Schweizer Zeitung "Tageswoche" Netz-Rebellen gegen Rechtspopulisten

Weltweit sinken Zeitungsauflagen, in Basel gewinnt dagegen die neue "Tageswoche" Tausende Abonnenten. Bei dem Hybridmedium sind Papier und Netz gleich wichtig, finanziert wird das Experiment von einer Mäzenin, die so den Kampf gegen eine rechtspopulistische Medienmacht unterstützt.

Aus Basel berichtet Jens Poggenpohl


Ungefähr so wie das "Unternehmen Mitte" in Basels Altstadt müssen sich die Propheten der Kreativwirtschaft das gedacht haben: ein Kaffeehaus ohne Konsumzwang, mit freiem W-Lan-Zugang, bevölkert von jungen Menschen mit Laptops, einigen Lesern, die in Zeitungen blättern, und vielen Kindern.

Hier, im ehemaligen Hauptsitz der Schweizerischen Volksbank, tummelt sich Basels digitale Bohème, in den oberen Etagen residieren unter anderem ein "Büro für Toleranzkultur" und die "Initiative für bedingungsloses Grundeinkommen". Doch das ist nicht alles. Während die mit gusseisernen Stäben verriegelte Tür vorne links mit der Aufschrift "Safes" an die Geschichte des Hauses erinnert, hat hinter der unverschlossenen Glastür hinten rechts vor zwei Monaten die Zukunft der Zeitung begonnen: die der "Tageswoche".

Die soll ein echtes Hybridmedium sein. Keine Tageszeitung mit angehängtem Magazin, kein Wochenblatt mit angehängtem Portal, sondern beides: eine Website, die permanent aktuell berichtet, und eine Wochenzeitung, die jeden Freitag auf 64 Seiten Hintergründe beleuchtet, Themen setzt, Debatten lanciert. Gleichberechtigt und verknüpft sollen die Kanäle arbeiten, was sich allein schon daran zeigt, dass jeder der 17 Redakteure auf Papier und online publiziert. In der gedruckten "Tageswoche" und auf der Website finden Leser ein grünes Dreieck, das signalisiert: Hier findet die Community statt - sei es durch abgedruckte Leserkommentare oder die Aufforderung, sich bei Debatten online einzumischen.

Knapp 3700 registrierte Online-User, etwa 9000 Abonnenten

Zugegeben, das ist noch keine Revolution, und Co-Chefredakteur Remo Leupin begründet das Modell denn auch mit einem nüchternen Blick auf den Medienwandel. "Schön gemachte Wochenblätter haben Zukunft, aber News auf Papier sind ein Auslaufmodell", sagt der 47-Jährige, der zuvor beim "Beobachter", ein Naturmagazin - eine Schweizer Institution - verantwortete und sich selbst "ein Kind der Gutenberg-Welt" nennt. Kollege Urs Buess, 58, war lange Zeit Vizechefredakteur der "Basler Zeitung". Die beiden sind erfahrene Blattmacher, renommierte Journalisten - aber sicher keine Web-Pioniere.

Tatsächlich kann man sich die "Tageswoche", zumindest was die Printausgabe angeht, als eine regionale Variante des deutschen Wochenblatts "Freitag" vorstellen, mit dem man auch Artikel tauscht. In der "Tageswoche" symbolisieren das grüne Dreieck, der Redaktionssitz und die offene Glastür vor allem eine Haltung: Die Redaktion nimmt ihre Leser ernst - und die Leser sollen mitwirken.

Moderierte Online-Debatten mit Abstimmung

Manche der Ideen dazu funktionieren schon recht gut: die Wochendebatte zum Beispiel, ein Pro und Contra, das in der Printausgabe beginnt und online fortgesetzt wird. Die User kommentieren, die Diskutanten gehen darauf ein, schärfen ihre Argumente, es wird wieder kommentiert und schließlich abgestimmt. Anderes ist noch mehr Wunsch als Wirklichkeit: Wer den fünfstelligen Webcode aus der Printausgabe eintippt oder bei den frei zugänglichen Online-Artikeln auf den Button "Rückseite" klickt, findet bislang selten den versprochenen Mehrwert in Form von Hintergründen und externen Links. Und das "Storyboard", ein digitales schwarzes Brett, auf dem die Redakteure um Unterstützung bei Recherchen bitten sollen, ist zumeist leer.

Dennoch: Das Konzept kommt an. Am 28. Oktober erschien die Erstausgabe der "Tageswoche". Inzwischen haben sich gut 3700 User online registriert, knapp 9000 Abonnenten beziehen die Printausgabe, laut Verlag verkauft die "Tageswoche" am Kiosk zusätzlich etwa 5000 Exemplare. Das sind beachtliche Zahlen in einer Stadt wie Basel, mit gerade einmal 190.000 Einwohnern. "Das verkauft sich", versichert auch die Kioskfrau am Bahnhof, auf die "Tageswoche" angesprochen.

Aber warum ausgerechnet hier und wieso jetzt?

Rechtspopulist Blocher fördert ungewollt die Alternativ-Zeitung

Erklären lässt sich das Phänomen nur vor dem Hintergrund der ganz besonderen Basler Verhältnisse. Einerseits ist die Stadt traditionell Heimat von Banken und Pharma-Konzernen, andererseits war Basel immer schon grün, nicht nur der Farbe der Trambahnen wegen. Altes Geld und ein linksliberaler Geist vertrugen sich in dieser kleinen Welt am Rhein. Die Spezies des Wutbürgers war hier unbekannt, bis im Februar 2010 der Finanzier Tito Tettamanti die "Basler Zeitung" ("BaZ") übernahm und Gerüchte kursierten, der wahre Strippenzieher des undurchsichtigen Deals sei jemand anderer: der Rechtspopulist Christoph Blocher, Nationalrat und Vizepräsident der Schweizerischen Volkspartei (SVP).

