Comic-Charaktere im Selbstporträt Wenn Selfies töten könnten

Video-Screenshot: Ein Netzphänomen künstlerisch aufbereitet
Andy Martin

Video-Screenshot: Ein Netzphänomen künstlerisch aufbereitet

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Achtung, Selfies können böse enden! Ein Selbstporträt mit dem Smartphone lässt Pickel sprießen, fühlt sich an wie ein Schlag ins Gesicht, und manchmal zerfällt man auch zu Staub. Zumindest vermittelt das der 60-Sekunden-Clip des Künstlers Andy Martin.

Der Brite warnt in dem Video vor den Gefahren der Selbstverliebtheit - und nimmt mit seinem Video einen Netztrend auf die Schippe, der sich durch alle sozialen Medien zieht: das Selfie.

Ein modernes Selbstporträt, das meistens gleich abläuft: Das Smartphone in der Hand, Arm ausgestreckt, knipsen Menschen sich selbst. In manchen Ländern lächeln sie dabei, in anderen eher nicht. Oft schauen die Nutzer weg von der Kamera, viele formen einen Kussmund, auch Duckface genannt, weil die gespitzten Lippen an einen Entenschnabel erinnern. Mit den Bildern werden dann Facebook- und Instagram-Profile bestückt. Laut Urban Dictionary zeigt sich dadurch vor allem, "dass der Fotograf keine Freunde hat, die Bilder von ihm machen können".

Am vergangenen Montag hat Andy Martin sein Video ins Netz gestellt, seither ist der Clip mehr als 160.000 Mal abgerufen worden. Mit seinem Filmchen nähert der Illustrator sich dem Selfie-Thema, indem er die "ziemlich abstrakten Gefahren" der Selbstverliebtheit aufzeigt. Er habe sich noch nie selbst fotografiert. "Ich bin kein großer Fan meiner hässlichen Fratze", sagt Martin. "Ich mache lieber Bilder von meinem Hund oder irgendwelchen coolen Dingen." Aber wenn es andere glücklich macht, sich selbst zu fotografieren, dann mache ihn das auch glücklich.

"Macht krassere Selfies!"

Mit seinem Cartoon bewirbt er sich für einen Wettbewerb des Pictoplasma-Festivals, eine Künstlerkonferenz, die Ende April in Berlin stattfindet. Die Organisatoren haben Designer und Illustratoren dazu aufgerufen, ein Selbstporträt ihrer Figuren einzuschicken. Thema: Selfies. In der Beschreibung des Wettbewerbs heißt es, die Teilnehmer sollen sich gegen "den derzeitigen Wahnsinn der verschwommenen Duckfaces und den unterbelichteten Narzissmus mit ein paar ehrlichen Charakteren wehren".

Mehr als tausend Künstler haben ihre Figur bereits ins Rennen geschickt, am Samstag (1. März) ist Einsendeschluss. Von allen Fotos werden 300 ausgewählt und auf dem Kongress ausgestellt. In einem Tumblr-Blog haben die Veranstalter einige skurrile Beiträge aufgelistet. Dort fotografieren sich radelnde Kraken, lächelnde Zahnbürsten und strippende Würste selbst. Stofftiere machen Selbstporträts auf der Toilettenschüssel und Comic-Figuren knipsen ihr Selbstbild in den Glasfassaden der New Yorker Innenstadt.

Lars Denicke ist einer der Veranstalter des Design-Festivals. Persönlich findet er Selfies albern. "Ich habe nicht einmal ein Smartphone, das Bilder teilen kann." Er betont jedoch, dass die Aktion keine Kampagne gegen Selfies sein soll. Der Wettbewerb solle dazu führen, dass das Netzphänomen künstlerisch aufgearbeitet wird.

Allerdings wundert er sich darüber, dass die Hobbyfotografen die Macht über das Selbstbild nicht wirklich ausnutzen. Während früher ein teures Ölgemälde die einzige Möglichkeit war, sich selbst zu verewigen, könnten sich die Menschen heutzutage innerhalb von Sekunden ablichten und ein Millionenpublikum im Internet erreichen. "Erstaunlich ist, dass die Selfies dennoch alle gleich aussehen mit den vielen Duckfaces." Sein Rat: "Macht krassere Selfies!"



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3 Leserkommentare
Freewolfgang 28.02.2014
GoBenn 28.02.2014
flowrian 03.03.2014

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