S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Gefährliche Verkürzung

Will die CDU, dass alle Schwein essen? Die Aufregung über die angebliche Schweinefleischpflicht zeigt, dass nicht nur Rechtspopulisten für eine bestimmte Form von Debattenverkürzung anfällig sind.

Eine Kolumne von


Am ersten März 2016 hieß das meistverbreitete deutschsprachige Wort auf Twitter "Schweinefleischpflicht". Grund dafür war ein schweinefleischorientierter Antrag der schleswig-holsteinischen CDU im Landesparlament, nachdem offenbar eine Reihe öffentlicher Einrichtungen Schweinefleisch von der Speisekarte gestrichen hatte.

Viele tausend Tweets, die meisten empört, nahmen den Begriff "Schweinefleischpflicht" auf. Redaktionelle Medien brachten Überschriften wie:

Politiker aus Nichtunionsparteien spotteten: SPD, Grüne, Linke, FDP. SPD-Vize Ralf Stegner (SPD) verbreitete ein Bild des Radiosenders HR-Info, auf dem "Kieler Pausenbrot" zu lesen und ein gegrillter Schweinekopf zu sehen war. Immer unter dem Hashtag, also dem Stichwort #Schweinefleischpflicht, auf Twitter, auf Facebook, in redaktionellen Medien.

Der grüne Landwirtschaftsminister Robert Habeck sah sich genötigt, für die Landesregierung in Schleswig-Holstein zu reagieren und nahm mit dem Grundgesetz das größtmögliche Schrotkaliber zur Hand: "Und schon gar nicht teile ich die Verkürzung unserer grundgesetzlichen Werte auf die Pflicht, Kotelett oder Hack zu essen."

Nur Obamas Kommentar fehlt noch

Haha, Verkürzung. Ja. Es hatte nämlich niemand eine Schweinefleisch-Esspflicht gefordert. Sie war durch Verkürzung, Verdichtung, Sinnentstellung in einer Art Provo-Ping-Pong zwischen redaktionellen und sozialen Medien entstanden und dadurch zur politischen Realität geworden, auf die schließlich sogar der Vizekanzler reagierte. Seltsam, dass Obama noch nichts gesagt hat.

Ursprung war der sehr kurze CDU-Antrag 18/3947, in dem zu lesen ist: "Die Landesregierung wird aufgefordert, sich dafür einzusetzen, dass Schweinefleisch auch weiterhin im Nahrungsmittelangebot sowohl öffentlicher Kantinen als auch in Kitas und Schulen erhalten bleibt."

Das war die Substanz, begleitet von Äußerungen der CDU-Fraktion wie "Kein Moslem solle gezwungen werden, Schwein zu essen" oder, man wolle "keineswegs einen verpflichtenden Pork-Day" einführen, es schwebe eher eine Empfehlung des Bildungsministeriums vor, Schweinefleisch auf dem Speiseplan zu belassen. Denn Toleranz bedeute "in einer pluralistischen Gesellschaft auch die Anerkennung und Duldung anderer Esskulturen und Lebensweisen". Aber alles egal, quer durch die digitale Öffentlichkeit war man überzeugt, dass die CDU eine Schweinefleischpflicht gefordert hatte.

Begonnen hatte die Eskalation wahrscheinlich mit einer Überschrift der "Lübecker Nachrichten". Einem eher differenzierenden Artikel hatte jemand online die Überschrift "Schweinefleisch-Pflicht in öffentlichen Kantinen?" gegeben, gefolgt von der Unterzeile "Die Nord-CDU fordert eine Schweinefleisch-Pflicht für alle öffentlichen Kantinen im Land, vor allem für Kitas und Schulen."

Schon die Überschrift mit Fragezeichen war eine suggestive Unterstellung, die im Artikeltext explizit ausgeschlossen wurde. Die Unterzeile schließlich war falsch. Schlicht falsch. Wenn die Person, die sie schrieb, den Artikel gelesen haben sollte, könnte man auch sagen: eine Lüge. In der Presse.

