Zukunftsbremse langsames Internet: Die Schmalband-Republik
Die Kanzlerin hat leider recht: Für viele Deutsche ist das Internet auch 2013 noch Neuland. Die Merkel-Regierung verschläft den Breitband-Ausbau, eine der wichtigsten wirtschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Dieser Report zeigt, wie schwach das deutsche Netz ist - und was anderswo besser läuft.
USA, Japan, Schweiz - in vielen Ländern ist das Internet schneller als bei uns. Millionen Haushalte in Deutschland haben gar keinen Zugriff auf einen ausreichend schnellen Zugang, um die datenintensiven Netzanwendungen der Gegenwart zu nutzen.
Seit Jahren verspricht die Bundeskanzlerin schnelles Internet, immer wieder. 2009 etwa versicherte Angela Merkel: 75 Prozent der deutschen Haushalte sollen bis 2014 mit einer Geschwindigkeit von mindestens 50 Megabit pro Sekunde Daten aus dem Netz ziehen können.
Dieses Versprechen ist nicht zu halten.
Die Provider scheuen Investitionen, der Staat hält sich weitgehend heraus. Die Folge: Mit gerade einmal sechs Megabit pro Sekunde surfen Nutzer in Deutschland dem Netzdienstleister Akamai zufolge im Schnitt. Das sind 45 Megabyte Download in der Minute. Das reicht aber nicht einmal für einen TV-Stream in High Definition. Für den müssten in einer Minute rund 60 Megabyte Daten übertragen werden.
Im internationalen Vergleich liegt Deutschland höchstens im Mittelfeld. 90 Prozent der Nutzer bekommen weniger als zehn Megabit pro Sekunde. Also über 40 Mbit/s weniger, als Merkel versprochen hatte.
Aber ist das überhaupt ein Problem? Und wenn ja, woran liegt es? Und was können wir dagegen tun? Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Thema Breitband-Internet.

1. Brauchen wir überhaupt schnelles Internet?
Ja, spätestens mittelfristig. Die Datenmengen steigen rasant: mehr Geräte, mehr Videostreams, Fernsehen über das Internet. Seit Jahren rufen die Kunden deutscher Provider Jahr für Jahr mehr Daten aus dem Netz ab:

Doch auch der unabhängige Infrakstruktur-Experte Richard Sietmann vom Fachmagazin "c't" prognostiziert enormen Bandbreitenbedarf:
"Breitband ist eine gesellschaftspolitische Herausforderung, vergleichbar mit der Energiewende."
"Früher oder später wird alles - von TV-Programmen bis zum Kindergeburtstag - in die und aus den Haushalten gestreamt. Andere Verbreitungswege wie DVB-T oder Sat-TV werden bald der Vergangenheit angehören. Das ist eine gewaltige gesellschafts- und industriepolitische Herausforderung, vergleichbar der Elektromobilität oder der Energiewende."
Mehr Bandbreite zieht zudem mehr Nutzung nach sich. Je niedriger die Bandbreite, desto weniger Inhalte rufen die Nutzer im Netz ab. Das durchschnittliche übertragene Volumen pro Anschlussart in Deutschland veranschaulicht das. Schmalband-Onliner rufen im Monat durchschnittlich ein Viertel des Datenvolumens von Breitband-Surfern ab.

Das ist Augenwischerei. Es gibt keine einheitliche Definition dafür, was Breitband-Internet ist. Statt von Grenzwerten aus der Vergangenheit auszugehen, muss man eine zukunftssichere Breitbandstrategie an den Ansprüchen der mittleren Zukunft ausrichten.
"Beim HD-Fernsehen übers Internet ist die Hälfte der 30 Millionen Haushalte außen vor."
Die Hälfte der DSL-Kunden hat einen Zugang mit weniger als sechs Mbit/s, ein Fünftel der deutschen DSL-Nutzer surft im Schmalband mit weniger als zwei Mbit/s.
Das ist nicht zuletzt ein Wirtschaftsfaktor: Gerade in strukturschwachen Regionen wie Mecklenburg-Vorpommern lassen sich Unternehmen heute schon deshalb nicht nieder, weil sie keinen ausreichenden Internetzugang erwarten können. Je mehr sich die Geschäftswelt digitalisiert, desto drängender wird das Problem.

