Marcel-ist-reif.de: Vom Anpfiff an gescheitert

Dank der Website Marcel-ist-reif.de kann jeder zum Fußballkommentator werden. Aber will das überhaupt jemand hören? Steffen Müller macht den Selbstversuch und lernt: Eine Chance hat nur, wer richtig gut ist - oder wirklich lustig.

Fußballkommentar: Marcel ist reif, der Rest übt noch Fotos
Getty Images

Hamburg - Das Viertelfinale zwischen Portugal gegen Tschechien soll mein Debütspiel als Fußballkommentator werden. Allerdings nicht live aus dem Nationalstadion in Warschau und auch nicht vor einem Millionenpublikum, dafür aber live vor dem Laptop. Mein Kommentatorenplatz ist das heimische Sofa, die Zuhörerzahl verteilt über die ganze erste Halbzeit: 19.

Auf der Internetseite marcel-ist-reif.de können sowohl Experten als auch Laien die Spiele der Europameisterschaft kommentieren. Ins Leben gerufen wurde die Website von "Achim Achilles"-Kolumnist Wendelin Hübner und Moritz Eckert, benannt nach dem berühmten Sportkommentator Marcel Reif. In dessen Fußstapfen also wollte im Laufe der EM schon so mancher treten, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Jetzt will ich wissen, ob das wirklich so lustig ist, wie es klingt - und ob ich selbst ein guter Kommentator wäre. Also anmelden, Fernsehton aus, Kopfhörer auf.

Auf einer Skala zwischen eins und zehn würde ich mir vor dem Anpfiff eine siebeneinhalb geben, was mein Fachwissen über die tschechischen und portugiesischen Spieler betrifft. Drei bis vier Vorberichte gelesen, den Ergüssen vom Experten-Titan Oliver Kahn gelauscht und die Aufstellungen der Mannschaften ausgedruckt - ich fühle mich bereit, "ZDF"-Konkurrent Oliver Schmidt in Grund und Boden zu kommentieren. Doch es kommt anders.

Schweigen kommt nicht in Frage

Früh stelle ich fest, dass es schwieriger ist als erwartet, die Spieler nur anhand ihres Laufstils und ihrer Positionen zu erahnen. Klar, Cristiano Ronaldos Gockel-Gang sticht heraus. Doch auf Anhieb einen Unterschied zwischen den beiden tschechischen Defensivakteuren Tomas Hübschman und David Limbersky herzustellen, erweist sich für mich als fast unmöglich. Außerdem fehlen mir die Stadiongeräusche und vor allem der Überblick auf das gesamte Spielgeschehen. Eher schwierig für eine zufriedenstellende Analyse.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Partie in der ersten Halbzeit wenig Höhepunkte zu bieten hat. Ein langer Pass, ein Kopfball, ein verlorenes Dribbling, der nächste lange Pass. So plätschern 45 Minuten vor sich hin, und so wenig kreativ wie das Spiel werden auch meine Kommentare. Das merke ich zwar, aber statt die Klappe zu halten, drücke ich weiter aufs Gaspedal. Es kommt nicht in Frage, eine künstlerische Pause einzulegen; schließlich könnte sich ja just in dem Moment ein neuer Zuhörer einschalten, der bei andächtigem Schweigen sofort wieder wegschaltet. Also quassele ich weiter und kann damit weder mich noch die Massen überzeugen. Zwischendurch hören mir nur drei Menschen zu. Oliver Schmidt bekäme vor mir sicher nicht das Zittern.

Man darf sich selbst nicht zu ernst nehmen

Zur Pause erlöse ich mich und meine Zuhörer und schalte für die zweite Halbzeit zur Konkurrenz, um nach hilfreichen Tipps zu spionieren und zu hören, was ich eigentlich falsch gemacht habe.

