Schnappi-Mania: Vom Nil in die Charts

Ein kleines Krokodil namens Schnappi stellt derzeit alle Regeln des Musikbusiness auf den Kopf: Jahrelang kursierte das Kinderlied um das bissige Reptilienbaby kostenlos im Internet - die CD ist nun dennoch ein kommerzieller Erfolg.

Schnappis Webseite: Deutschlands grünster Popstar ist trotz seines jugendlichen Images ein Spätstarter

Schnappis Webseite: Deutschlands grünster Popstar ist trotz seines jugendlichen Images ein Spätstarter

Es ist klein und grün, es schnappt für sein Leben gern - und es belegt Platz eins der deutschen Single-Charts: Schnappi, das kleine Krokodil. Dabei hatte wohl niemand damit gerechnet, dass Schnappi einmal berühmt werden würde: Das fröhliche Kinderlied mit der Ohrwurm-Melodie ist schon drei Jahre alt.

Die Komponistin Iris Gruttmann produzierte es 2001 mit ihrer damals fünfjährigen Nichte Joy, den Text schrieb Rosita Blissenbach. Schnappis Mamas sind erfahrene Kinderlied-Macherinnen, sie arbeiteten schon gemeinsam für die "Sendung mit der Maus" und den "Hasen Felix".

Das Lied erschien zunächst auf der CD "Iris Lieder - Lied für mich", zwei Jahre später auf dem Sampler "Großes und Kleines mit der Maus", und niemand interessierte sich wirklich dafür. Aber dann stellte irgendjemand Schnappi als mp3 ins Internet - ausgerechnet jenes Medium, das die Musikindustrie gern für den Untergang kommerzieller Popmusik verantwortlich macht. Schnappi wurde verlinkt und verschickt, kostenlos und ohne jeden Kopierschutz, und erlangte so eine gewisse Webprominenz. Im Sommer 2004 stellte auch SPIEGEL ONLINE Schnappi als Leser-Linktipp vor.

Auch in den Discos grassiert das Schnappi-Fieber

Anfang Dezember veröffentlichte schließlich Universal Deutschland eine Single-CD mit acht Schnappi-Mixes, und dann ging alles ganz schnell: nach zwei Wochen Rang zwölf der deutschen Charts, nach drei Wochen Platz drei, und seit dem neuen Jahr verteidigt Schnappi die Spitzenposition. Spätestens seit das Krokodil mit großen Kulleraugen in einem Musikvideo bei MTV und Viva sein Unwesen treibt, tanzen auch die Massen in den Clubs und Discos zum Beatmix oder Kairo Pop Mix.

Heute hat Schnappi eine eigene Website und unzählige Fans, als erstes Krokodil der Welt war er am Samstag bei "Top of the Pops" zu Gast. Bald soll es Plüsch-Schnappi, Schnappi-Bücher, Hörspiele, T-Shirts und Bettwäsche geben, und Schnappi und seine Freunde werden ein Album herausbringen, wieder mit der kleinen Joy. Geplagte Eltern, deren Sprösslinge das Lied in der Dauerrotation dudeln, wünschen sich bereits jetzt heimlich Schnappi-freie Zonen - vergebens: Die meisten Radiosender haben ihren anfänglichen Widerstand gegen das Kinderlied aufgegeben.

Nach wie vor ist der Song kostenlos im Netz verfügbar - und trotzdem kaufen alle die CD. Die Musikindustrie wird sich eine andere Ausrede einfallen lassen müssen für ihre Absatzprobleme. Die alte hat Schnappi weggeschnappt.

Angelika Unger

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Web
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback

Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.