Schülerhobby Mapping Meine Schule in Counter-Strike

Der Emsdettener Amokläufer Sebastian B. hat seine eigene Schule als Counter-Strike-Level nachgebaut. Er ist damit bei weitem nicht der einzige: Im Netz finden sich Dutzende Schul-Maps. Ihr Design wird vor allem unter spieltaktischen Gesichtspunkten diskutiert.

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Das Urteil ist hart: "Ziemlich schlechte Map, die nix bietet", schreibt ein Forumsteilnehmer auf counter-strike.de über eine am Computer nachgebaute Schule. "Die Schule möchte ich sehen, die eine solche Beleuchtung aufweist."

Seit bekannt ist, dass der Emsdettener Amokläufer Sebastian B. Counter-Strike gespielt hat und seine eigene Schule als Map erstellt hat, gilt das Shooterspiel für manchen Politiker als Hauptursache seiner blutigen Aktion. Erst wird die Tat virtuell trainiert - und dann im realen Leben ausgeführt. Wenn dies tatsächlich zuträfe, müsste man jeden Tag mit einem neuen Amoklauf an einer Schule rechnen. Denn im Netz gibt es dutzende von Spielern selbst programmierte Maps, die nichts anderes als deren Schulgebäude darstellen.

Eine Map, auch Karte genannt, ist eine virtuell Spielumgebung, die aus nur einem einzigen Gebäude, aber auch aus einem ganzen Stadtviertel oder einer komplexen Landschaft bestehen kann. In ihr können sich die Spieler mit ihrer Maus oder über die Tastatur bewegen.

Design ist dabei nur ein Aspekt. Eine Map soll sich vor allem gut spielen lassen, also beispielsweise Platz zum Verstecken bieten. "Da außer ein paar Kisten, die im Weg rumstehen, so gut wie nichts als Deckung herumsteht", schreibt der Map-Kritiker weiter über den Schulnachbau de_neubau, "sind es einfach nur ein paar leere Etagen die null Gameplay bieten. Sinnloses Gemetzel..." Mit anderen Worten: Schule und umliegendes Gelände taugen nicht für den Shooter Counter-Strike, bei dem zwei Teams gegeneinander antreten. Die einen spielen Terroristen und haben Geiseln in ihrer Gewalt, die anderen wollen die Entführten befreien.

"Lauf ich deswegen gleich Amok?"

Seine eigene Schule für einen Shooter nachzubauen, gilt in einschlägigen Foren mittlerweile sogar schon als einfallslos, weil naheliegend. Trotzdem wird von Schülern aus Deutschland und der ganzen Welt fleißig gemappt - nicht nur für Counter-Strike, sondern auch für andere Shooter wie Doom und Quake. Beispiel Geschwister-Scholl-Schule im hessischen Melsungen: Der Conter-Strike-Level wurde anfangs sogar für ein Werk von Sebastian B. gehalten, obwohl das dargestellte Gebäude Hunderte Kilometer entfernt von Emsdetten steht.

Mancher Map-Bastler fragt sich nach dem Amoklauf sogar voller Sarkasmus, ob er jetzt nicht eine Gefahr für die Öffentlichkeit darstellt. "Ich habe übrigens meine (alte) Schule auch als CS Map nachgebaut", schreibt ein Forumsteilnehmer auf gamestar.de (CS steht für Counter-Strike), "sehr realistisch sogar. Lauf ich deswegen gleich Amok?"

Sein Level de_tmg, ganz offensichtlich das Thomas-Morus-Gymnasium im nordrhein-westfälischen Oelde, ist aufwendig gestaltet. Mehrere Gebäude sind begehbar, nur die Möbel in den Zimmern fehlen. Wer will, kann auch Runden in der Sporthalle drehen.

Das Programmieren einer solchen Map ist sehr zeitintensiv: Ein 3D-Modell der Schule muss erstellt und mit passenden Oberflächen (Texturen) versehen werden. Häufig fotografieren Schüler sogar Wände und Fassaden, um Gebäude und Innenräume möglichst realistisch darstellen zu können. In einschlägigen Foren versucht man, sich bei der mitunter haarigen Programmierarbeit zu helfen.

Mach, was du gelernt hast!

Sarkastische Bemerkungen kann sich der eine oder andere Map-Konstrukteur nicht verkneifen: " Alle moralischen Bedenken sind irrelevant, da die Map ausschließlich aus rein sportlichen Gründen gebaut wurde. Diese Map ist auch nicht für sonstige Anschläge gedacht!!!" In einer anderen Map erscheint der Spruch: "'You were teached to kill - so do what you've learned", der auch mangelnde Aufmerksamkeit im Englischunterricht verrät. Korrekt heißen müsste es: "You were taught to kill - so do what you learned" (Dir wurde Töten beigebracht, also mach, was du gelernt hast).

Dass Spieler lieber ihre Schule als Counter-Strike-Map bauen und nicht etwa eine Fantasielandschaft dürfte einen simplen Grund haben: Damit kann man seine Mitschüler einfach mehr beeindrucken.



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