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Semantic Web: Das Internet soll klüger werden

Von Helmut Merschmann

Deutsche Forscher basteln an einem besseren Internet. Das sogenannte semantische Web soll es leichter machen, Inhalte zu finden. Die Bundesregierung gibt Millionen dafür aus - die Idee an sich ist so alt wie das World Wide Web selbst.

Wer die Begriffsfolge "Umsatz von Siemens 2005 in Deutschland" in eine Suchmaschine eingibt, erhält alle möglichen Resultate. Bloß keine richtige Antwort auf seine ziemlich präzise gestellte Anfrage. Ob Altavista, Yahoo oder Google – keine der heutigen Suchmaschinen ist in der Lage, eine solche Suchanfrage zu "verstehen". Suchroboter reagieren auf versteckte Schlagwörter auf Webseiten, sogenannte Metadaten. Wenn sie die nicht finden oder nicht richtig einordnen und kombinieren können, kommt es zu "irrelevanten Ergebnissen" oder zu einem "zu umfangreichen Ergebnisraum". Darüber klagen unzufriedene Suchmaschinenbenutzer laut dem Marktforschungsunternehmen Jupiter Research am häufigsten.

Netzwerk: Allwissendes Orakel Internet?
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Netzwerk: Allwissendes Orakel Internet?

Von "Dr. Know", dem allwissenden Orakel aus Steven Spielbergs Film "A.I. (Artificial Intelligence)" ist die heutige Welt der Suchmaschinen noch weit entfernt. In dem Science-Fiction-Film brauchten die Protagonisten nur eine Frage zu stellen, und wenn "Dr. Know" nicht gleich eine Antwort parat hatte, fragten sie einfach noch mal nach und grenzten den Kontext der Frage immer weiter ein.

Etwas Ähnliches wird derzeit am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) entwickelt: Das Internet soll klüger werden. Zwar ist beim DFKI kein allmächtiger Zentralcomputer in Planung, der auf alle Fragen dieser Welt eine gute Antwort weiß. Doch mittels semantischer Beschreibungen sollen Computer in die Lage versetzt werden, Daten zu verstehen. Das Bundeswirtschaftsministerium hat dafür ein millionenschweres Forschungsprogramm aufgelegt, " Theseus" genannt, an dem sich neben dem DFKI weitere Firmen und Universitäten beteiligen.

Nur zwei Prozent Semantik

Die Idee des "semantischen Web" geht zurück auf Tim Berners-Lee, dem Erfinder des World Wide Web. Im Zentrum steht die Entwicklung von semantischen Technologien, mit deren Hilfe Computer die Inhalte von Musik, Bildern und Videos besser verarbeiten können sollen. Semantisch bedeutet, dass Inhalte nicht bloß eine Bedeutung haben, sondern auch in Beziehung zu anderen Bedeutungen stehen, somit hierarchische Klassen bilden oder sich gegenseitig ausschließen. Beispiel: Ein LKW ist ein Auto, aber weder PKW noch Geländewagen.

Solche semantischen Klassifizierungen werden als Metadaten den Inhalten beigefügt. Dafür sind die Web Ontology Language (OWL) sowie das Resource Description Framework (RDF) entwickelt worden, zwei maschinenlesbare Sprachen zur formalen Beschreibung von Multimedia-Inhalten. "Das heutige Web besteht nur zu einem oder zwei Prozent aus semantischen Beschreibungen", erklärt Wolfgang Wahlster, Computerwissenschaftler und Direktor des DFKI. "Wir stehen erst am Anfang."

Beispiel Reisevorbereitung: Wer eine Reise plant, muss bei der Buchung von Bahn- und Flugtickets sowie bei der Hotelreservierung jeweils Datum, Zielort, Personenangaben und die Bankverbindung eingegeben. "Diese Dienste gibt es heute schon", sagt Wahlster, "jedoch als einzelne Inseln. Im semantischen Web sind sie aus einem Guss." Das heißt, der Nutzer gibt künftig die gesamten Informationen nur einmal ein und bekommt vom Computer komplette Reisepakete zurück.

Wer sein Auto verkaufen will, muss dann nicht erst in der Schwacke-Liste nachschauen, was das Fahrzeug überhaupt Wert ist, danach alle Daten ein zweites Mal auf einer Verkaufsplattform eingeben und zusätzlich den Wagen bei Versicherung und Kfz-Behörde abmelden. Das erledigt der Computer in einem Arbeitsgang. Viele Geschäftsprozesse, man denke nur an die weltweite Logistik, würden sich vereinfachen. Aus diesem Grund engagieren sich Softwarehersteller wie SAP beim semantischen Web.

Semantik + Web 2.0 = Web 3.0

Das Problem ist nur: Wie bohrt man die 98 Prozent Webinhalte auf, die noch keine semantischen Beschreibungen aufweisen? Für neu erstellte Webseiten wird es spezielle Editoren geben, in die man semantische Tags eingibt - fertig. Doch was geschieht mit den Milliarden existierenden Seiten? Wolfgang Wahlster sieht zwei Möglichkeiten: Spezielle Software, die von Firmen wie Empolis oder Living E entwickelt wird, soll bestehende Webseiten automatisch in semantische verwandeln. Das sei der "Königsweg", sagt Wahlster, jedoch "nicht zu hundert Prozent zuverlässig".

Eine andere Möglichkeit ist die Nutzerpartizipation. Das Theseus-Programm will die Internet-Gemeinde auffordern, sich am "Rückwärts-Taggen" zu beteiligen. Laut Projektbeschreibung sollen Nutzer mit Hilfe eines semantischen Werkzeugkastens "selbst Inhalte, Regeln und Ordnungen erstellen und bearbeiten sowie multimediale Inhalte intelligent aufbereiten, sammeln und verknüpfen können". Man hofft wohl auf ein ähnliches Engagement wie bei Wikipedia und hat etwas vollmundig eine Formel aufgestellt: Semantik plus Partizipation ergibt das intelligente "Web 3.0".

Besonderes Augenmerk gilt dabei den verschiedenen Eingabemethoden. Beim semantischen Web sollen Informationen sowohl per Mobilgerät und Spracheingabe abgerufen werden können, als auch durch visuellen Input. Wer ein Filmplakat mit dem Handy abfotografiert und zusätzlich "Wo läuft dieser Film?" ins Mikro brüllt, soll in ferner Zukunft eine Liste mit nahegelegenen Kinos zurückbekommen. Und Geo-Tagging ist natürlich auch im Spiel - damit das Handy dann auch weiß, wo das nächste Kino zu finden ist.

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