2020 - Die Zeitungsdebatte

Zeitungsdebatte Springer loben!

Journalisten kritisieren den Springer-Konzern dafür, sich von seinen regionalen Tageszeitungen zu trennen. Springer handele nur konsequent, sagt der Medienunternehmer Sebastian Turner. Die Zeitungen seien in anderen Händen besser aufgehoben.

Deutschlands emotionalstes Medienhaus hat eine teilweise rationale Entscheidung getroffen. Seitdem werden dafür alle anderen Medien von ihren Gefühlen übermannt. Bitte googeln Sie dazu die umfangreichen Pressestimmen und lesen dann hier die weit weniger dramatische medienwirtschaftliche Seite.

Die Renditen sehr vieler Printmedien sind auch heute noch saftig höher als die von Handwerksbetrieben, Autozulieferern und Bierbrauereien. Darum hat der dem Geldverdienen nicht abgeneigte "WAZ"-Funke-Verlag zugegriffen, als jetzt gleich ein ganzes Paket von Printmedien auf den Markt kam. Auch die Zeitungsgruppen in Augsburg, Stuttgart, Hannover und Düsseldorf kaufen gerne zu. Ebenso der für seinen geradezu legendären Investoreninstinkt gepriesene Warren Buffet. Es gibt also nicht nur einen einzelnen verwirrten Verlag aus Essen, der Zeitungen verdaut, sondern gleich einen ganze Szene - sonst hätte Springer auch nicht fast eine Milliarde Euro für zwei Regionalzeitungen und einen Packen Zeitschriften für Frauen, Fernseher und Frauen, die fernsehen, bekommen.

Warum kaufen die Verlage und Buffet? Weil sie Wachstumschancen in Zeitungsketten sehen, wie es sie in den USA schon lange gibt (Gannett, Knight-Ridder, Tribune) Die starke Stellung von Regionalzeitungen in Deutschland (anders als in Großbritannien mit der dort dominanten Hauptstadtpresse) ist dafür wie geschaffen. Wer zum Beispiel eine Zeitung in Augsburg besitzt, der kann sich überall (außer in Augsburg) Zeitungen dazu kaufen, ohne dass das Kartellamt Einwände erhebt.

Der einzige Zeitungsverlag, der an dieser Konsolidierungswelle nicht teilnehmen kann ist: Axel Springer. Seine "Bild"-Zeitung ist die einzige deutsche Zeitung, die überall im Land mit einer relativ hohen Auflage erscheint und damit fast immer gemeinsam mit der jeweiligen Regionalzeitung ein Monopol darstellen würde - wie zum Beispiel in Hamburg mit dem dortigen (noch-Springer) Abendblatt. Damit war dem Verlag von "Berliner Morgenpost" und "Hamburger Abendblatt" jede weitere Zeitungsakquisition in Deutschland verwehrt.

Die Tatsache, dass Springer diese kartellrechtliche Grundeinschätzung inzwischen teilt und daraus die Konsequenzen gezogen hat, spricht dafür, dass sich das Medienhaus heute inzwischen nicht mehr in einer Ausnahmestellung sieht, die aufgrund ihrer enormen "Bild"-"BamS"-Firepower auf Extrawürste von der Politik hofft.

Diese Einsicht bei Springer sollte eigentlich von den Medienbeobachtern gelobt werden. Sie sollte erst recht von denen gelobt werden, die bislang der Meinung waren, dass Springer zu einflussreich ist. Jahrzehntelang wurde gefordert: Enteignet Springer. Jetzt gibt der Verlag Eigentum auf - und jetzt ist es auch wieder nicht recht. Das kann man wohl nur damit erklären, dass manch publizistischer Springer-Gegner im Augenblick des Verkaufs eine bislang verdrängte Solidarität der Printmacher verspürt und sich insgeheim mitverkauft fühlt.

