Senator Hatchs Plan Selbstschussanlagen gegen Musik-Downloads

Frei nach dem Grundsatz "Wer mein Pferd stiehlt, wird erschossen" plädiert US-Senator Orrin Hatch für die Zerstörung von PCs in P2P-Netzen. Ist das Wirtschaftsförderung – oder Wahnsinn?


Homepage: Hatch nennt die Website sein "virtuelles Büro"

Homepage: Hatch nennt die Website sein "virtuelles Büro"

Utah ist ein hartes Pflaster. Der US-Bundesstaat ist im Sommer so etwas wie die Sahelzone Amerikas: heiß, trocken, unbarmherzig. Im Winter hingegen fegt der Eiswind durch die Gegend, von der es dort sehr viel gibt. Wer hier einst überleben wollte, musste aus hartem Holz geschnitzt sein.

Orrin Hatch, Vorsitzender des Rechtsauschusses des US-Senats und Delegierter für Utah, sieht gar nicht so aus. Ganz freundlich blickt er aus seinem "virtuellen Büro" hinaus in die Welt, erinnert mehr als nur ein wenig an den US-Komiker Ray Walston ("Mein Onkel vom Mars").

Doch Hatch ist kein Außerirdischer, sondern ein Hardliner. Der Republikaner weiß, was er mag, und er weiß, was er nicht mag. Dazu gehören diverse Formen des Diebstahls, die er grundsätzlich gern härter bestrafen würde. Als Freund der Rüstungsindustrie neigt er da zu finalen Lösungen. Schließlich war ihm, wie er es in seine Biographie hineinschreiben ließ, "schon in frühem Alter der Wert harter Arbeit gelehrt worden".

Was nicht heißen soll, dass Hatch eine Art Revolverheld wäre. Strafe, weiß der Senator, ist nur dann sinnvoll, wenn sie auch pädagogisch wirkt. Dazu muss der Mensch fühlen, die Strafe auch als solche wahrnehmen. Womit er ja recht hat: Was nützt es, einem Raubkopierer in einem P2P-Netzwerk eine Geldstrafe zu verpassen, wenn der einfach weitermacht und dabei mächtig Geld spart und Gesetze bricht? Da amortisiert sich die Strafe doch in Null-Komma-Nix.

Kein verbaler Amoklauf

Orrin Hatch hat da eine klare Meinung. In einer Sitzung des Senats-Rechtsausschusses zum Thema Copyright widersprach er dem als Experten geladenen Randy Saaf von der Firma MediaDefender, als dieser sagte: "Niemand ist daran interessiert, die Computer von irgendjemand zu zerstören"...

Weiter kam er nicht. "Ich bin daran interessiert", unterbrach Orrin Hatch bestimmt.

Das musste nicht nur er, das muss man überhaupt erklären.

Denn Hatch ist nicht nur Politiker, er ist auch Musiker. Stolze neun Alben hat er im Handel, vom besinnlichen "My God is Love" bis zum Mut machenden "How his Glory shines". Selbstbewusst und professionell verquickt er in seinen Hymnen aus tiefstem Herzen feierndes Christentum mit aus tiefstem Herzen gelebtem Patriotismus, denn schließlich ist Gott ja Amerikaner.

Wie auch immer: Auch in seinem ansehnlichen musikalischen Werk - das man sich im Web teils sogar anhören kann, wenn man will - beschäftigt sich Hatch mit den elementaren Fragen von Gut und Böse, Richtig und Falsch, Schuld und Sühne.

...sondern pädagogisches Konzept zum Wohle des Geschädigten

So ist der Einwurf des Christenmenschen auch durchaus nicht als Bösartigkeit zu werten. Die Zerstörung von Computern, erklärte der Senator, sei "vielleicht der einzige Weg, um jemandem die Bedeutung des Urheberrechtsschutzes deutlich zu machen".

Komponist mit klarer Linie: Patriotismus und Glaube gut gemischt

Komponist mit klarer Linie: Patriotismus und Glaube gut gemischt

Gut gedacht, denn schließlich geht es hier ja auch um komplexe juristische Fragen.

Schon in den siebziger Jahren hatte sich unter Pädagogen und Kinderpsychologen die Einsicht durchgesetzt, wie wichtig das Lernen am Modell, das sinnliche Erleben und das haptische Element für den Lernerfolg sind. Die von früheren Generationen (Hatch ist Jahrgang 1934) kolportierte Alltagsweisheit "Wer nicht hören will, muss fühlen!" wurde da wissenschaftlich abgesichert in einen völlig neuen Kontext gestellt.

Hatch liegt also durchaus richtig, wenn er glaubt, beispielsweise virtuelle Selbstschussanlagen (kleine PC-Killerprogramme)in P2P-Börsen könnten eine pädagogische bis abschreckende Wirkung entfalten. Er weiß sogar schon, wie man das regeln könnte: Hatch sagte, er könne sich eine Technik vorstellen, bei der der Computerbesitzer zweimal gewarnt wird, bevor sein Rechner unbrauchbar gemacht werde.

Das klingt fair

Erste Warnung: "Ping!" - beenden Sie bitte sofort ihre illegalen Downloads (hier Link zur Erklärung des Copyrights einfügen), oder Ihr Rechner wird desintegriert!

Zweite Warnung: "Ping!" - sofort ausloggen! Jeder weitere Download-Klick führt zur sofortigen Auslösung der virtuellen Selbstschussanlage! Ziehen Sie sich bitte umgehend aus der Gefahrenzone zurück, bevor Ihr Bildschirm implodiert! (Hier bitte Haftungs-Ausschlussklausel einfügen)

Das alles klingt nach einem guten Plan, der auch der darbenden IT-Wirtschaft eine auffrischende Nachfrage bescheren könnte. Wenn so etwas möglich wäre, sagte Hatch abschließend, wäre er interessiert, etwas darüber zu erfahren. Spätestens wenn es ein paar hunderttausend derartiger Fälle gebe, würden die Leute wohl begreifen, wie schwerwiegend ihre Tat sei.

Hatch wörtlich: "Es gibt für niemanden eine Entschuldigung, gegen Urheberrechte zu verstoßen".

Das allerdings müsste dann auch für ihn gelten: Nach den viel beachteten Äußerungen im Senatsausschuss besah sich das Internetmagazin "Wired" die Website des Senators einmal etwas genauer - und stolperte prompt über unlizensierte Software. Inzwischen hat Hatch da nachbessern lassen, bevor noch jemand auf die Schnappsidee kommt, ihm die Rechner zu sprengen.

Frank Patalong



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