Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

"Second Life": Staatsanwalt ermittelt wegen Sex mit virtuellen Kindern

Von

In der virtuellen Welt "Second Life" finden immer neue sexuelle Abseitigkeiten ihre Anhänger. Jetzt hat erstmals eine deutsche Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Verbreitung von Kinderpornografie eingeleitet.

Unter den Nutzern von "Second Life" ist es ein offenes Geheimnis: Zwar dürfen Minderjährige offiziell nicht in die virtuelle Welt einsteigen, aber erwachsene Spieler können sich Avatare, also Spielfiguren zulegen, die jede beliebige Form haben - auch die eines Kindes. "Age Play" wird im internen Jargon die abseitige Praxis genannt, bei der sich Erwachsene mit Kinderavataren anderen Erwachsenen als virtuelle Sexualpartner zur Verfügung stellen.

Den meisten Bewohnern der virtuellen Welt sind diese Praktiken zuwider - eine kleine Gruppe aber hat "Second Life" (SL) ganz offenbar als einen Ort entdeckt, an dem sie ihre dunkelsten Fantasien ausleben kann. Viele andere sind von den Spielchen der "Age Play"-Freunde so angeekelt, dass es sogar SL-interne Widerstandsgruppen gibt, die sich dem Kampf gegen den virtuellen Kindersex verschrieben haben.

"Wir werden herausfinden, wer dahintersteckt"

Nun geht dem ARD-Magazin "Report Mainz" zufolge erstmals ein deutscher Staatsanwalt gegen Kinderpornografie in SL vor. Die Staatsanwaltschaft Halle hat dem Bericht zufolge ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt eingeleitet. Auch die Betreiberfirma Linden Lab in San Francisco kündigt in der Sendung (heute ARD, 21.45 Uhr) Schritte gegen die Urheber an - bislang hatte sich das Unternehmen bei diesem Thema merklich zurückgehalten, auch zum Unmut mancher Nutzer von SL.

Den Angaben zufolge dokumentiert das ARD-Magazin erstmals, dass ein "Second-Life"-Spieler aus Deutschland mit kinderpornografischen Aufnahmen gehandelt hat. "Wir werden versuchen, diese Person namhaft zu machen", sagt Oberstaatsanwalt Peter Vogt von der Zentralstelle gegen Kinderpornografie bei der Staatsanwaltschaft Halle in der Sendung. Dieser Straftatbestand wird nach seinen Angaben mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren geahndet.

Robin Harper, die Vizepräsidentin der Betreiberfirma Linden Lab, kündigte an: "Wir werden herausfinden, wer dahintersteckt und dann die Polizei informieren."

"Kinderpornografisches Angebot"

"Mir fehlen einfach die Worte", kommentierte Oberstaatsanwalt Vogt, "dieses Angebot ist ein kinderpornografisches Angebot."

In dem Fernsehinterview kündigte die Vizepräsidentin von Linden Lab an, ein Altersverifikationssystem einzuführen. Bislang darf man sich offiziell erst ab 18 für SL anmelden, eine echte Überprüfung findet aber nicht statt. Wer in der virtuellen Welt finanzielle Transaktionen durchführen will, muss allerdings Kreditkartendaten hinterlegen.

Nun soll es Kindern und Jugendlichen gänzlich unmöglich gemacht werden, Zugang zu bestimmten Bereichen des Spieles zu bekommen. Jugendschützer in Deutschland fordern indes weitergehende Schritte. Friedemann Schindler von der für Jugendschutz im Internet zuständigen Behörde jugendschutz.net sagte, es gebe ganz einfache Möglichkeiten, sexuellen Missbrauch in dem Spiel zu verhindern. Der Betreiber müsse die Online-Welt nur so programmieren, dass zum Beispiel der sexuelle Kontakt zwischen Kindern und Erwachsenen nicht möglich ist.

Diese Einschätzung greift allerdings etwas zu kurz: Die Vielzahl der Avatar-Formen, die in SL möglich sind, macht eine klare Unterscheidung in erwachsene oder minderjährige Figuren so gut wie unmöglich. Eine ganze Gruppe von SL-Nutzern hüllt sich in der virtuellen Welt beispielsweise in zwergenhaft kleine Spielfiguren - die sogenannten "Tinies" sind aber nicht Kindern nachempfunden, sondern entsprechen eher winzigen Fabelwesen. Andererseits gibt es Erwachsene, die sich in durchaus kommerzieller Absicht Kinder-Avatare zulegen: Wer bereit ist, sich mit Pädophilen auf entsprechende Rollenspiele einzulassen, kann sich dafür in SL in der Spielwährung Lindendollar entlohnen lassen - und die sind frei konvertierbar in echte US-Dollars.