Sehr viel berechtigter ist Kritik von Seiten der Springer-Mitarbeiter. Das Haus Springer hat sich immer durch einen ganz besonderen Korpsgeist (der Begriff ist hier besonders wenig unpassend) auszeichnet. Wer die Anfeindungen gegen die Springer-Presse kennt und trotzdem oder vielleicht sogar deshalb dort arbeitet, ist eine besonders loyale Haut. Die Springer-Mitarbeiter haben ihrem Haus die Treue gehalten und das Haus ihnen. Dieses Urvertrauen, das einen schwer zu beziffernden, aber hohen ökonomischen Wert darstellt, wurde bei allen Mitarbeitern erschüttert, auch bei denen, die in den verbleibenden Geschäftsbereichen arbeiten. Indem Springer dies in Kauf nimmt, wird der Verlag normaler und mindert seine Ausstrahlung als Arbeitgeber. Das ist in der Kreativwirtschaft besonders wenig förderlich.

Wer Springer aber vorwirft, das Unternehmen denke eiskalt nur an die Rendite, übersieht, dass der Verkauf eine ökonomisch nicht begründbare Seite hat: Springer behält die überregionale "Welt" - und das, obwohl durch den Verkauf der Regionalblätter die wirtschaftliche Basis der "Welt" noch geschwächt wird. Für die deutschen Überregionalen gilt bislang der Grundsatz: Ohne starke regionale Basis ist überregionale Qualität nicht bezahlbar.

Die "Süddeutsche" bezieht ihre Kraft aus der starken Stellung in München, die "FAZ" aus Rhein-Main ebenso wie die jüngst ihr zugeschlagene "Rundschau". Die "Welt" hat nach der Odyssee ihres Redaktionssitzes von Hamburg nach Bonn nach Berlin diese regionale Rückbindung erst durch die Verbindung mit der "Morgenpost" erhalten. Die "Morgenpost" zu verkaufen und die "Welt" zu behalten bedeutet: Springer bleibt ein emotionales Haus. Dann können alle anderen auch wieder zur Vernunft kommen.

