das Mindestalter zum Mitmachen beträgt 14 Jahre. Doch in den Blogs und Gästebüchern der Nutzer häufen sich Beschwerden über sexuelle Belästigung via Webcam.

Video-Chat-Community Stickam: Geschäftsverbindungen zur Porno-Industrie

Video-Chat-Community Stickam: Geschäftsverbindungen zur Porno-Industrie

Nun vermeldet die "New York Times", Stickam sei nicht nur ein Tummelplatz für Pädophile; die Seite selbst habe enge Verbindungen zur Porno-Industrie: Die hinter Stickam stehende Firma Advanced Video Communications (AVC) gehöre zum Sex-Imperium des japanischen Geschäftsmannes Wataru Takahashi - eine brancheninterne Schlammschlacht nimmt ihren Lauf.

Takahashi ist unter anderem Besitzer einer Pornofilm-Produktionsfirma und betreibt mindestens 49 Webseiten für Live-Sex-Shows via Webcam. Takahashis Sex-Seiten, die Namen wie "DXlive" und "JgirlParadise" tragen, bedienen sich außerdem derselben Video-Technologie wie Stickam.

Porno-Darsteller im Stickam-Büro

Die "New York Times" beruft sich auf interne Firmendokumente und auf Aussagen des ehemaligen Vize-Präsidenten von Stickam, Alex Becker. Becker sagt, Takahashi selbst habe ihm von der Verbindung zwischen Stickam und der Pornoindustrie erzählt - bei einem Dinner in einem Downtown-Sushi-Restaurant. Becker moniert, dass Stickam auf seiner Seite nirgendwo offiziell auf diese bedenkliche Verbindung hinweist.

Ohnehin nehme es Stickam mit der Sicherheit seiner Angebote nicht sehr genau. Becker behauptet, er habe mit eigenen Augen gesehen, wie Stickam-Mitarbeiter Tausende Beschwerde-Mails ungelesen gelöscht hätten. In vielen dieser Mails hätten sich Nutzer über Missbrauch der Video-Chat-Funktion beschwert.

Er hält es zudem für untragbar, dass Angestellte von Takahashis Porno-Imperium zum Teil bei Stickam mitarbeiten - beziehungsweise mitgearbeitet haben. Generell befinde sich Stickam mit den Pornoseiten in denselben Räumlichkeiten. Becker habe mit eigenen Augen gesehen, wie DXlive-Darstellerinnen und -Darsteller trainiert worden seien, auf bestimmte Kundenwünsche einzugehen.

Diversifikation nach dem "Disney-Prinzip"

Stickam selbst reagiert auf die Vorwürfe gelassen. "Wir nehmen die Sicherheit unser Nutzer sehr ernst", sagte Scott Flacks, Marketing-Manager bei Stickam, der "New York Times". Ein ganzes Team überwache und eliminiere bedenkliche Inhalte.

Richtig sei, dass Stickam und DXlive einige Firmenräume miteinander teilten. Geschäftlich und inhaltlich seien Porno-Sektor und Teenager-Video-Chat jedoch getrennte Bereiche. Flacks verglich dieses Geschäftsmodell mit der Firma Disney, die eben auch nicht nur Kinder-Cartoons vertreibe, sondern über ihre Tochterfirma Touchstone auch stärkeren Tobak.

Becker unterstellte er, Stickam aus Konkurrenz- und Rachemotiven schlecht machen zu wollen: Zum einen plane Becker eine Seite, die Stickam sehr ähnlich sei, zum anderen habe er es nie geschafft, bei Stickam einen Arbeitsvertrag zu bekommen. Becker bestätigte dies, erwidert jedoch, ein Vertrag sei nie zustande gekommen, da es einen Streit über kreatives Eigentum gegeben habe.

ssu



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