Schnellere Internet-Verbindung: Google baut Überholspur im Netz

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Schneller surfen mit den Großen: Internet-Riesen wie Yahoo, Amazon und nun offenbar auch Google wollen Provider dazu bringen, dass ihre Inhalte rascher transportiert werden. Dicke Leitungen für reiche Unternehmen, dünne für alle anderen - droht ein Zwei-Klassen-Netz?

Hamburg - Heimlich, still und leise verabschieden sich die Großen im Netz von einem Prinzip, das ihnen noch vor kurzem als heilig galt: Das eine, unteilbare, für alle gleiche Internet wird es womöglich schon bald nicht mehr geben. Denn Amazon, Microsoft, und dem "Wall Street Journal" ("WSJ") zufolge nun auch Google verabschieden sich vom Prinzip der Netzwerk-Neutralität ("Net Neutrality"). Die Groß-Unternehmen wollen sich die Möglichkeit vorbehalten, künftig mit einem Extra-Obolus besonders breite Datenleitungen für sich und ihre Inhalte zu reservieren. Für kleine Unternehmen, für Non-Profit-Webseiten und sogar für höchst populäre, aber nicht profitable Angebote wie Wikipedia könnte der Schwenk schlimmstenfalls bedeuten, dass sie im Netz künftig schwerer zu erreichen sind.

Rechenzentrum: Server-Spenden von den Suchmaschinisten?
DPA

Rechenzentrum: Server-Spenden von den Suchmaschinisten?

Die Internet-Provider wollen erreichen, dass diejenigen, die besonders viel Netzwerk-Verkehr erzeugen, dafür mehr Geld auf den Tisch legen müssen. Das würde bedeuten, dass Schwergewichte wie Google oder YouTube extra für den Transport datenintensiver Inhalte wie Videos durch die Netz-Leitungen bezahlen. Nun habe Google, so berichtet das "WSJ" unter Berufung auf vorliegende Dokumente, "großen Kabel- und Telefonanbietern" einen Vorschlag vorgelegt, um "eine Überholspur für seine eigenen Inhalte zu schaffen".

Dieser Lesart widersprach Google prompt. Der Chef-Sprecher des Unternehmens, Richard Whitt, schrieb einen Blogeintrag, in dem er den Artikel im "WSJ" als "verwirrt" und "übertrieben" bezeichnete. Man habe den Internet-Providern lediglich angeboten, ihnen mit Hardware auszuhelfen, nämlich "innerhalb ihrer eigenen Einrichtungen Caching Server zu plazieren".

Das Zwei-Klassen-Netz kommt - aber anders als gedacht

Auf diesen Servern lägen dann Kopien besonders häufig nachgefragter Inhalte gewissermaßen näher beim Endkunden, was "die Bandbreitenkosten des Providers reduziert, weil das gleiche Video dann nicht mehrfach übermittelt werden muss", so Whitt.

Diese "Edge Caching" genannte Technik gibt es schon seit vielen Jahren. Verschiedene Unternehmen bieten sie als Dienstleistung an: Ein Anbieter kauft Serverkapazität, um große Datenmengen schneller und auf kürzerem Wege ausliefern zu können, indem er Kopien davon in der Nähe der Kunden vorhält. Google geht nun dazu über, diese Kapazitäten nicht zu mieten, sondern selbst zur Verfügung zu stellen - unter dem Dach der Provider.

Whitt betont, dass Google der ursprünglichen Definition von Netzwerk-Neutralität weiterhin treu bleiben werde: Telekommunikationsunternehmen dürfen nicht entscheiden, welchen Inhalten sie Priorität einräumen.

Klar ist aber auch, dass kleine Unternehmen oder Non-Profit-Organisationen nicht die Mittel haben, bei Providern überall auf der Welt Server mit Kopien ihrer meistgenutzten Inhalte aufzustellen. Googles "Edge Cashing"-Deals sind eine elegante Lösung, die eigenen Inhalte besser verfügbar zu halten, ohne dass man anderen Anbietern explizit schadet - und ohne den Telekommunikationsunternehmen direkt Geld für die bessere Verfügbarkeit zu zahlen. Man könnte auch forumulieren: Das Zwei-Klassen-Internet kommt, aber anders, als bislang gedacht.

Die gute Nachricht ist: Auf diese Weise werden nur die Großen schneller, die kleinen aber zunächst nicht langsamer. Auch Kurt Jansson, erster Vorsitzender von Wikimedia Deutschland, hofft, "dass Google nicht den Ast absägen wird, auf dem sie sitzen", sagte Jansson SPIEGEL ONLINE. Die Online-Enzyklopädie Wikipedia sei "sicher das größte und bekannteste nichtkommerzielle Projekt, dass stark unter der Einführung von Wegezöllen im Internet leiden würde", so Jansson, der auch für das Rechercheportal SPIEGEL WISSEN arbeitet.

Der in den USA mit harten Bandagen geführte Kampf um die Netz-Kapazitäten verlagert sich damit auf ein neues Schlachtfeld. Im Jahr 2006 scheiterte in einem Ausschuss des US-Repräsentantenhauses eine Vorlage, die der Netzwerk-Neutralität Gesetzesrang geben sollte. Eingebracht hatte den Vorschlag ein Abgeordneter der Demokratischen Partei. Die Demokraten waren im US-Kongress seit jeher Verteidiger des Prinzips der "Net Neutrality", die Republikaner standen in dem Streit eher auf Seiten der Telekom-Anbieter. Auch der künftige Präsident Barack Obama hat sich stets vehement für Netzneutralität ausgesprochen, sie sogar zum Wahlkampfthema gemacht.