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Forum - 2020 - Die Zeitungsdebatte
insgesamt 156 Beiträge
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1. Oh Pardon...
W. Robert 02.08.2013
Nun, es gibt im Netz eben die „Allrounder“-Seiten wie Spon, Welt, Süddeutsche, Zeit, Frankfurter Allgemeine etc., die sich inhaltlich kaum noch wesentlich unterscheiden. Das hat mit Sicherheit auch mit der Verwechselbarkeit der Parteien zu tun, deren Inhalte sich zunehmend angleichen. Eine Lücke sehe ich da eigentlich nur für eine Kultur-Website, die tatsächlichen Qualitätsjournalismus bringt, und sich aus dem Spiel der Indoktrination mit fragwürdigen globliistischen Thesen heraushält. Man braucht also mehr Essays, mehr Humor und und mehr Einbeziehung der Kulturschaffenden, die sich längst aus dem Medienbetrieb zurückgezogen haben. Wie das in etwa aussehen könnte: Man lese mal ältere Pardon-Ausgaben, wo der Spagat zwischen ernsten Inhalten und Humor durchaus den Zeitgeist getroffen hat. Wahrscheinlich ist es aber gerade die Agenda der Medienkonzerne, die eher anti-aufklärerisch agiert, und genau daran wird es scheitern.
2. 2020?....
espressoli 02.08.2013
2020 wird es nur noch eine einzige Zeitung geben... angepasst an die immer dümmer werdene Bevölkerung, eine Art "Leselektüre für den deutschen Bildungsstand"... Ein Witzchen zur Einleitung... ein echter Mord - für Krimifans... ein Verkehrsunglück in der Sahara - für alle "Ach-Gott-Sager-und-Gaffer"... fünzig Seiten Fussball - und natürlich ein Bildchen von der - inzwischen auf Lebenszeit in Berlin festgetackerten Kanzlerin - gut retuschiert versteht sich - dazu der Text ihrer Neujahrsansprache von 2011... auf der letzten Seite dann noch das Wort zum Sonntag von der Kanzlerin: "Alles wird gut, ich bin und bleibe bei Euch"... Könnte es je eine grössere - ausgesprochene - Drohung für die Bürger geben?.. Wie die Zeitung heissen wird?... Da gibt es kein Entrinnen... so wie Kanzlerin, wird auch sie ewig unser sein.... "BILD" wird sie heissen... das "Generationenblatt", das in Kindergärten und als Lehrmittel in den Hörsälen der Universitäten benutzt werden wird und deren Herstellungs-Kosten vom Bildungsministerium voll übernommen werden... Und wer nach "alten Büchern" sucht, wird im Jahre 2020 dann sicherlich noch alte Bild-Exemplare bei eBay finden, die doch tatsächlich noch "die Nackerte" auf der Titelseite hatten... und zwischenzeitlich auch von weiblichen u. männlichen Emanzen gelesen wird - mangels "Alternativen"... Irgendwie keine schönen Aussichten für das Jahr 2020... Könnte man das "Vierbuchstabenblatt" nicht einmotten ehe wir das Jahr Zweitausendundzwanzig schreiben? - und bitte die Propaganda-Kanzlerin dabei nicht vergessen - beim einmotten meine ich...
3. @ W. Robert: Nein im Gegenteil
Amadeus Mannheim 04.08.2013
Zitat von W. RobertNun, es gibt im Netz eben die „Allrounder“-Seiten wie Spon, Welt, Süddeutsche, Zeit, Frankfurter Allgemeine etc., die sich inhaltlich kaum noch wesentlich unterscheiden. Das hat mit Sicherheit auch mit der Verwechselbarkeit der Parteien zu tun, deren Inhalte sich zunehmend angleichen. Eine Lücke sehe ich da eigentlich nur für eine Kultur-Website, die tatsächlichen Qualitätsjournalismus bringt, und sich aus dem Spiel der Indoktrination mit fragwürdigen globliistischen Thesen heraushält. Man braucht also mehr Essays, mehr Humor und und mehr Einbeziehung der Kulturschaffenden, die sich längst aus dem Medienbetrieb zurückgezogen haben. Wie das in etwa aussehen könnte: Man lese mal ältere Pardon-Ausgaben, wo der Spagat zwischen ernsten Inhalten und Humor durchaus den Zeitgeist getroffen hat. Wahrscheinlich ist es aber gerade die Agenda der Medienkonzerne, die eher anti-aufklärerisch agiert, und genau daran wird es scheitern.