Nein. Deutschland steht bei den tatsächlich gemessenen Bandbreiten sogar schlecht da. Die durchschnittliche Geschwindigkeit von sechs Megabit pro Sekunde für alle Internetanschlüsse in Deutschland ist sogar im Vergleich zum Flächenland USA nur Mittelmaß.

Es wird kurzfristig vielleicht besser. Aber auf mittlere Sicht ist V-DSL keine Lösung. Es gibt ein technisches Problem: Die Bandbreite bei DSL ist durch das Kupferkabel beschränkt.
"Alle DSL-Techniken stoßen an die physikalischen Grenzen der Kupferdoppeladern."
V-DSL holt aus der alten Technik noch etwas mehr heraus. Ein Teil der Verbindung läuft über Glasfaser, doch auf der letzten Meile zum Haushalt liegt weiterhin Kupfer:

- Bei ADSL und VDSL hängt die Übertragungsbandbreite vor allem von der Länge der Kupferleitung ab. Je weiter der Kabelweg vom DSLAM (Digital Subscriber Line Access Multiplexer, die grauen Kästen am Straßenrand), desto niedriger die Bandbreite.
- Für ADSL ist nach vier bis fünf Kilometern Schluss, bei VDSL schon bei 500 bis 800 Metern. Bei ADSL2+ gibt es 24 Mbit/s bei 0 Metern Leitungslänge, direkt hinter dem DSLAM. Die Bandbreite kann bei langer Leitung auch auf 0,5 Mbit/s sinken - aber das ist auf dem Land oft die einzige Alternative.
- Bei Glasfaser-Anschlüssen ist die Durchsatzrate nicht durch die Länge der Leitung begrenzt.
- Je nach Aufbau eines Netzes teilen sich mehrere Kunden die theoretisch verfügbare Bandbreite, zum Beispiel beim Fernsehkabel.
- Auch beim Mobilfunkstandard LTE sinkt die Bandbreite für jeden mit der Anzahl gleichzeitiger Nutzer in einer Funkzelle.
- Die erzielbare Durchsatzrate wird bei ADSL und VDSL auch durch sogenannte Profile bestimmt, über die Anbieter die nutzbaren Frequenzbereiche definieren (und damit den möglichen Durchsatz). So sind beim VDSL2-Profil 17a theoretisch 100 Mbit/s möglich, aufgeteilt auf Down- und Upstream, vermarktet wird aber weniger.
- Die Glasfaser-Durchsatzrate ist nicht begrenzt, es lassen sich 100 Gbp/s und mehr übertragen. Bei regulären Anschlüssen für Privatkunden dürfte sich allerdings ein bestimmter Gigabit-Ethernet-Standard durchsetzen (nach der IEEE-Norm 802.3), also 1 Gbit/s up und down.
- Mit Glasfaser sind theoretisch noch weit höhere Bandbreiten möglich - 60.000 mal und noch schneller. Infrastruktur-Experte Richard Sietmann von der "c't": "Wenn die Glasfaser erst einmal richtig liegt, braucht man für Upgrades nicht mehr zu buddeln."


5. Warum läuft der Glasfaser-Ausbau in Deutschland so schlecht?
Die großen Provider investieren wenig in die Technik. Telekom-Chef René Obermann rief Anfang 2010 die "Gigabit-Gesellschaft" aus und versprach: Bis Ende 2012 schließt die Telekom bis zu vier Millionen Haushalte per Glasfaser ans Netz an.
"VDSL ist das letzte Aufbäumen der Kupfertechnologie, je besser die ausgereizt wird, desto später kommt Glasfaser."
Daraus ist wenig geworden: 360.000 Haushalte können einen Glasfaser-Anschluss bei der Telekom erhalten. Glasfaser ist in Deutschland Mangelware. Die Anzahl erreichbarer Haushalte ist von 2009 bis 2012 um gerade mal 290.000 gestiegen.


Thomas Plückebaum vom Wissenschaftlichen Institut für Infrastruktur und Kommunikationsdienste (WIK) bilanziert: "Deutschlands Fluch und Segen ist die gute Kupferinfrastruktur der Telekom. VDSL ist das letzte Aufbäumen dieser Technologie, je besser die ausgereizt wird, desto später kommt Glasfaser."
6. Wie teuer wäre Glasfaser für ganz Deutschland?
Flächendeckender Glasfaserausbau bis ins Haus in Deutschland dürfte Milliarden kosten. 70 bis 80 Milliarden Euro wären nötig, schätzt zum Beispiel das Wissenschaftliche Institut für Infrastruktur und Kommunikationsdienste (WIK).
70 bis 80 Milliarden Euro würde flächendeckender Glasfaserausbau in Deutschland kosten.
Investitionen lohnen sich umso eher, je mehr Menschen in einer Region wohnen und je mehr Hauptverteiler dort stehen. Dieses Verhältnis visualisiert der Breitband-Investitionsindex: In den Metropolen sieht es gut aus, überall sonst schlecht bis miserabel.

