Seelsorge im Internet: "Die Leute können jederzeit die Trauer rausschreiben"

Trauer, Verlust, Angst: Wenn solche Gefühle die Seele quälen, braucht man Hilfe. Doch nicht jeder traut sich, zur Seelsorge oder zu einer Beratungsstelle zu gehen. Internet-Lebenshilfe will diese Menschen aus der Isolation holen.

Trauerarbeit online: Adolf Pfeiffer

Trauerarbeit online: Adolf Pfeiffer



Dass das Internet einsam macht - diese Klage ist bekannt: Vorm Rechner sitzt man allein, die Mitmenschen bleiben virtuell. Adolf Pfeiffer sieht das ganz anders: Der Trauerbegleiter und Regionalbildungsreferent des Bistums Trier in Koblenz bietet seit vier Monaten eine Online-Seelsorge an. Im Interview mit Markus Brügge berichtet der 63-Jährige über seinen Wandel vom Internet-Saulus zum Computer-Paulus. Das Gespräch fand im Chat von Pfeiffers Seite www.trauer.org statt - Unterbrechungen, chattypische Rechtschreibung und Rechnerabstürze wurden original übernommen.

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adolf005: Schön...
adolf005: Das hat ja geklappt...

spiegelonline: hallo herr pfeiffer
spiegelonline: wollen wir?

adolf005: ok

spiegelonline: ich habe gelesen, dass sie anfangs ziemlich skeptisch gegenüber dem internet als medium der trauerarbeit waren...
adolf005: Ich habe in den Trauerseminaren, die ich vor Ort gemacht habe, gelernt, wie wichtig der persönliche Kontakt ist: Dort kann man Vertrauen aufbauen - über die Augen, das Sprechen, den Körperkontakt. Das alles fehlt im Internet.

spiegelonline: und was hat sie umgestimmt?
adolf005: Die Besucher von trauer.org. Es haben so viele gefragt, ob es nicht auch Online-Seminare gibt. Schließlich kann nicht jeder zu uns nach Koblenz kommen. Und mein Sohn Andreas: Der hat mich dazu gedrängt, es zu versuchen.

spiegelonline: hat das internet denn auch vorteile, öffnen sich die menschen dort schneller, weil sie erst mal anonym sind?
adolf005: Das ist wichtig, ja. Ich mache diese Erfahrungen jetzt seit vier Monaten und die Anonymität wird von vielen als Grund genannt, warum sie sich auf solch einen intimen Kontakt einlassen.

spiegelonline: sie sind weder mit dem computer noch mit dem internet groß geworden. Welche berührungsängste hatten sie anfangs?
adolf005: Ich habe das Internet als unpersönlich und isolierend betrachtet. Ich dachte: Wie soll ich die intensiven Erlebnisse einer Gruppenerfahrungen in diesen virtuellen Raum übertragen? Aber solche Erlebnisse sind möglich! Man sieht die Tränen zwar nicht, aber die Leute schreiben im Chat oder im Forum ganz offen, dass sie vor dem Computer sitzen und weinen.

spiegelonline: wie viele teilnehmer gibt es?
adolf005: In einer Seminargruppe sind maximal 14 Teilnehmer, die ich in zwei Chatgruppen aufteile. Die können sich per Mail austauschen, über das Forum - oder bei einem monatlichen Chat-Termin.

Sie sprechen jetzt privat zu adolf005

spiegelonline: privatchats sind technisch möglich, wie ich gerade sehe. sprechen die trauernden denn auch untereinander?
adolf005: Das ist eines der wichtigsten Elemente unserer Seite. Wenn jemand nachts nicht schlafen kann, setzt er sich hin und schreibt sich das ganze Leid, die Trauer von der Seele. Im Forum können die anderen diesen Beitrag dann lesen und darauf antworten. Man kann auch an die "Klagemauer" gehen oder einen "Brief an den Verstorbenen" schreiben.

spiegelonline: herr pfeiffer?
spiegelonline: hallo, sind sie noch da?

adolf005 hat uns verlassen (Ping timeout)

Anruf von Adolf Pfeiffer: Er ist aus dem Netz geflogen und kann sich nicht wieder einwählen. Das Chat-Interview muss kurz unterbrochen werden.

adolf007: So, ich bin wieder da.
spiegelonline: die technik...
adolf007: Ich hoffe, jetzt geht alles gut - aber das ist eben auch ein Problem des Mediums...


spiegelonline: welche art von menschen nutzen eigentlich ihr angebot?
adolf007: Das sind vor allem Jüngere, Menschen, die nicht unbedingt in unsere normalen Seminare kommen. Kinder, die Vater oder Mutter verloren haben. Und sehr viele Frauen, denen der Partner weggestorben ist. Wir haben durch das Internet Kontakt zu Leuten bekommen, die sich sonst vielleicht gar nicht an uns gewandt hätten.

spiegelonline: hat sich denn ihr privates verhältnis zum internet auch verändert?
adolf007: Ganz wesentlich. Ich sehe darin heute einen Weg, um in Kontakt zu kommen. Menschen, die in ihrem Umfeld sonst völlig isoliert sind, können durch das Netz andere Menschen finden, mit denen sie ihre Gefühle teilen können.

spiegelonline: also ist für sie die online-beratung auch mehr als bloße ergänzung?
adolf007: Auf jeden Fall! Es ist ein ganz neuer Weg der Beratung. Trotz großer Entfernungen haben hier die Leute einfach die Chance, miteinander zu reden - am Tag, in der Nacht, wann immer sie wollen. Das kann ein sehr effektiver Weg der Trauerarbeit sein.

spiegelonline: vielen dank für das gespräch.
adolf007: Vielen Dank für Ihr Interesse.

adolf007 hat uns verlassen (Quit: Chat verlassen)
spiegelonline hat uns verlassen (Quit: Chat verlassen)


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