Das wird schnell klar: Ich habe mich viel zu ernst genommen. Fachliche Analysen sind hier in den meisten Fällen weniger beliebt als eine gute Show, bei der es was zu lachen gibt. Jedenfalls befassen sich die Sprecher mit den meisten Hörern mehr mit dem Drumherum als mit dem Spiel. Die drei Poetry Slammer "Wolfsrudel" wissen bestimmt auch nicht immer rechtzeitig, wer gerade am Ball ist. Aber bei Einblendungen von Ronaldo spielen sie "Du hast die Haare schön" - das funktioniert. Und zwar so gut, dass sie zeitgleich mehr als 70 Zuhörer finden.

Aber es gibt auch eine ernsthafte Alternative: Ein User namens "Maxxter" zum Beispiel, mit 30 Hörern zehnmal beliebter als ich und damit führend unter den seriösen Kommentatoren.

Als ich mir diesen Konkurrenten ansehe, sinke ich tiefer in mein Sofa: Maxxter ist erst 13 Jahre alt. Beim Jugendradio Spektrum hat er erste Erfahrungen gesammelt, und er hat es tatsächlich drauf: interessante Hintergrundinformationen, gute Formulierungen und angemessene Emotionen. Seine Hörer feiern ihn schon als den zukünftigen Heribert Faßbender.

Trotzdem werde ich das Halbfinale ohne seine Kommentare gucken, sondern lieber wieder mit dem Fernsehton. Zwar brauche ich keinen professionellen Kommentator - aber die Stadionatmosphäre hat mir bei Marcel-ist-reif.de gefehlt. Beim Fußball darf es ruhig laut zugehen. Und je ausgelassener man feiert, umso weniger hört man auch vom Kommentar.

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1. nix gut, nix lustig
Mo2 27.06.2012
Zitat von sysopGetty ImagesDank der Website Marcel-ist-reif.de kann jeder zum Fußballkommentator werden. Aber will das überhaupt jemand hören? Steffen Müller macht den Selbstversuch und lernt: Eine Chance hat nur, wer richtig gut ist - oder wirklich lustig. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,840464,00.html
Jedenfall ist Marcel Reif weder gut noch lustig, mir graut vor seinem selbstgefälligen Gelaber. Aber zum Glück ist er ja bei Sky, wo ihn kaum einer hört.
2. Dass er sich vom Acker gemacht hat finde ich gut.
herr_kowalski 27.06.2012
Zitat von sysopGetty ImagesDank der Website Marcel-ist-reif.de kann jeder zum Fußballkommentator werden. Aber will das überhaupt jemand hören? Steffen Müller macht den Selbstversuch und lernt: Eine Chance hat nur, wer richtig gut ist - oder wirklich lustig. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,840464,00.html
Dachte er sei in Rente. Aber beim Schmierensender Sky ist er auch gut aufgehoben. Die für so einen Mist auch noch zahlen dürfen ihn ruhig ertragen müssen.
3. Irren ist sportlich
Pat-Riot 27.06.2012
Zitat von herr_kowalskiDachte er sei in Rente. Aber beim Schmierensender Sky ist er auch gut aufgehoben. Die für so einen Mist auch noch zahlen dürfen ihn ruhig ertragen müssen.
Ich dachte, der hieße Marcel Reif-Ranicki. Und sei in Rente.
4.
BlakesWort 27.06.2012
Reif ist leider ein selbstverliebter Possenreißer, dessen Sachverstand nur sehr selten aufblitzt. Das hat nichts mir Neid zu tun, aber es ist eine Problem vieler Kommentatoren: Sie werden sehr schnell austauschbar da langweilig.
5. O.k.
axelkli 27.06.2012
Reif und vor allem auch Fritz v. Thurn und Taxis sind wirklich nervend und zum Glück nur bei Sky aber sonst finde ich diese Aufregung und das andauernde In-die-Pfanne-hauen der Kommentatoren bei ARD u. ZDF völlig albern und übertrieben. Erst recht, wenn man bedenkt, welch verbaler Dünnpfiff zu 80% auf der vorgestellten Website abgesondert wird. Was da an Phrasen und Platituden rausgehauen wird, ist schon erstaunlich. Das Doppelpass-Phrasenschwein würde aus allen Nähten platzen.
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