7. Glasfaser-Ausbau läuft in anderen Staaten sicher auch schlecht?
Nein. In vielen Staaten ist das Netz besser ausgebaut. Die Glasfaserquote ist in sehr vielen Ländern erheblich höher als in Deutschland, am höchsten in Skandinavien und einigen osteuropäischen Staaten.

Beim Glasfaserausbau hat Deutschland bessere Voraussetzungen und schlechtere Ergebnisse als Lettland, Bulgarien und Schweden.
Der Breitband-Investitionsindex für Europa bescheinigt Deutschland bessere Voraussetzungen für den Breitbandausbau als diesen Staaten. Der Index wird als Produkt von Einwohnern und Hauptverteilern pro Quadratkilometer für Stadt- und Landkreise berechnet.
Je mehr Einwohner und je mehr Hauptverteiler in einer Region stehen, desto günstiger und lukrativer ist die Aufrüstung (mehr Kunden, mehr bestehende Infrastruktur).

Wenn die Regierung Breitband-Internet als öffentliches Gut sieht, muss sie mehr tun.
Die Deutsche Telekom darf ihre Kupferleitungen unreguliert als VDSL2 vermarkten, für große Anbieter gibt es wirtschaftlich wenig Anreize, in unwirtschaftliche Gebiete zu investieren.
Die entscheidende Frage, um die sich die Regierung bisher drückt: Ist Breitband-Internet ein öffentliches Gut, gehört es zur Daseinsfürsorge?
Wenn es so ist, muss der Bund mehr tun.
Quellen
- Akamai: State of the Internet 4/2012
- Breko: Marktdaten 2012
- Ronald Freund: Glasfaser auf dem Weg zum führenden Medium
- Dialog Consult / VATM: 14.TK-Marktanalyse Deutschland 2012
- Bundesnetzagentur: Jahresbericht 2012
- ICT Fact and Figures 2013
- BIIX e.V.: Breitband-Investitionsindex
- Auskünfte von Thomas Plückebaum (WIK Conult), Martin Fornefeld (MICUS Management Consulting), Richard Sietmann (c't), Akamai, BIIX e.V., BUGLAS, FTTH Council Europe, VATM, Deutsche Telekom, Stuart Cleary (Akamai)
Zur Umrechnung von MBit in Megabyte
Der Datendurchsatz bei Breitbandanschlüssen wird in Megabit je Sekunde angegeben. Das ist verwirrend, weil der Speicherplatz auf Datenträgern in Mega- und Gigabyte beziffert wird. Die Umrechnung ist eigentlich einfach: Acht Bit entsprechen einem Byte. Kompliziert wird die Umrechnung dadurch, dass bei den Speicherplatz-Angaben noch immer Binär-und Dezimalsystem (ausführliche Erklärung hier) durcheinandergebracht werden. Bei den Begriffen hilft die Tabelle unten, Heise bietet kostenlos einen guten Bandbreiten-Rechner, mit dem sich MBit je Sekunde leicht in Gibi- und Gigabyte je Minute oder Sekunde umrechnen lassen.
| Wie viel MBit sind ein Megabyte? | |||
| Stufe | Bit | Byte (dezimal) | Byte (binär) |
| 0 | 8 | 1 | 1 |
| 1 | 8000 = 8 Kilobit (KBit) | 1000 Byte = 1 Kilobyte (KB) | 1024 Byte = 1 Kibibyte (KiB) |
| 2 | 8000 KBit = 8 Megabit (MBit) | 1000 KB = 1 Megabyte (MB) | 1024 KiB = 1 Mebibyte (MiB) |
| 3 | 8000 MBit = 8 Gigabit (GBit) | 1000 MB = 1 Gigabyte (GB) | 1024 MiB = 1 Gibibyte (GiB) |
| 4 | 8000 GBit = 8 Terabit (TBit) | 1000 GB = 1 Terabyte (TB) | 1024 GiB = 1 Tebibyte (TiB) |
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