Doppelte Entgleisung durch zwei Uminterpretationen

Nun sind auf Facebook und auf Twitter geteilte Artikel meist mit einem Bild zu sehen, der Überschrift und der Unterzeile (auch Teaser oder Anreißer genannt). Nutzer von sozialen Medien neigen dazu, nur Überschrift und Teaser zu lesen und sich allein daraus ihre nachrichtliche Faktenwelt zu zimmern. Das mag man als traurig, dämlich, schlimm empfinden - es ist inzwischen aber auch den Redaktionen bekannt.

Eine Reihe von Medien nutzt das aus, um etwa zum hochemotionalen Thema Flüchtlinge Aufmerksamkeit zu generieren. Durch absurd angespitzte, irreführend verkürzte und absichtlich falsche Überschriften. Die Genese der #Schweinefleischpflicht ist ein Musterbeispiel für die Fehlfunktionen der digitalen Öffentlichkeit zwischen redaktionellen und sozialen Medien, die inzwischen auch deutliche Auswirkungen auf die Politik haben. Und sei es nur über das Setzen von Themen, zu denen man sich als Politiker äußern möchte oder muss.

Hier ist eine doppelte Entgleisung durch zwei aufeinanderfolgende Uminterpretation geschehen, die viel über das Zusammenspiel von redaktionellen und sozialen Medien verrät. Redaktionelle Medien erfanden den unzulässig zugespitzten Begriff "Schweinefleisch-Pflicht", der zwar sachlich kaum begründbar, aber zunächst noch auf die Kantinen bezogen war.

Zwei Sekunden Nachdenken helfen

Die "Lübecker Nachrichten" verwendeten das Wort, um eine angebliche Pflicht der Kantinen zu illustrieren, Schweinefleisch anzubieten. In den sozialen Medien gerann das bereits falsche Wort noch weiter. Aus einer Verpflichtung der Kantinen entwickelte es sich zu einer vollends hyperfalschen Verpflichtung für Kantinenbesucher, Schweinefleisch zu essen. Was in keiner Dimension der Realität oder der Umsetzbarkeit Sinn ergibt, wenn man nur zwei Sekunden darüber nachdenkt.

Die weitere Eskalation fand statt, als die multifalsche Wortschöpfung, ohnehin schon ohne Bezug zum Ausgangspapier der CDU-Fraktion, in die redaktionellen Medien zurückwirkte, über Satiren, Zitate, Reaktionen einzelner Politiker, die wiederum in den Medien gespiegelt wurden. Über allem lag - insbesondere bei manchen Journalisten und einigen bekannten Politikern - ein Schleier des fahrlässigen bis absichtlichen Missverstehens.

In meinem Social-Media-Umfeld fanden sich viele, die sich oft über die falschen Gerüchte mokiert hatten, die über Flüchtlinge verbreitet wurden. Jetzt, da die vermeintliche Botschaft - CDU will Schweinefleischpflicht, um Moslems zu beleidigen - in ihre Weltsicht passte, verbreiteten eben diese aufgeklärten, gebildeten, mediengewandten Personen Falschmeldungen, nicht einmal durch einen Klick selbst überprüft wurden.

Wie sollten Leute, die weniger medienkundig und weniger gebildet sind, diese Mechanismen durchbrechen? Ich halte diese vermeintlich harmlose, bekloppt-unterhaltsame Episode für das Anzeichen eines sehr viel größeren Problems. Natürlich ist der Antrag der CDU plump, er spielt mit Verdrängungsängsten des eigenen Lebensstils, bei Rechtspopulisten eine tragende Säule der Weltsicht. Das kann und sollte man kritisieren - aber der CDU-Antrag ist selbst beim schlechtesten Willen keine Schweinefleischpflicht.