Die Gerüchte verdichteten sich, als im August Markus Somm zum neuen "BaZ"-Chefredakteur ernannt wurde. Somm gilt als Gefolgsmann des stramm konservativen Roger Köppel, Chefredakteur der "Weltwoche". Am Tag, nachdem die "NZZ" enthüllt hatte, dass Blocher und seine Tochter ein umfassendes Beratungsmandat für die "BaZ" erhalten hatten, brach Unmut aus. Eine Bürgerinitiative mit dem an Dramatik kaum zu überbietenden Motto "Rettet Basel!" sammelte mehr als 16.000 Unterschriften gegen die neuen Eigentümer, und mehr als 9000 Bürger erklärten, sie würden eine Alternative zur "BaZ" kaufen.

Stiftung für Medienvielfalt stützt die "Tageswoche"

Dies rief Beatrice Oeri auf den Plan, eine milliardenschwere Erbin des Roche-Konzerns. Die von ihr gegründete Stiftung für Medienvielfalt sichert das Überleben der "Tageswoche" für die kommenden vier Jahre - eine ungewöhnlich langfristige Perspektive, vor allem aber ein Fall von echtem Mäzenatentum, wie die Chefredakteure beteuern. "Frau Oeri redet uns gar nicht rein", beteuert Urs Buess, und den Businessplan habe er "zuletzt im Frühjahr angeschaut". Verraten will man nur so viel: 15.000 bis 20.000 Abonnenten seien nötig, um eine schwarze Null zu erreichen, je nachdem wie sich die Werbeeinnahmen und die Erlöse für die bis Mitte 2012 geplante Tablet-Version entwickeln.

Doch eigentlich will man sich ungern an Zahlen messen lassen. "Wir wollen guten, kritischen Journalismus machen", sagt Remo Leupin. Und dazu gehört mehr als die Redaktion. Dani Winter jedenfalls, "der frechste Blogger Basels" (so urteilt die "NZZ"), der das Online-Konzept der "Tageswoche" mitentwickelt hat und als eine Art Animateur für den Austausch mit der Leserschaft fungiert, hat ein eigenes Kriterium des Erfolgs: "Die Qualität der Kommentare stimmt."

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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
ridgleylisp 27.12.2011
1. Infantiler Marxismus
"Initiative für bedingungsloses Grundeinkommen". _________________________________________________ Hm. Das hört sich doch sehr nach infantilem Marxismus an. Was wird da aus dem schweizerischen Leistungsmodell? Obwohl es ja für bestimmte arbeitsfähige Bevölkerungsgruppen schon praktiziert wird.
schnitti23 27.12.2011
2. Ich muß immer lachen
wenn von Rechtspopulisten die Rede ist. Man tut einfach so, als ob Populismus allein auf der rechten Seite des politischen Spektrums zu finden wäre. Dabei weiß doch jeder, daß es ebenso Linkspopulismus gibt. Dies wird von den linken Medien aber nie erörtert, für sie gibts nur Rechtspopulismus. Und diese Blindheit auf dem linken Auge führt automatisch zur Stärkung der rechten Seite, was auch niemand wünschen kann. Der Bürger fühlt diese einseitige Sichtweise und denkt sich seinen Teil.
mitbestimmender wähler 27.12.2011
3. Ohne Blatt hat der "Leser" trotzdem seine Meinung
Zitat von sysopWeltweit sinken Zeitungsauflagen, in*Basel*gewinnt dagegen die neue "TagesWoche" Tausende Abonnenten.*Bei dem Hybridmedium sind Papier und Netz gleich wichtig,*finanziert wird das Experiment von einer Mäzenin, die so den Kampf gegen*eine rechtspopulistische Medienmacht unterstützt. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,805051,00.html
Die Medienmacht ist immer noch zu einseitig Judas geprägt. Man möchte einfach kleine Konkurrenten bekämpfen, ihm keine Chance lassen. Ein Blatt Anderer Richtung bringt nur mit Lesern die die Meinung teilen was, liebe Frau.
freakwater 27.12.2011
4.
Zitat von ridgleylisp"Initiative für bedingungsloses Grundeinkommen". _________________________________________________ Hm. Das hört sich doch sehr nach infantilem Marxismus an. Was wird da aus dem schweizerischen Leistungsmodell? Obwohl es ja für bestimmte arbeitsfähige Bevölkerungsgruppen schon praktiziert wird.
"Infantiler Marxismus?" - Denken Sie mal darüber nach wie es sich auswirkt wenn ein Milliardär Zeitungen kauft und Chefredakteure nach eigenem Gutdünken einsetzt (BAZ) - Wir wollen in der Schweiz keine Berlusconisierung.
cato. 27.12.2011
5. ...
Zitat von sysopWeltweit sinken Zeitungsauflagen, in*Basel*gewinnt dagegen die neue "TagesWoche" Tausende Abonnenten.*Bei dem Hybridmedium sind Papier und Netz gleich wichtig,*finanziert wird das Experiment von einer Mäzenin, die so den Kampf gegen*eine rechtspopulistische Medienmacht unterstützt. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,805051,00.html
Das ist ja mega jung, dynamisch, rebellisch und hip ... eine Zeitung die für das gute kämpft ... grün und alternativ gegen das böse rechte Meinungskartell, dass Europa in seinen Klauen hat und das ganze selbstlos finanziert vom Großkapital ... Die Souveränität und Objektivität der Presse ist hier sicherlich ganz anders als bei Berlusconis Fernsehsendern, der von der SPD kontrollierten Zeitungen, dem Murdoch Imperium, dem CNN und Fox Network sicher gestellt ...
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