Virtuelle Haut ohne Geschlechtsteile

Das Problem der Kinder-Avatare dürfte für Linden Lab also nicht leicht aus der Welt zu schaffen sein. Zudem gibt auch Spieler, die ganz legitim und ohne sexuelle Hintergedanken Kinderfiguren darstellen. Sogar Adoptionsagenturen gibt es, die einsamen Menschen ein virtuelles Familienleben ermöglichen sollen - ganz im Sinne der "Alles ist möglich"-Philosophie der Betreiber. Eine ganze Reihe von virtuellen Ladengeschäften verkauft "Skins", also virtuelle Haut, die Avatare realistischer aussehen lassen sollen. Auch Skins, die wie Minderjährige aussehen, sind vielerorts im Angebot - oft aber mit dem Vermerk, dass die virtuelle Haut ohne Geschlechtsteile geliefert wird.

Auch Kinderkleidung, Spielplätze und virtuelle Kindergärten gibt es in der virtuellen Welt - obwohl offiziell nur Volljährige einen Zugang zu SL haben dürfen. Für Minderjährige gibt es ein eigenes "Teen Grid", eine jugendfreie Version von SL, in der es auch keine Möglichkeit zum virtuellen Sex gibt. Wo in der Erwachsenen-Version die Grenze zwischen harmlosem Unsinn und der Vorbereitung echter Perversion verläuft, ist oft sehr schwer auszumachen.

Mit Material von AP

Diesen Artikel...
Forum - Kindersex im "Second Life" - ist eine virtuelle Polizei nötig?
insgesamt 336 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Klo, 07.05.2007
Zitat von sysopOder müssen allzu freie Onlinewelten schlicht verboten werden?
Das schlechte im Leben ist nicht der Sex, sondern die Gewalt. Mir ist unklar, was mit "Kindersex" gemeint ist, da es sich bei Sex unter und mit Kindern quasi ausschließlich um verbotene Gewaltausübung handelt. Und wenn etwas verboten ist, dann ist das überall verboten, auch im Internet. Deswegen gehören selbstredend solche Seiten vom Netz - und zwar weltweit.
2.
Avaleen, 07.05.2007
Die Frage ist doch, ob virtuell angedeutet sexuelle Handlungen zwischen Avataren etwas verwerfliches sind? In 2nd Life besteht nun die Möglichkeit, dass die Avatare aussehen wie Tiere, Fabelwesen oder eben auch Minderjährige. Ist das dann Zoophilie oder Pädophilie? Ich denke nicht. Solange keine Minderjährigen an den Bildschirmen sitzen ist das genauso wenig Kindersex, wie Counterstrike Terrorismus ist.
3.
paolop, 07.05.2007
warum ist kinderpornographie verboten? weil sie (reale) kinder ausnutzt. werden reale kinder gezeigt/benutzt wie auch immer? nein. es ist virtuell, aber das will grade der spiegel nicht verstehen. je ernster man es nimmt, desto schlimmer wird es, siehe wow.
4.
SunSailor 07.05.2007
Zitat von KloDas schlechte im Leben ist nicht der Sex, sondern die Gewalt. Mir ist unklar, was mit "Kindersex" gemeint ist, da es sich bei Sex unter und mit Kindern quasi ausschließlich um verbotene Gewaltausübung handelt. Und wenn etwas verboten ist, dann ist das überall verboten, auch im Internet. Deswegen gehören selbstredend solche Seiten vom Netz - und zwar weltweit.
SL ist aber keine "Seite", sondern das "Angebot" entsteht erst dadurch, dass Spieler dieses aktiv ausleben. Das ist nichts permanent gespeichertes oder so, es geschieht im Augenblick und ist dann auch wieder vorbei. Deswegen dürfte schon die Ahndung von solchen Interaktionen schwierig werden, es braucht in dem Fall ja sowas wie virtuelle Zeugen. Vom Datenaufkommen her lässt sich nur schwer bis gar nicht alles mitloggen. Außerdem sehe ich da grundsätzliche Grenzziehungsprobleme. Ich denke, wir sind uns einig, dass die eindeutig auf den minderjährigen Altershintergrund der Spielfigur ausgelegte Interaktionen nicht akzeptabel sind. Gut, aber wo dann die Grenze ziehen? Virtuelle Charaktere haben ja kein Alter, ab einer gewissen Figurenhöhe also? Oder bei bestimmten, virtuellen Kleidungsstücken? Wie schaut es mit Fabelwesen aus, die vielleicht kindliche Züge tragen? Will man dann im gleichen Atemzug auch eine Rassendiskriminierung einführen, nach dem Motto "Sex mit Elfen ist verboten!"? Sicherlich ist das ganze ein Thema, das diskutiert werden muss, aber ich kann jetzt schon sagen, dass es einige fundamentale Vergleichsprobleme mit der Realität aufwerfen wird. Und auch, dass sich hier viele von ihrem Mangel an technischem Verständnis für dieses Medium nicht von pauschalen und abstraktionslosen Urteilen abhalten lassen.
5. Nachtrag:
Avaleen, 07.05.2007
Habe gerade noch einmal den zum Thread gehörenden SpOn-Artikel (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,481467,00.html) gelesen. Darin wird auch gesagt, dass 2nd Life als Plattform für den Austausch von kinderpornographischen Bildern genutzt wird. Das wiederum sollte unterbunden werden, weil dafür reale Kinder mißbraucht wurden.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Second Life: Kinderhäute für erwachsene Nutzer

Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: