Schwarzmarkt Simpson-Buch bei eBay

Eigentlich gelten Bücher bei eBay eher als Staubfänger und schwer verkäufliche Ware. Als aber das vom Verlag zurück gezogene Buch von O.J. Simpson kurzzeitig dort auftauchte, hagelte es Gebote - und am Ende wieder ein Verbot.

Von


Bücher gehören bei ebay im Gegensatz zu Swimmingpool-Pumpen, PS2-Spielen, frisch vom Laster gefallenen ISDN-Telefonen und Restpaletten Haftputz nicht zu den wirklich begehrten Gütern. Verkaufen lässt sich dort bekanntlich so gut wie alles, nur eben Gedrucktes nicht (außer, es hat Bilder): Wer blind in die Verkaufskategorie Bücher klickt, ohne etwas Bestimmtes zu suchen, sieht sich mit einer Art Top 500 des gedruckten Trashes konfrontiert. Literatur aber wird bei ebay gern im Karton zu 50 Bücher vertickt - aktuell beispielsweise für 4,99 Euro (Festpreis). Profit macht der Anbieter da höchstens noch mit einem überhöhten Portoanteil.

Oder mit einem Exemplar von "If I did it", ("Wenn ich es getan hätte"), dem zumindest im Namen von O.J. Simpson verfassten, kunstvollen Gewaltritt durch die Niederungen des Konjunktivs: Das Machwerk, in dem der ehemalige Football-Star und Aushilfsschauspieler in der Möglichkeitsform schildert, wie er es angestellt hätte, wenn er seine Ex-Frau Nicole Brown Simpson und deren Freund Ronald Goldman hätte umbringen wollen, hatte der Verlag kurz vor Verkaufsbeginn aus dem Verkehr gezogen.

Zumindest ein Exemplar kam dann wohl doch in Umlauf und tauchte - natürlich - bei ebay auf. Umgehend stürzten sich die dortigen Literatur-Spekulanten auf die Preziose und jagten die Gebote binnen drei Stunden auf bis zu 1600 Dollar hinauf. Dann betätigte sich der Verlag Harper Collins, der vor einigen Tagen angesichts massiver öffentlicher Entrüstung seine moralische Verantwortung entdeckt hatte, einmal mehr als Spielverderber: "Wir haben ebay gebeten, das Buch aus der Auktion zu nehmen", sagte eine Sprecherin des US-Verlags. "Wir tun alles, was wir können, damit alle Exemplare vernichtet werden." Gegen den Anbieter des Buches bei ebay hat der Verlag Anzeige erstattet. Die Auktionsplattform verbot die Fortführung der Versteigerung.

"If I did it" war bereits nur durch Vorbestellungen in die Top 20 der Amazon-Verkaufscharts aufgestiegen. Unbeschadet seines seltsamen Inhaltes gab es also augenscheinlich eine Nachfrage nach der möglicherweise nicht unbedingt völlig fiktiven Simpson-Mordphantasie. Nicht beim Anbieter des Buches allerdings: Der hatte in der Waren-Beschreibung zur Auktion angegeben, das Buch nicht gelesen zu haben und auch nicht lesen zu wollen - sondern "nur verkaufen".

Mutmaßliche Quellen für das bei ebay angebotene Buch gibt es eine Menge: Teile der Auflage waren bereits an den Buchhandel ausgeliefert worden.

Hinter Drucklegung wie Bücherverbrennung steht Rupert Murdochs Medienkonzern News Corp, der sich bereits darauf vorbereitet hatte, den Verkaufsbeginn des Skandal-Schmökers über die eigenen Fernsehsender werbewirksam zu flankieren. Zwei exklusive, weitgehend im Konjunktiv geführte Interviews hatte Fox auf dem Programmplan, setzte diese allerdings ebenfalls ab. Es wäre eine Überraschung, wenn die nicht früher oder später im Web auftauchten. News Corp soll insgesamt 3,5 Millionen Dollar Honorar an O.J. Simpson gezahlt haben.

Dieser stand 1995 vor Gericht, weil er im Jahr zuvor seine Ex-Frau und deren Freund umgebracht haben soll. Seine spektakuläre Flucht, mit der er sich einer Verhaftung zu entziehen suchte, wurde im US-Fernsehen live übertragen - von einem Hubschrauber aus gefilmt. Der Strafprozess gegen Simpson endete mit einem heftig umstrittenen Freispruch, während er in einem Zivilprozess im Jahr darauf zur Zahlung von über 33 Millionen Dollar verurteilt wurde. Gezahlt hat er bisher nicht.

P.S.: Gar nicht traurig ist angeblich O.J. Simpson über den Rückzieher des Verlages. Der habe ihm einen "angemessenen Vorschuss" gezahlt, aber nicht 3,5 Millionen Dollar. Überhaupt habe er, Simpson, das Buch nur aus finanziellen Gründen geschrieben, um seine Rechnungen bezahlen und seine Kinder unterstützen zu können. Und das, obwohl natürlich alles völlig hypothetisch sei, da er bekanntlich mit den Morden nichts zu tun gehabt habe. Trotzdem habe er alle Einnahmen in Zusammenhang mit dem Buch als "Blutgeld" empfunden. Es wäre gut möglich, dass er das behalten darf.

mit AP/rts



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.