Zuspitzungen, Vereinfachungen und sogar Falschdarstellungen

Das Problem ist, dass die radikale Verkürzung von Debatten auf einzelne Schlagworte zugleich ein Erfolgsrezept der Aufmerksamkeitsökonomie ist - aber die Gefahr der Schwarz-Weiß-Malerei bis zur platten Falschbehauptung automatisch mittransportiert. Es gibt eine netzsoziale Schönheit des Hashtags, die spontan Interessengruppen verbindet und Themen bündelt, #jan25, #aufschrei, #jesuischarlie. Sie hat einen bösen Zwilling, bei der sich die Schlagzeilenzuspitzung der redaktionellen Medien mit der empörungsbasierten Oberflächlichkeit der sozialen Medien aufs Ungünstigste paart und so in die Politik einsickert.

An der #Schweinefleischpflicht konnte man erkennen, dass nicht nur die rechtspopulistischen Horden anfällig sind für diese Art von Verkürzung, sondern auch diejenigen, die sich ihnen entgegenstellen. Dass die einen von Hass getrieben sind und die anderen vom Wunsch, den Hass aufzuhalten, lässt Letztere aus edleren Motiven handeln, aber ändert nichts an der Falschheit der verbreiteten Information. Und nichts an der häufig fatalen Wirkung des immer machtvolleren Instruments der Debattenverkürzung auf einzelne Stichworte.

Lügenpresse ist ein bitteres Schimpfwort, ich halte es für substanziell falsch - aber wer Anzeichen dafür sucht, dass Medien mit Zuspitzungen, Vereinfachungen und sogar Falschdarstellungen arbeiten, der wird verstörend schnell fündig. Und zwar genau dort, wo sich redaktionelle und soziale Medien überschneiden und zu allem Überfluss auf die Politik wirken.

tl;dr

Die CDU will, dass alle Schweinefleisch essen müssen!!!

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 102 Beiträge
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Seite 1
kalim.karemi 02.03.2016
1. ich mach ein Kreuz im Kalender
ein Lobo Artikel dem ich zustimme. Niemand hat die Pflicht zum Schweinefleischkonsum verlangt. Angesprochen wurde, zu verhindern, dass Schweinefleisch als Akt der political correctness oder vorauseilendem Gehorsams, aus öffentlichen Küchen und Kantinen verschwindet. Was die Berichterstattung darüber aussagt, gibt ein hervorragendes Bild der Deutschen Presse- und Politkultur ab, allen voran SPON und Hr. Stegner.
Lesenkönner 02.03.2016
2. Tja,
als ich den Artikel gestern in SPON las, wunderte ich mich sowohl über die Kommentare der User als auch der Politiker. Insbesondere die im Landtag von SH vertretenen Politiker hätten es besser wissen müssen...aber von Stegner erwarte ich ni hts anderes. Er wird sich aber wieder toll gefühlt haben...
postit2012 02.03.2016
3. Danke
für die Klarstellung ;-) Schade, dass sich manche Presseerzeugnisse mit den Schlagzeilen weniger Mühe geben als ein drittklassiges Gasthaus mit der Speisekarte...
licorne 02.03.2016
4. So ist es
Politiker, die twittern, sind mir zuwider. Sie ballern in Kurzform Kommentare zu Themen raus, die die Weltpolitik, Moral und Gesellschaft betreffen. Sie versuchen mit Schlagwörtern prägnant oder geistreich schnell auf Vorkommnisse zu reagieren, und das geht oft genug daneben. Haltet Eure Pfoten im Zaum und prüft und überlegt, bevor Ihr Euch öffentlich äußert.
xlabuda 02.03.2016
5. schicken Sie ihr Kind in eine Kita
und bestellen Schweineschnitzelchen zu Mittag. Ich versuche das jetzt seit 6 Jahren mit 3 Kindern - in KITA, Gundschule und Gymnasium. Vielleicht gibts kein Verbot, aber es gibt trotzdem KEIN Schweinefleisch
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