Scoring-Agenturen Der Händler weiß alles

Noten gibt es nicht nur in der Schule, sondern auch beim Einkaufen. Bei fast jedem größeren Online-Einkauf wird die Bonität des Kunden überprüft. Kaum ein Betroffener kennt seinen Punktwert. Dabei entscheidet er darüber, zu welchen Konditionen man bezahlt.

Von Dirk Kunde


Mit 98,74 von 100 Prozent kann ich zufrieden sein. Damit bin ich kreditwürdig. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich eine Rechnung nicht begleiche, liegt bei 1,26 Prozent. Interessant, aber welcher Deutsche kennt schon seinen Score-Wert bei der Schufa?

Schufa-Auskunft im Web: Traumhafte Info-Quelle für Händler, alptraumhafte Konsequenzen für Verbraucher

Schufa-Auskunft im Web: Traumhafte Info-Quelle für Händler, alptraumhafte Konsequenzen für Verbraucher

Es sind wohl die wenigsten, dabei verfügt die Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung (Schufa) über 433 Millionen Einzeldaten von rund 65 Millionen Personen im Land. In meiner Eigenauskunft fehlt nur ein Bankkonto, dafür ist sogar die Kundenkarte eines Autozubehörhändlers aufgeführt.

Wer meint, Scoring sei nur ein Bankthema, wenn man einen Kredit möchte, täuscht sich. Fast jeder größere Online-Händler bewertet die Bonität seiner Kunden. Bei der Bezahlung mit Kreditkarte oder auf Raten besteht für jeden Händler ein Ausfallrisiko. Das möchte er so klein wie möglich halten. Auf den Web-Seiten von Tchibo, Quelle und Otto finden sich sinngemäß Formulierungen wie "zum Zwecke der Bonitätsprüfung erfolgt ein Datenaustausch mit Konzerndienstleistungsunternehmen oder der Schufa".

Zu häufig zurückgeschickt? Das gibt Abzug!

Diese Dienstleister bezeichnet man als Auskunfteien. Zu den Großen in Deutschland gehört mit Informationen zu 39 Millionen Privatpersonen die Bürgel Wirtschaftsinformationen GmbH & Co. KG, die über Umwege zur Otto- und Allianz-Group gehört. Die Arvato Infoscore GmbH gehört zur Bertelsmann-Gruppe, und die Creditreform-Gruppe ist ebenfalls mit Tochterunternehmen in dem Segment tätig. Sie alle sammeln fleißig Daten über das Zahlungsverhalten von Verbrauchern.

Ihr Wissen ist für andere Händler käuflich. "Gerade im Versandhandel werden so wirtschaftliche Entscheidungsprozesse auch für die Kunden vereinfacht und beschleunigt. Es können damit möglichst viele Geschäfte bei kontrolliertem Risiko zustande kommen und gleichzeitig wird verhindert, dass alle Kunden erhöhte Kosten durch Zahlungsausfälle anderer Kunden mittragen müssen", sagt Wolfgang Hübner, Mitglied der Geschäftsführung von Arvato Infoscore.

In Form von Schulnoten oder Ampelsymbolen geben die Unternehmen Auskunft zum bisherigen Zahlungsverhalten, Mahnverfahren, Anzahl von Kreditanfragen, Geodaten sowie vorherigen Wohnsitzen. Wer beispielsweise als mobiler Arbeitnehmer oder Berufssoldat häufig umzieht, verschlechtert mitunter seinen Wert. Wer Nachbarn mit hohen Schulden hat oder wer zu häufig Kreditkonditionen erfragt, wird bei der Bonitätsprüfung schlechter eingestuft.

Doch so genau bekommt das kein Verbraucher mit. Die Bewertung läuft automatisch im Hintergrund. Folgendes Szenario ist denkbar: Eine Frau bestellt eine teure Uhr bei Händler A. Der bietet seiner Kundin einen Ratenkauf nur zu schlechten Konditionen an. Außerdem fragt er bei ihr wiederholt per Mail nach und hätte lieber Barzahlung.

Die Kundin ahnt nichts Böses. Doch Händler A hat einen Scorewert bei einer Auskunftei für ihre Adresse gekauft. Der Wert ist schlecht, weil der Ehemann bei Händler B seine Klamotten seit Jahren in Größe 50 bestellt. Dabei sollte er langsam einsehen, dass er 52 braucht. Eine hohe Rücksenderate sowie eine vergessene Rechnung haben zu der schlechten Bewertung geführt.

Kundenschutz? Das Gesetz greift zu kurz

"Wir brauchen mehr Transparenz in diesem Bereich", sagt Dr. Thilo Weichert, Leiter des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz Schleswig-Holstein. Aktuell befindet sich ein Entwurf der Bundesregierung zur Änderung des Bundesdatenschutzgesetzes im Gesetzgebungsverfahren.

In einer Stellungnahme fordert der Bundesrat, bestimmte Daten dürften auf keinen Fall für die Berechnung von Wahrscheinlichkeitswerten herangezogen werden - zum Beispiel solche, die an die Wohnanschrift des Verbrauchers anknüpfen. Die wirtschaftliche Benachteiligung von Bürgern, die in Gegenden mit geringem Einkommensniveau wohnen, sei nicht gerechtfertigt.

Außerdem sieht der Entwurf eine Einwilligung des Betroffenen vor, wenn die Anschrift bei der Berechnung verwendet wird. Wie diese Unterrichtung genau aussehen soll, ist noch unklar. Bisher haben die Händler derartige Regelungen immer in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen untergebracht. Die muss ein Kunde meist als gelesen anklicken, sonst kann er den Online-Einkauf nicht beenden.

Für Datenschützer Weichert ist der Gesetzentwurf ein Schritt in die richtige Richtung, doch leider "zu kurz geraten". Er rät jedem Verbraucher bei entsprechenden Geschäften den Händler zu fragen, welcher Punktwert bzw. welche Daten über ihn vorliegen. Insgesamt müsste das Bewusstsein für Einstufungen in Bonitätsklassen geschärft werden.

Score erfragen

In den USA, wo schon länger und intensiver auf Kredit eingekauft wird, erfahren die Konsumenten mehr. Ein Zusatz im Fair Credit Reporting Act gibt jedem Betroffenen das Recht, einmal pro Jahr eine gebührenfreie, schriftliche Selbstauskunft der drei landesweit tätigen Auskunfteien TransUnion, Experian und Equifax unter www.annualcreditreport.com (funktioniert nur mit einer US-IP-Adresse) anzufordern.

In Deutschland ist man davon noch weit entfernt. Paragraph 34 des Bundesdatenschutzgesetzes sieht zwar ein Auskunftsrecht der betroffenen Person vor, doch muss das bei jedem Unternehmen einzeln eingefordert werden. Die Schufa hat dafür das Portal www.meineschufa.de eingerichtet. Für 7,80 Euro erhält man die Eigenauskunft nach Hause geschickt. Kostenlos geht das nur in einer Schufa-Verbraucherservicestelle. Hier darf man aber nur einen Blick auf die gesammelten Daten werfen.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.