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Schwedischer Blogger: "Man kann den Blutdurst spüren"

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Er war provokativ bis zur Beleidigung, lästerte über eigene Kollegen und Prominente: Nach einem Jahr gibt Schwedens populärster Blogger kleinlaut auf. Wegen seines gehässigen Blogs hasse er sich selbst - ein Lehrstück über Geschmacksgrenzen, Reue, Selbstmitleid und Mobbing im Netz.

Berlin - Die Zigarette lässig im Mund, der Blick ironisch: So posiert Alex Schulman auf dem Foto zu seinem Internettagebuch. Was der bekannteste Blogger Schwedens und Kolumnist bei der schwedischen Tageszeitung "Aftonbladet" vor vier Tagen aber schreibt, hat nicht mehr viel mit Überheblichkeit zu tun.

Blog von Alex Schulman: "Das Blog ist zu einem Monster geworden"

Blog von Alex Schulman: "Das Blog ist zu einem Monster geworden"

Der Mann, der zuletzt eine Viertelmillion Besucher wöchentlich auf seiner Seite hatte, gibt am ersten Oktober bekannt, dass er nicht mehr weiter bloggen wird. "Att vara Alex Schulman" - "Alex Schulman sein" - so heißt sein Weblog, das er selbst als "Tagebuch" bezeichnet - wird es nicht mehr geben.

Sein Blog sollte ein Experiment sein. "Ich wollte herausfinden, wie gemein man sein darf, wie weit man die Grenzen im Internet dehnen kann", so Schulman. Aber am Ende sei das Ganze "zu einem Monster" geworden, das er nicht mehr in der Hand gehabt habe. Zum Schluss sei es kein Blog mehr gewesen, sondern "ein Phänomen", schreibt Schulman. Immerhin: Das hätten nicht alle im Leben geschafft.

Schulmans Erklärung, die dann folgt, ist ein Pamphlet an Reue - und Selbstmitleid.

Vor einem Jahr hatte Alex Schulman sein Blog gestartet - zunächst auf einer kleinen Webseite, schließlich auf der Homepage der schwedischen Zeitung "Aftonbladet", für die der 31-Jährige auch als Autor arbeitet. Schnell sprach sich herum, dass Schulmans Einträge besonders boshaft sind - und deshalb für viele wohl besonders reizvoll. Am Ende klickten wöchentlich mehr als 250.000 Besucher auf "Att vara Alex Schulman" - in einem Land mit gut neun Millionen Einwohnern. Schulman bloggte oft mehrmals pro Tag und wurde - glaubt man seinen Schilderungen - schließlich zum Getriebenen seiner eigenen Leser.

Im Netz gebe es, so schreibt Schulman in seinem Abschiedsbeitrag, einen großen "Durst nach Boshaftem". Jedes Mal wenn er etwas Gemeines über jemanden geschrieben hätte, habe er regelrecht den "Blutdurst" derer, die seine Einträge kommentieren gespürt. "Immer mehr" hätten sie gewollt, immer neue Personen vorgeschlagen, über die er Gemeinheiten verbreiten sollte. "Sie wollten den Hass, sie wollten die Aggression", sagt Schulman zu SPIEGEL ONLINE. "Ich hatte nicht die Möglichkeit plötzlich netter zu schreiben."

"War das wirklich ich?"

Kurz gesagt: Seine Leser hätten Ekelhaftes und Herzloses gewollt - und er selbst habe es erfüllt. "Je härter, je gemeiner die Lästereien über eine öffentliche Person, desto verzückter war das Publikum". Seine Missachtung gegenüber seinen Lesern sei immer größer geworden, und auch er selbst habe sich immer mehr verabscheut, weil er es seinen Lesern recht machte. "Ich hasse alle Hasser da draußen, aber am meisten hasse ich mich selbst", schreibt Alex Schulman. Wie ein sentimentaler Onkel lese er nun seine alten Blogbeiträge und sei erschrocken über sich selbst: "War das wirklich ich, der das geschrieben hat?" Der "Blogcharakter" Alex Schulman habe sich Lästereien schuldig gemacht, die der echte Schulman abstoßend finde, konstatiert der Journalist.

