Protest gegen EU-Video Wissenschaft mit zu viel Lippenstift

Mit einem allzu poppig-pinken Video hat die EU versucht, junge Mädchen für die Wissenschaft zu begeistern. Nach erbosten Netz-Protesten wurde das Video zurückgezogen. Jetzt antwortet der Schwarm: mit Ingenieurinnen im Cheerleader-Kostüm und singenden Meeresbiologinnen.

EU-Kommission

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Der Mann am Mikroskop muss erst mal seine Brille aufsetzen, um zu würdigen, was da auf ihn zukommt. Drei überdurchschnittlich schöne junge Frauen, in kurzen Röcken und High Heels. Es soll wohl eine neue Generation der Naturwissenschaftlerinnen sein, die da angestöckelt kommt - und sobald sie ihre Sonnenbrillen abgelegt haben, geht es rund: Zwischen den Glaskolben schmiert der Lippenstift, spritzt der Nagellack, stauben Puder und Rouge. Dazu posieren die drei Damen und tauschen schließlich die Sonnenbrillen gegen Schutzbrillen fürs Labor.

Mit diesem Spot will die EU-Kommission junge Mädchen und Frauen für wissenschaftliche Berufe begeistern. 45 Sekunden in Pink. Zum Schluss erscheint unter Zuhilfenahme eines Lippenstifts als "i" der Schriftzug "Science: It's a girl thing!": Wissenschaft ist Mädchensache. Es ist der Slogan der Kampagne, zu der das Video gehört - oder vielmehr gehörte.

Peinlich, lächerlich und missraten sei das Video, heißt es in Blogs und auf Twitter, wo das Video unter dem Hashtag #sciencegirlthing diskutiert wird. Es erinnere eher an eine Make-up-Werbung, beschweren sich die Twitterer, mit wissenschaftlichem Arbeiten jedenfalls habe es nichts zu tun.

Auf die heftige Kritik reagierte die EU-Kommission prompt: Schon kurz nach seinem Erscheinen ist das Video auf der Kampagnen-Seite nicht mehr zu sehen. Stattdessen finden Besucher dort Antworten auf häufige Fragen: 102.000 Euro habe der Film gekostet, man habe niemanden angreifen wollen, sondern das Interesse von Teenager-Mädchen wecken. Die Idee, den Slogan mit Lippenstift zu schreiben, habe man für "lustig und originell" gehalten.

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Science Girls: So wirbt das Netz um die Frauen in der Wissenschaft
Genutzt hat das Entfernen wenig: Längst ist der Spot auf YouTube zu finden, fast 700.000-mal angeklickt, mit gut 6700 negativen Bewertungen darunter. In den Kommentaren wird geschimpft, der Spot arbeite mit Klischees, sei sexistisch und überhaupt "rubbish", Müll.

Mittlerweile gibt es gleich mehrere Video-Antworten, die sich kritisch mit dem Kurzfilm auseinandersetzen, sei es als Animation oder Interview. Die Astronomin Meghan Gray erklärt zum Beispiel in die Kamera, sie halte den Film für misslungen und hoffe, dass junge Frauen sich lieber von ihren Interessen und Begabungen in die Wissenschaft leiten lassen sollten.

Es gibt doch Interessanteres als Mode

Zwar sind auch vereinzelt positive - oder zumindest versöhnliche - Stimmen zu hören, wie die der Wissenschaftlerin Reena Pau. Sie habe 38 Teenager-Mädchen zu dem Video befragt, schreibt sie in ihrem Blog, und 30 davon habe es gefallen und bei vielen das Interesse an Wissenschaft geweckt. "Was für uns ansprechend ist, muss nicht auch ansprechend für Teenager sein", schreibt sie. Schließlich richte sich der Film nicht an Erwachsene.

Allerdings erklärt ein anderer Kritiker in seinem Video, es sei doch ein Irrglaube, dass junge Mädchen den Weg in die Wissenschaft nur fänden, weil sie sich für Make-up interessieren - und nicht für das ganze Universum. Statt über Mode hätte man über Interessantes sprechen können, über Galaxien, Planeten und Sonnensysteme statt über Puder, Sonnenbrillen und Lippenstift.

Der Blogger und Wissenschaftler Curt Rice ruft deshalb zum Bessermachen auf statt Besserwissen: In seinem Guardian-Blog nennt er die Videokampagne ein "virales Fiasko" und ruft einen Wettbewerb aus, eigene und bessere Videos zu machen: Höchstens eine Minute sollen sie lang sein und auf YouTube eingestellt werden. Die Videos mit den meisten "Likes" dort wolle er im November beim European Gender Summit in Brüssel zeigen.

Andernorts werden längst neuere und ältere Werke aus dem Netz gekramt, die angeblich besser geeignet sind, die Mädchen zu einem naturwissenschaftlichen Studium zu animieren. Das Blog BoingBoing verweist als Antwort auf ein Video mit tanzenden Meeresbiologinnen, die ein Cover von Billy Joels "For the longest time" wagen. Sie tanzen durch ihr Labor und in weißen Kitteln am Strand und erklären im Lied, was sie da eigentlich tun.

