Schmutzkampagne auf YouTube Scientology stellt BBC-Reporter im Internet bloß

Wettkampf der Wut auf YouTube: Scientologen filmen einen ausrastenden BBC-Reporter, stellen Videos ins Internet, starten Blogs, ein Web-Magazin. Vor wenigen Jahren noch hat Scientology versucht, das Web zu zensieren. Heute nutzt die Organisation es höchst professionell.

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John Sweeney ist außer sich: Sein Gesicht ist rot angelaufen, die Stimme überschlägt sich, sein Finger saust durch die Luft, auf und ab, während er brüllt: "Sie waren nicht dort! Sie haben nicht das ganze Interview gehört!" Diesen Schreihals haben in den vergangen fünf Tagen ein paar hunderttausend Menschen auf YouTube gesehen. Sweeney ist ein höchst angesehener BBC-Fernsehreporter.

Bei dem Interview mit einem Scientology-Vertreter verliert er die Kontrolle, als dieser ihn parteiisch nennt, ihm vorwirft, die Anschuldigungen von Scientology-Kritikern nicht zu hinterfragen. Am Montagabend lief Sweeneys Scientology-Dokumentation im britischen Fernsehen BBC. Wenige Tage davor tauchte ein Mitschnitt seines Ausrasters bei YouTube auf, dann binnen vier Tagen Protest-Blogs, eine Protest-Website, Interviews mit BBC-Kritikern.

Die neue Strategie: Angriff

Scientology nutzt das Internet geschickt, um die eigene Sicht der Dinge zu transportieren. Reporter Sweeney hat das am eigenen Leib erfahren: "Das Schlachtfeld ist YouTube, Scientologys Waffe ist der Clip, wo ich die Fassung verliere", schreibt er in seinem Blog und fährt fort: "Scientology hat schon viele Schlachten ausgetragen, um ihre Geheimnisse aus dem Netz zu tilgen. Jetzt nutzen sie es, um meine Recherche anzugreifen."

Diese neue Strategie beobachtet auch der norwegische Scientology-Kritiker Andreas Heldal-Lund. Er veröffentlicht seit Jahren interne Scientology-Dokumente im Internet. Vor vier Jahren ließ die Organisation Heldal-Lunds Seiten aus dem Google-Index entfernen. Vorwurf: Urheberrechtsverletzung.

Statt Zensur versucht Scientology heute eher, die eigene Botschaft lauter klingen zu lassen als die der Gegner. Heldal-Lund zu SPIEGEL ONLINE: "Sie suchen Schwachpunkte bei Gegnern. Haben sie etwas, greifen sie an." Die Kampagne gegen die BBC und ihren Reporter John Sweeney ist ein Paradebeispiel dieser Taktik.

Schritt 1: Material sammeln

Es beginnt während der Dreharbeiten für seinen Dokumentarfilm "Scientology and Me" in Los Angeles: Sechs Tage lang folgen seinem Kamerateam Fremde, Treffen mit Scientology-Vertretern lässt die Organisation von ihrem eigenen Team filmen. So auch Sweeneys Besuch der Scientology-Ausstellung "Psychiatrie – die Industrie des Todes". Er sieht dort, wie angebliche Psychiater Menschen Nadeln in die Augen stechen, er hört die Anschuldigungen, Psychiater hätten in Deutschland die Nationalsozialisten an die Macht gebracht. Und dann trifft Sweeney Scientology-Sprecher Tommy Davis, der – so Sweeneys Darstellung – ihm sechs Tage lang folgt, nachts mit einem Kameramann im Hotel auf ihn wartet, ihn zu Diskussionen anstachelt. Dann, in der Ausstellung, wirft Davis Sweeney vor, unkritisch mit Scientology-Gegnern umzugehen, in einem Interview auf kritische Rückfragen verzichtet zu haben.

Da rastet Sweeney aus, brüllt, Davis würde nicht das ganze Interview kennen, Davis würde nur die zweite Hälfte zitieren, Davis sei nicht dort gewesen. Kurz hält er inne, fragt scheinbar ruhig, ob Davis alles verstehe, brüllt dann weiter. Davis bleibt gelassen, wiederholt immer wieder seine Frage, warum Sweeney denn seiner Organisation Gehirnwäsche vorwerfe. Scientology-Experte Heldal-Lund kennt diese Taktik: "Scientologen werden für solche Gespräche trainiert." Zum Standard-Repertoire gehört laut Heldal-Lund: keine Gefühle zeigen, nicht auf die Fragen und Argumente anderer eingehen, allein mit Angriffen und Fragen reagieren, wieder und wieder den eigenen Standpunkt erzählen. "Dabei sollen Scientology-Vertreter immer Augenkontakt suchen, dem Gesprächspartner körperlich unangenehm nah kommen, um zu provozieren." Das kann man in den Aufnahmen auf YouTube erkennen.

Die Scientology-Aufnahmen der Szene unterschlagen allerdings die Vorgeschichte, den Vorwurf unsauberer journalistischer Arbeit. Hier wird suggeriert, Sweeney sei einfach so ausgerastet. Das nicht so suggestiv geschnittene Filmmaterial der Szene des BBC-Teams zeigt das Vorgeplänkel, zeigt auch, wie der Scientology-Vertreter seine Stimme erhebt. Nach diesem Zwischenfall entschuldigt sich Sweeney bei Davis, der wirkt gelassen – beide scheinen zumindest wieder miteinander zu sprechen.

Schritt 2: Die Vorbereitung

Aber Scientology weiß, welchen Wert die Aufnahmen des brüllenden BBC-Reporters Sweeney haben. Bisher lässt sich die Planung der Kampagne im Web zumindest bis eine Woche vor den geplanten Ausstrahlungstermin der Dokumentation Sweeneys in der BBC-Sendung Panorama zurückverfolgen: Am 8. Mai registriert die kleine britische Agentur Amazinginternet aus dem Londoner Vorort Twickenham eine Internetseite mit dem bezeichnenden Namen "bbcpanorama-exposed.org". Amazinginternet gestaltet sonst Webseiten, unter anderem für das Herrenhaus "Saint Hill", 1959 vom Scientology-Gründer L. Ron Hubbard als Familiensitz gekauft, heute noch in Scientology-Besitz, aber öffentlich zugänglich.



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