Stimmt nicht! Was wir brauchen, ist Strukturierung der Information und Erklärung, Analyse. Die Meinungsgetriebenheit der Foren und Kolumnen ist natürlich interessant, macht es aber unmöglich, eine strukturierte Debatte über komplexe Themen zu führen oder zu verfolgen. Das ist der journalistische Job der Zukunft. Eben nicht mehr freie Themenwahl und eben nicht mehr das rigorose Beharren auf der Redaktionsfreiheit, sei darunter jetzt einmal die Freiheit zur politischen Meinung bzw. der Meinung in einer konkreten Sachfrage verstanden, die vom Verleger oder Herausgeber nicht beeinflusst werden darf. Nein, die Journalisten müssen uns, den Lesern, helfen, durchzublicken. Das ist auch der Grund, warum die TV-Talkshows gut laufen, so schlimm sie manchmal anzusehen und -zuhören sind. Sie lassen uns Testfahrten von Meinungen und Argumenten erleben, als wären es unsere. Und in guten Momenten sichern wir unsere Meinungen ab oder geben sie auf und verstehen, auf welcher argumentativen Basis wir dies vor uns selbst verantworten können. Dies ist in einer gut besetzten und gut moderierten Talkshow wirklich ein Gewinn, den ich bei Jauch und Will regelmäßig habe. Auch bei Illner. Wenn die Zeitungen es schaffen, diesen Gewinn zu bieten, werden sie leben. Egal ob digital oder gedruckt. Hierfür ist die eigene Meinung der Reakteure aber unwichtig. Sie ist einfach nicht mehr gefragt. Denn wir ertrinken in Meinungen. Die Journalisten müssen Moderatoren werden, Projektleiter des Projektes "Verständis", "Lösen von Komplexität" oder "Diskutieren alternativer Blickwinkel". Helfen lassen können Sie sich von Philosophen, etwa von Peter Sloterdijk, der in faszinierend einfachen Bildern komplexe Sacherverhalte darstelle, zB die politischen Parteien als Banken für Zorn- und Wutkapital darstellt, was einen sehr leicht verstehen lässt, was ein Grund für Politikverdrossenheit sein könnte. Hilfestellungen wie diese finden im Zeitungsjournalismus kaum noch statt. Die Branche muss komplett umdenken. Aktualität kann sie vergessen, dieses Rennen ist nicht mehr zu gewinnen. Meinung ist von gestern, s.o. Was zählt für die Zukunft ist Meinungskompetenz und echte Hilfe.
4. Mutig voran
wol54 04.08.2013
Zitat von sysopWie sieht die Zeitung von morgen aus? Was macht für Sie guten Journalismus auch in Zukunft aus? Diskutieren Sie hier auf SPIEGEL ONLINE. Wir sammeln die besten Vorschläge, werten sie aus – und entwickeln daraus das Konzept für eine digitale Tageszeitung.
Bei Zeitungen ist es ähnlich wie bei CDs: oft wollte ich nur einen Titel, musste aber früher die ganze CD kaufen. Heute kaufe ich mir nur noch diesen einen Titel bei Apple bzw. zahle ich monatlich 9,99 € bei Spotify und habe damit Zugriff auf fast alle CD´s. Was kann die Zeitungsbranche daraus lernen ? Einführung von Micropayment für einzelne Artikel, ich denke da an Beträge von 1-5 Cent. Mehrere Verlage (z.B. FAZ, Süddeutsche, Welt, Zürcher...) geben für 10 € im Monat ein Gemeinschaftsabo heraus. Der Abbonnent kann dann alle diese Zeitungen im Netz ohne weitere Mehrkosten lesen. Zeitungen wie die Stuttgarter Zeitung, Münchner Merkur... sollten Ihren Lokalteil deutlich ausbauen und dann z.B. für alle Nachrichten aus Ludwigburg 3 Cent pro Tag verlangen. Schlechte Nachricht: Es gibt kein Copyright auf News Gute Nachricht: seit ich mein Ipad habe sehe ich weniger fern, sondern lese auch mal den Lokalteil meiner heimatzeitung im Internet.
5. Tageszeitung vs. Online - 2020
koem 04.08.2013
Habe ich eine Tageszeitung in der Hand, umschleicht mich immer das unsichere Gefühl, nicht wirklich aktuelle Informationen geliefert zu bekommen. Das wird auch 2020 nicht anders sein! Aktuell ist eben nur online. Online wiederum habe ich keine Muße für längere Texte, für gut recherchierten Journalismus, für Hintergrundinformationen. Diese möchte ich aber nicht missen und sehe hier die Zukunft für das Printmodell. Erwähnt werden muss jedoch, dass dies wohl eher nicht auf eine Tageszeitung zutrifft, sondern auf ein Wochenmagazin. Für die Tageszeitung sehe ich schwarz. Beste Grüße aus Berlin Konstantin Thumm
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Zum Autor
  • Deniz Saylan
    Sebastian Turner, 47, gründete Verlage, Kommunikations-agenturen und Internetunternehmen. Er ist Aufsichtsrat in der Zeitungsgruppe von Dieter von Holtzbrinck, Professor an der Universität der Künste und Initiator der Falling-Walls-Wissenschaftskonferenz am Jahrestag des Mauerfalls. Vergangenes Jahr kandidierte er als Parteiloser in Stuttgart für das Amt des Oberbürgermeisters.
2020 - Die Zeitungsdebatte
  • Illustration: Carsten Raffel/ USOTA.COM
    Brauchen wir noch Tageszeitungen, und wenn ja, welche? Dieser Frage gehen auf dieser Seite Leser, Journalisten, Fotografen und Grafiker nach. Seit Jahren verlieren die Tageszeitungen an Auflage. Dass sich der Springer-Verlag von seinen Regionalzeitungen getrennt hat, war für viele ein gefährliches Signal.
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