Waffen aus dem 3D-Drucker Liebe Leserin, lieber Leser,

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es scheint eine Art Naturgesetz zu sein, dass neue, faszinierende Technik früher oder später von kreativen Menschen pervertiert wird. Ab Mittwoch zum Beispiel wird der Texaner Cody Wilson wieder anfangen, 3D-Druckvorlagen für Schusswaffen im Internet zum Herunterladen anzubieten. Sicher nicht, woran die Erfinder des 3D-Drucks einst dachten, aber in seiner Konsequenz typisch menschlich: Was gedruckt werden kann, wird gedruckt.

2013: Cody Wilson mit der ersten Pistole aus dem 3D-Drucker
AP

2013: Cody Wilson mit der ersten Pistole aus dem 3D-Drucker

Vor fünf Jahren hatte Wilson die erste fast vollständig mit einem 3D-Drucker herstellbare Feuerwaffe aus Plastik der Öffentlichkeit vorgestellt. Er nannte sie "Liberator" ("Befreier") - und stellte die Baupläne dafür ins Internet.

Binnen weniger Tage verzeichnete Wilson mehr als 100.000 Downloads. Dann verbot ihm die US-Regierung die weitere Verbreitung der Dateien. Es folgte ein langer Rechtsstreit, den der Texaner letztlich gewann. Das Justizministerium erlaubt Wilson nun die Veröffentlichung solcher Bauanleitungen ganz offiziell.

Zwar gibt es Versuche, Wilson auf bundesstaatlicher Ebene noch zu stoppen. New Jerseys Generalstaatsanwalt etwa will ihn verklagen, weil sein Vorhaben gegen die Gesetze des Staates verstoße. Wilson aber reagiert mit einer Gegenklage.

Auf Defcad.com will der 30-Jährige eine durchsuchbare Datenbank aufbauen, mit Waffen-Designs zum Nachdrucken aller Art, offen für Einreichungen anderer Nutzer. Waffenkontrollgesetze auszuhebeln, soll nur noch eine Frage der technischen Ausrüstung sein. Die passenden Fräsen zur Herstellung von Waffen aus Aluminium baut und verkauft seine Firma.

Video (2013): Sturmgewehr aus dem 3D-Drucker

YouTube

Mörder-Markt oder zynischer Scherz?

Wem das noch nicht zynisch genug ist: Mit der Software Augur wetten Menschen jetzt darauf, welcher Politiker oder sonstwie Prominente irgendwann mal umgebracht wird. Im Extremfall schaffen sie sogar einen Anreiz für einen Mord.

So wie der 3D-Drucker ist auch Augur an sich eine spannende Erfindung. Es handelt sich um ein Open-Source-Protokoll für Besitzer von Kryptowährungen, um auf der Ethereum-Blockchain dezentrale Prognosemärkte zu erstellen. Vereinfacht ausgedrückt sollen Menschen mit Augur auf beliebige reale Ereignisse wetten können, etwa auf Wahlausgänge, Wetter, Fußballergebnisse, Naturkatastrophen - global, unzensierbar und nicht von Einzelnen manipulierbar.

Die technische Umsetzung ist der wichtigste Unterschied zu bisherigen Prognosemärkten im Internet, sprich: zu klassischen Wettanbietern. Wer mitwettet, kann Geld gewinnen (oder natürlich verlieren) und wer eine Wette startet, bekommt eine Vorhersage für ein Ereignis, basierend auf der "Weisheit der Vielen", die - so weit die Theorie - einzelnen Expertenmeinungen überlegen ist. (Wer darüber erfahren möchte: Hier finden Sie das Whitepaper der Augur-Entwickler und hier eine etwas zugänglichere Erklärung.)

Donald Trump
AFP

Donald Trump

Aber: Was gewettet werden kann, wird gewettet. Seit einigen Tagen existieren Augur-Märkte, in denen auf Terroranschläge mit einer bestimmten Opferzahl gesetzt wird. Oder eben auf das unnatürliche Ableben zum Beispiel von US-Präsident Donald Trump irgendwann im Laufe dieses Jahres.

Vielleicht ist das witzig gemeint, oder ein Ausdruck finsterer Fantasien, wie ein Roman von Chuck Palahniuk ("Fight Club"). Aber die Szene diskutiert darüber: Setzen genug Nutzer darauf, dass jemand nicht ermordet wird, schaffen sie damit eine Art Kopfgeld, heißt es zum Beispiel auf "Coindesk". Ein Killer würde nämlich dagegensetzen und dann profitieren, wenn er sein Opfer tatsächlich umbringt.

Die Unzensierbarkeit des Systems hat zur Folge, dass die einmal geöffneten, makaberen Märkte nur noch unter bestimmten Umständen geschlossen werden können. Damit ist nicht gesagt, dass bald lauter Attentäter die Augur-Software nutzen. Denn vollständig anonym zu bleiben, dürfte für Täter, die ihren Gewinn einstreichen wollen, schwierig sein. Kryptowährungen sind keine magischen Tarnkappen und Strafverfolger haben auf diesem Gebiet viel gelernt. Außerdem macht auch die Aussicht auf Geld glücklicherweise nicht allzu viele Menschen zu Mördern.


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Seltsame Digitalwelt: Frieden in Ruhe

Drei Dinge würde ich jederzeit für den Friedensnobelpreis nominieren, wenn ich könnte: den Flugmodus meines Smartphones, die Abwesenheitsnotiz (jedenfalls meine eigene) sowie Kopfhörer mit Active-Noise-Canceling. Das alles hilft mir, zur Ruhe zu kommen, wenn es um mich herum zu laut ist, sei es in der Stadt oder im Internet.

Aber jetzt im Sommer stößt die Technik an ihre Grenzen: So wunderbar meine lärmkonternden Kopfhörer funktionieren - es wird ziemlich schnell zu warm auf den Ohren. Und nicht nur das: Das per Bluetooth gekoppelte Smartphone heizt beim Musikabspielen früher oder später meine Hosentasche auf. Da hilft nur noch der Verzicht. Ich bin momentan also möglicherweise nicht hundertprozentig entspannt. Falls ich dieses Jahr wieder nicht den Friedensnobelpreis bekomme, lag es daran.


App der Woche: "Animatix"
getestet von Tobias Kirchner

Code Organa

Animatix macht aus den eigenen Fotos animierte Kunstwerke. Selbst ein einfaches Porträtfoto oder Selfie wird mit den Effekten und Filtern der App interessant.

Mehrere verschiedene Stile stehen zur Auswahl. Wer einen passenden gefunden hat, kann zusätzlich eine Animation wählen, die das bearbeitete Foto in Bewegung setzt. Elf unterschiedliche Animationsstile gibt es, per Schieberegler können sie in ihrer Intensität angepasst werden.

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Fremdlink: Drei Tipps aus anderen Medien

  • "My Mother and Her Scammer" (Englisch, zehn Leseminuten)
    Wer fällt auf E-Mails herein, die vor Rechtschreibfehlern strotzen und einen dubiosen Millionengewinn versprechen? Die Mutter von David Owen zum Beispiel. In einem Text im "New Yorker" schreibt er ohne Häme und Überheblichkeit, wie Kriminelle mit solchen Maschen Erfolg haben - und warum es jeden treffen kann.

  • "John Oliver - Facebook" (Video, Englisch, vier Minuten)
    Mit neuen Plakaten und Werbespots möchte Facebook seinen Nutzern derzeit zu verstehen geben, dass es aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat und wieder das sein will, was es in seinen besten Zeiten war. John Oliver hat für seine Show "Last Week Tonight" eine eigene Version des Spots gedreht. Die ist wenig schmeichelhaft, aber unterhaltsam.

  • "How they did it (and will likely try again): GRU hackers vs. US elections" (Englisch, 15 Leseminuten)
    Das "Mueller Indictment" gegen zwölf Russen, denen der US-Sonderermittler den Versuch vorwirft, die US-Wahlen 2016 zu manipulieren, hat im Original 29 Seiten. Sean Gallagher von "Ars Technica" fasst die Anklageschrift mit vielen Ermittlungsdetails zu den Operationen von "Fancy Bear" und Cozy Bear" auf drei Seiten zusammen.

