Schulmassaker in Finnland: Warnung vor Amokläufer schon im Juni

Von

Hätte das Massaker von Finnland verhindert werden können? Hinweise, dass der Amokläufer Gewalt verherrlicht und Schulattentäter bewundert, gab es schon vor Monaten - ernst genommen hat sie niemand.

Die erste Warnung kam per YouTube-Video. Der Film zeigt einen korpulenten jungen Mann im roten T-Shirt. Im Hintergrund ist unverkennbar das Tor einer typisch amerikanischen Doppelgarage zu sehen. Fast 13 Minuten lang lamentiert er über "Columbine-Mörder, mentale Zwerge und Sozialdarwinismus". Etwa in der Mitte des Videos, nach rund sieben Minuten, warnt er vor Nachahmungstätern, nennt diverse Verdächtige, darunter auch "NaturalSelector89" - den YouTube-Account, hinter dem sich Pekka-Eric Auvinen verbirgt, der Attentäter von Tuusula.

Der Mann im roten T-Shirt nennt sich selbst "TheAmazingAtheist". Sein Video veröffentlichte er am 7. Juni 2007. Sofort entbrannte eine hitzige Diskussion darüber, ob er mit seinen Befürchtungen Recht habe oder nicht. Weit mehr als 800 Kommentare zu seinen Ausführungen sind seither zusammengekommen. Viele davon beschuldigten ihn übertrieben zu reagieren. So etwa der Mathematik-Student Mason, der bei YouTube unter dem Titel "SirTel" auftritt.

"Wenn jemand bloß sagt 'Ich plane 'TheAmazingAtheist' umzubringen', und es dabei belässt … na dann ist das keine konkrete Bedrohung", schreibt Mason als Reaktion auf das Warn-Video. Nach seiner Meinung "drücken sich die Leute eben auf unterschiedliche Weise aus".

Der Warner weiß, wovon er spricht

Dabei kann "TheAmazingAtheist", der eigentlich Terroja Lee Kincaid heißt und in Kalifornien lebt, sehr gut einschätzen, wie sich der von seinen Mitschülern ausgegrenzte Finne Auvinen fühlte. Genau wie jener beschreibt sich Kincaid selbst als jemand, "der jeden kennenlernen möchte, den aber nicht jeder kennenlernen möchte". Er sei schon immer anders gewesen als andere Kinder, schreibt er auf seiner MySpace-Seite. Statt mit gleichaltrigen Federball oder Fußball zu spielen, flüchtete er lieber in Phantasiewelten, die von den "Teenage Mutant Hero Turtles" und den "Transformers" beeinflusst waren.

Als Teenager wurde das nicht besser. Kincaid war der Loser, mit dem niemand zusammen sein wollte, den niemand verstand. Er war der typische Einzelgänger. Der Metal-Sänger Marilyn Manson ist und war sein Vorbild. Als die Amokläufer Eric Harris und Dylan Klebold an der Columbine High School zwölf Schüler erschossen, wurde er an seiner Schule verhört. Man fürchtete, er könne ein Nachahmungstäter sein.

Doch genau das Gegenteil war der Fall. Der 22-Jährige, der genau weiß wie man sich als Einzelgänger fühlt, stöbert heute im Netz nach Hinweisen auf mögliche Attentäter - und wird dabei immer wieder fündig. Seine Erkenntnisse veröffentlicht er regelmäßig auf YouTube. Im Juni sogar mit einer Liste weiterer Netz-Nutzer, die er zumindest für verdächtig hält. Genützt hat das nichts.

Amokläufer-Verehrung auf Community-Portalen

Nun kam auch noch heraus, dass der finnische Amokläufer Kontakte zu einem jungen Amerikaner namens Dillon Cossey hatte. Cossey war vergangenen Monat festgenommen worden, weil er einen Anschlag auf seine ehemalige Schule, die Plymouth Whitemarsh School im US-Bundesstaat Pennsylvania plante. Seine Waffen, zwei Gewehre und eine Pistole, hatte ihm seine Mutter besorgt.

Wie finnische Ermittler laut Londoner "Times" jetzt bekanntgaben, hatten Cossey und Auvinen offenbar regen Mail-Verkehr. Auf dem Computer des Finnen haben Beamte der finnischen Polizei mehrere E-Mails der beiden gefunden. Möglicherweise sollen sie sich über Community-Portale wie MySpace und Facebook kennengelernt haben. So sollen die beiden Mitglieder der Gruppe "R.I.P. eric and dylan (columbine shooters" gewesen sein, welche die Attentäter der Columbine High School verehrt.

Erstaunlich dabei ist, dass diese Verbindungen nicht früher bekannt wurden. Schließlich hätten die jetzt von den finnischen Behörden aufgefundenen E-Mails längst auch von den US-Behörden auf dem Computer von Dillon Cossey gefunden werden können. Darüber, ob der PC des 14-Jährigen überhaupt überprüft wurde, gibt es keine Informationen.

Hätte der Massenmord verhindert werden können?

Dass sich da etwas anbahnte, hätte man auch ahnen können, wenn man frühzeitig einen Blick auf Auvinens Online-Freunde geworfen hätte. So findet sich unter seinen Facebook-Bekanntschaften ein Mitglied namens "Anne Laplantine", dass statt eines Fotos von sich selbst ein Bild von Cho Seung-Hui, dem Amokläufer, der im April an der Virginia Tech University in Blacksburg 32 Menschen ermordete.

Unterm Strich bleibt die Feststellung, dass der Amoklauf von Pekka-Eric Auvinen vielleicht hätte verhindert werden können. Hinweise darauf, dass mit dem jungen Mann etwas nicht stimmte, dass er von Hass zerfressen war, die Amokläufer von Columbine und Blacksburg verehrte, gab es zuhauf. Doch die ergeben eben erst jetzt ein einheitliches Bild.

Terroja Lee Kincaid hat reagiert, wie er es immer tut: mit einem YouTube-Video. Darin erklärt er, dass er sich zwar in seinen Befürchtungen bestätigt sieht, damit aber gar nicht glücklich ist. In dem Video mit dem Titel "Ich wusste, das würde passieren" sagt er: "Ich habe euch gewarnt, dass das passieren würde. Ich habe euch gesagt, dass ihr darauf achten sollt, und ihr habt es nicht getan." Man hätte auf ihn hören sollen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Web
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Fotostrecke
Amokläufer in Finnland: Er hatte 500 Patronen dabei

Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.