Und weiter: Er könne es nicht akzeptieren, genau der "Mobber" geworden zu sein, den er vor einem Jahr noch gehasst habe. Das Blog sei zu einem Spiegel geworden - und wenn er sich selbst darin ansieht, müsse er sich sagen: "Fahr zur Hölle, Alex Schulman!" Er sei narzisstisch geworden, wie eine "Primadonna".

Sich vollkommen zurückziehen will Schulman dennoch nicht: Er werde jetzt in Absprache mit dem Online-Chef von "Aftonbladet" auf eine andere Art und Weise mit den Lesern kommunzieren. "Ich kann nur soviel sagen: Ihr werdet es mögen", kündigt Schulman an. Er selbst würde es begrüßen, wenn es im Netz nun eine Debatte um "Netzmobbing" gebe.

Sein Blog als Experiment, um auszutesten, wo die Grenzen im Netz verlaufen? Auf der Suche nach Moral und Ethik? Als Entlarvung gar des Sittenverfalls? Alex Schulmans Anfall von Reue kommt zumindest überraschend - auch wenn er sagt, sich schon seit Monaten mit der Entscheidung den Blog aufzugeben, herumgeschlagen habe.

"Angst, was mit den Lesern passieren kann"

Schulman selbst und "Aftonbladet" beteuern zwar, die Entscheidung das Blog zu schließen sei allein die des Bloggers gewesen. Es gibt aber Gerüchte, wonach der 31-jährige Schreiber dazu gedrängt worden ist, sein Blog zu schließen, nachdem er vor zwei Wochen über einen Kollegen aus der eigenen Redaktion gelästert hatte. Jan Olov Andersson, TV-Rezensent vom "Aftonbladet", sei "provozierend schlecht", hatte Schulman geätzt. Er könne nicht verstehen, wie "Aftonbladet" so einen schlechten Schreiber beschäftigen könne. "Klar, ich wusste, dass das was ich über Andersson schrieb heftige Diskussionen geben würde, aber das ist nicht der Grund für meinen Entschluss", so Schulman zu SPIEGEL ONLINE.

Noch drei Tage vor dem Ende des Blogs, am 28. September, war er zu Hochformen aufgelaufen: Über Daniel Breitholtz, Manager bei Sony Music und in der Jury einer schwedischen Castingshow, schrieb er: "Sein Mund fasziniert mich." Weil Breitholtz keine richtige Kontrolle über ihn zu haben scheine, er hänge mitten im Gesicht herum. "Er redet und redet, aber sein Mund redet nicht mit". Als ob er eine halbe Sekunde zu spät reagiere.

Gehässig, beleidigend, großspurig oder ironisch - Schulman ließ nichts aus: Im Juli berichtete er über einen Intelligenztest, den er gemacht hatte - heraus sei gekommen, dass er schlauer als 95 Prozent aller Menschen sei. "Ich bin Elite", posaunte er heraus.

Der Chefredakteur der Online-Ausgabe des "Aftonbladet", Kalle Jungkvist, erklärte nach dem Aus des Blogs: Der Kern dieses provozierenden Blogs - nämlich frei und unzensiert und ständig Neues zu schreiben - sei schwer zu verbinden gewesen mit einem verantwortungsbewusstem Journalismus der herkömmlichen Art. Alex Schulman habe Angst davor gehabt, was das Blog auf Dauer aus ihm und seinen Bewunderern mache. Er selbst, so Jungkvist, hatte Angst davor, was mit "Aftonbladet" und den Lesern hätte passieren können.

"Ich bin stolz darauf, dass Aftonbladet während der ganzen Zeit zu mir gestanden hat - das war sicher nicht leicht", sagt Schulman. Stolz sei er auch auf sich selbst, weil er innerhalb von einem Jahr den erfolgreichsten Blog Schwedens geschaffen habe.

An den ersten Platz der Liste der meist besuchten Blogs rückt nun der seiner Ehefrau Katrin nach. "Sie schreibt auch sehr gemein, aber sie ist eine starke Frau", so Schulman.

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