Ich wünsche Ihnen eine friedliche Woche, Ihr

Patrick Beuth

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insgesamt 30 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
πter 30.07.2018
1. Wem es in den Fingern juckt...
Wer ne Waffe aus dem 3D-Drucker abfeuern will, der hängt nicht allzu sehr an seinen Fingern schätze ich :D Nicht geprüft, nicht von Experten entwickelt (der Typ ist Jurist soweit ich weiß) und ohne Munition nutzlos. Vor den Teilen braucht niemand Angst zu haben, wer sowas benutzt, wird ein Fall für den Orthopädie-Techniker, nicht für die KriPo.
Thomas Schnitzer 30.07.2018
2.
Zitat von πterWer ne Waffe aus dem 3D-Drucker abfeuern will, der hängt nicht allzu sehr an seinen Fingern schätze ich :D Nicht geprüft, nicht von Experten entwickelt (der Typ ist Jurist soweit ich weiß) und ohne Munition nutzlos. Vor den Teilen braucht niemand Angst zu haben, wer sowas benutzt, wird ein Fall für den Orthopädie-Techniker, nicht für die KriPo.
Das ist Wunschdenken in jeglicher Hinsicht. Munition ist frei verkäuflich, und sobald die Waffe auch nur einen Schuß abfeuert, kann ein Mensch tot sein. Das Vorgängermodell hat diesen Test bestanden. Gegen dieses Phänomen hilft im Prinzip wie bei Farbkopierern und Geldscheinen nur eine technische Lösung, die den Ausdruck von als waffengeeigneten Formen erkennt und verhindert.
sikasuu 30.07.2018
3. Drei Dinge würde ich jederzeit für den Friedensnobelpreis nominieren,.
Da geh ich mit, Patrik" :-) aber als TIP, es gibt diese Teile mit ANC auch auf In-EAR Basis:-) . Will ja keine Werbung machen aber wenn man mit ner "Strippe" leben kann, mal "Huawei CM-Q3" ins Suchfeld eingeben. Ist brauchbar:-) . Zum Rest: Leider gibt es immer wieder "Idioten", die wunderbare Dinge missbrauchen & pervertieren. Siehe z.B. "das Internet" . Was als wunderbare Kommunikationsmöglichkeit zw vielen begann, die nach selbstbestimmten Regeln miteinander kommunizieren konnten, ist seit dem "Ich bin schon drin!" zu einer Konsum & Lügenmaschine verkommen :-(
Oberleerer 30.07.2018
4.
Zitat von Thomas SchnitzerDas ist Wunschdenken in jeglicher Hinsicht. Munition ist frei verkäuflich, und sobald die Waffe auch nur einen Schuß abfeuert, kann ein Mensch tot sein. Das Vorgängermodell hat diesen Test bestanden. Gegen dieses Phänomen hilft im Prinzip wie bei Farbkopierern und Geldscheinen nur eine technische Lösung, die den Ausdruck von als waffengeeigneten Formen erkennt und verhindert.
Ja, und das wiederum wird aus der Möglichkeit selber zahllose Dinge zu fertigen eine weitere Zensurmaschine machen, wo man nur lizensierte Objekte fertigen kann.
Dark Agenda 30.07.2018
5. Gefährlicher Irrtum
Zitat von πterWer ne Waffe aus dem 3D-Drucker abfeuern will, der hängt nicht allzu sehr an seinen Fingern schätze ich :D Nicht geprüft, nicht von Experten entwickelt (der Typ ist Jurist soweit ich weiß) und ohne Munition nutzlos. Vor den Teilen braucht niemand Angst zu haben, wer sowas benutzt, wird ein Fall für den Orthopädie-Techniker, nicht für die KriPo.
Er mag Jurist sein aber einen Plan wird er lesen können denn Schusswaffen sind kein esoterisches Geheimwissen. Man nimmt einfach mal eine auseinander und misst sie ab oder besorgt sich die Blaupausen. Wird einmal ein fehlerfreies Modell gedruckt ist es in Zukunft überall verfügbar auch wenn es dabei ein zwei Finger kostet. Die Dinger werden getestet und der fertige Plan wird fehlerfrei verbreitet und von Maschinen ausgewertet. Und wie schwer kann es sein? AKs werden bisher in primitiven Bergdörfern nachgebaut in simpelsten Gussformen und sie funktionieren auch. Vielleicht keine deutsche oder schweitzer "Wertarbeit".
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