"Zugang zu einem Weltklasse-Internet sicherstellen"

Nun aber bröckelt die Allianz, die damals hinter der Gesetzesvorlage stand. Dazu gehörten auch Yahoo, Google und Microsoft. Auf der anderen Seite standen Telekommunikationsunternehmen wie AT&T, Verizon Communications und Comcast.

Nun zitiert das "Wall Street Journal" aus einer Microsoft-Stellungnahme: "Netzwerk-Neutralität ist eine politische Stoßrichtung, die unser Unternehmen nicht mehr verfolgt." Branchenriese Amazon sprach sich zwar kürzlich noch einmal offiziell für das Prinzip "Gleiches Netz für alle" aus - aber die E-Books für Amazons Lesegerät Kindle werden schon jetzt, dank eines Vertrages mit dem US-Provider Sprint, schneller ausgeliefert als andere Datenpakete im Netz. Yahoo gab eine wachsweiche Pressemitteilung heraus, die den Satz enthält, man müsse "einen Konsens finden, wie man am besten sicherstellt, dass Amerikaner Zugang zu einem Weltklasse-Internet haben". Alle Großen Unternehmen stehen laut WSJ in Verhandlungen mit Telekom-Anbietern - auch wenn unklar ist, worum es dabei im Detail geht.

"Erster Verfassungszusatz des Internets"

Selbst einer der vehementesten und profiliertesten Verfechter des einen, gleichen Netzes, der US-Juraprofessor Lawrence Lessig, wendet sich laut WSJ gerade von der reinen Lehre ab. Bei einer Tagung sagte Lessig, es müsse Content-Anbietern gestattet werden, für schnellere Datendurchleitung zu bezahlen. Bedeutsam ist Lessigs augenscheinlich veränderte Position nicht zuletzt deshalb, weil man davon ausgehen muss, dass er das Ohr des künftigen US-Präsidenten Barack Obama hat. Obama und Lessig lehrten einst gleichzeitig an der University of Chicago und kennen sich aus dieser Zeit. Lessig, der auch als Mitglied der Net-Neutrality-Lobbyorganisation "Save The Internet" geführt wird, ist im Gespräch, um die Federal Communications Commission (FCC) unter einer Regierung Obama zu leiten.

Ebenjene FCC hat sich, gegen starke Widerstände, erst kürzlich als Bollwerk der Netzwerk-Neutralität profiliert. Als der Internet-Provider Comcast dazu überging, Internet-Anschlüsse von Tauschbörsennutzern zu drosseln, verhängte die FCC eine Strafe. Comcast hat dagegen jedoch Widerspruch eingelegt.

Befürworter der Netzwerk-Neutralität hatten die Entscheidung gegen Comcast als Sieg gefeiert. Sollten sich jedoch die mächtigsten Lobbyisten im Kampf für das Prinzip nun von der "Net Neutrality" abwenden, könnte das eine, gleiche, freie Netz schon bald der Vergangenheit angehören. Wenn Googles Beispiel Schule macht, dürfte es bald Gleichere unter den Gleichen geben - eben jene, die es sich leisten können, bei den Providern Hardware unterzustellen.

Nachtrag: Internet-Rechtsexperte Lawrence Lessig hat in einem Blogeintrag auf den Bericht des WSJ reagiert. Seine Position sei zum Thema sei darin richtig dargestellt, schreibt Lessig, verändert habe sie sich in jüngerer Zeit jedoch nicht: "Die Unterstellung, meine Position sei neu, entbehrt jeder Grundlage. Wenn ich falsch liege, dann liege ich schon immer falsch."

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insgesamt 17 Beiträge
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1.
rumsfallera 15.12.2008
Ja!
2.
azrael1980 15.12.2008
Ich verstehe die Frage nicht. :-( Ist damit gemeint, dass es nur noch eine Geschwindigkeit für alle gibt? Stelle ich mir lustig vor, wie Google mit einer 16000er Leitung auskommt.
3. Drohung? Nein, frohe Botschaft!
Pablo alto 15.12.2008
Warum immer diese journalistisch generierte Panik vor zwei Klassen? Zwei-Klassen-Internet. Zwei-Klassen-Medizin. Zwei-Klassen-Bahn. Zwei-Klassen-Schule. Zwei Klassen sind doch völlig okay - solange man in der ersten sitzt.
4.
Eiermann 15.12.2008
Im Bahnverkehr gibt es auch ECs, ICEs, ICs, Regionalzüge sowie Stadt- und Straßenbahnen. Wie sich das im Internet kostenmäßig auswirkt, weiß ich nicht. Denke kaum, dass jemand in Zukunft für Google-Suchen bezahlen muß. Technisch scheint es mir bei weiter zunehmendem Internetverkehr naheliegend und deshalb für die Nutzer eher von Vorteil als von Nachteil.
5.
Kurt G 15.12.2008
Zitat von Pablo altoZwei Klassen sind doch völlig okay - solange man in der ersten sitzt.
GGfs Thema missverstanden ? Denn eins ist klar . Nicht Sie sitzen dann in der ersten Klasse, sondern die bezahlenden Unternehmen. Es ist nicht mehr ein Netz der User, sondern der Unternehmen. SIE haben keinen Einfluss mehr. Kurt G
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