"Bevor ihr etwas Gemeines sagt darüber, dass es zwischendurch schief ist und die Reime ein wenig idiotisch - darum geht es", heißt es im Blog. Schließlich seien es echte Wissenschaftlerinnen, die von ihrer tatsächlichen Arbeit singen, zum Beispiel von vielen Stunden im Labor. Herumgereicht wird in diesem Zusammenhang auch ein Musikvideo des Indierock-Duos Mates of State, das Kinder ansprechen soll, und eines der Science Cheerleaders aus den USA. Die lassen erst ihre Puschel fliegen und erklären dann, Neurologinnen oder Ingenieurinnen zu sein, die als Werbung für die Wissenschaft hüpfen.

Eines der älteren Videos, die wieder hervorgesucht wurden, ist besonders gelungen: Es zeigt eine Party, auf der Menschen für verschiedene Elemente des Periodensystems stehen. Nacheinander zeigen sie, wie sich die Elemente zueinander verhalten würden - wenn sie denn Menschen wären. Das Video sollte im Jahr 2008 junge Menschen für die Wissenschaft begeistern - und ist ebenfalls ein Werbefilm der EU. Geht doch.

insgesamt 38 Beiträge
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dent-de-lion 03.07.2012
1. Immer diese Klischees
Warum müssen Mädchen mal wieder auf Pink, Glitzer und Make Up reduziert werden? Als ob gerade die weiblichen Teenies, die tatsächlich in ihrer rosa Zuckerwatte-Barbie Welt leben, nach ihrer Schulzeit einen MINT-Studiengang wählen werden, oder in die Richtung ihre Ausbildung machen...Es gibt doch genug Mädchen, die sich auch mit technischen Dingen beschäftigen, doch die sind davon wohl eher abgeschreckt...wäre ich zumindest! Und am Ende hat dafür irgendeine Werbeagentur auch noch nen Haufen Geld bekommen, da kann man wirklich nur noch mit dem Kopf schütteln...
Meckermann 03.07.2012
2. Germanys Next Top Scienctist
Wird Zeit für eine Wissenschafts-Casting-Show, bei der an den Gewinner ein lukratives Stipendium vergeben wird. Nicht!
Sasapi 03.07.2012
3.
Na, sooo furchtbar finde ich das Video nun auch nicht. Wenn sich das Video an Teenie-Mädels wenden soll....also, für die Altersklasse bis 16 (höchstens) passt es... Meine Mittlere, 14, besucht eine sog. Schwerpunktklasse "Naturwissenschaft", hat in allen naturwissenschaftlichen Fächern eine 1. Man kann sagen, ihr liegt dieser Bereich. Aber außerhalb des Unterrichts würde sie das niemals sagen. Dann stimmt sie in das "Stirb, Mathebuch, stirb!" - Geschrei ihrer Mitschüler ein- warum? Naja- Mädchen, die so gut in der Schule sind, die sind meistens nicht so beliebt....und die einzige Lehrerin für diesen Fachbereich ist ein alter Besen. Also auch keine Werbung. In der Altersklasse bis max 16-17 zählt einfach oft noch- wie komme ich bei den Anderen an? Und da es mit dem Selbstbewusstsein in diesem Alter oft noch hapert, ist es den meisten Mädels lieber, auszusehen wie Barbie, von allen umschwärmt zu werden, als die Klassenbeste zu sein. Kann man sehr beklagen, gerade als Mutter, mache ich auch, nützt aber erstmal nichts. Wir arbeiten am Selbstbewusstsein der jungen Dame- und daß man Leute, die besser gucken als denken können, besser links liegen lässt, wird sie schon bald von allein merken. Da bin ich optimistisch. War bei ihrer großen Schwester genauso.... Übrigens: Gerade die 14jährige hatte als kleines Mädchen und bis zum 13. Geburtstag mit allen Mädchensachen eher wenig im Sinn. Dafür kriegen wir es derzeit vermutlich doppelt- mit Lippenstift, Rüscheltüschel und ständigen Streitereien um die Absatzhöhe....
pylas 03.07.2012
4. Zu spät
Da soll also bei pubertierenden Teenies nachgeholt werden, was in Grundschule und Vorschule versäumt wurde, nämlich Interesse und Begeisterung für die Wissenschaft zu wecken. In dem Alter ist das erstens zu spät und zweitens hat man da hormonell bedingt andere Prioritäten. Nein, man muss bereits im Kindergarten anfangen. Es ist eine Schande, dass Kinder bis zur 10. Klasse noch nichts von der Evolutionstheorie gehört haben.
lichtwort.de 03.07.2012
5. Nix kapiert
Das ist das, was die Mehrheit der Kritiker nicht kapiert: Die Zielgruppe des Videos sind nun mal Makeup-Lippenstift-Girls, und das Video bezweckte, auf suggestive Weise das Gefühl vieler solcher Mädchen zu bekämpfen, Wissenschaft passe nicht zu ihnen. Dazu benötigt man Protagonistinnen, mit denen sich die Zielgruppe identifizieren kann, und keine Wissenschaftlerinnen vom Typus Dr. Angela Merkel.
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