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Sex-Start-ups: Geiler Gründen

Von Christian Fahrenbach, New York

Sex-Tech: Vibrator mit Fernsteuerung Fotos
Vibease

Der Trend "Sex-Tech" verbindet Elektronik und Erotik. Mit Gadgets, Apps und Netzwerken will eine neue Unternehmer-Generation in den USA ihre Kunden beglücken - und damit kräftig verdienen. Das Erfolgsrezept: endlich auch Frauen ernst nehmen.

Eigentlich ist Dema Tio Programmierer. Doch manchmal steht er auf einer Bühne und spricht vor Hunderten Zuhörern über den Orgasmus seiner Frau. Der 35-Jährige muss das in den vergangenen Jahren häufiger tun, denn er hat mit Vibease, einem per App fernsteuerbaren Mini-Vibrator, online Hunderttausende Dollar eingesammelt.

Der Weg dorthin war schwierig, doch jetzt ist der Asiate eine Gallionsfigur des "Sex-Tech", einer neuen Elektronik-Gründerwelle, die Erotik, Technik und Unternehmertum zusammenbringt - und für ein erfüllteres Sexleben von Frauen kämpft.

Vor fünf Jahren versetzte Dema Tios Firma ihn von Singapur nach Boston. Für sein Eheleben war das zunächst mal ein Problem. "Meine Frau und ich waren frisch verheiratet, da hatten wir jede Menge Energie", erzählt er. "Wir haben uns per Skype unterhalten, aber waren immer auf der Suche nach etwas, das mehr Intimität in Fernbeziehungen bringt."

Die beiden dachten zusammen über Vibratoren zur Lösung des Problems nach, aber fanden nur "absurde" Angebote in Sexshops und auf Porno-Webseiten. So kamen sie auf ihren eigenen Businessplan: Sie wollten einen Vibrator entwickeln, der dezent aussieht, unter der Kleidung getragen werden kann und per App von Tio in Boston aus fernsteuerbar ist, während seine Frau in Singapur steckt.

"Viele Leute haben über diese Idee gelacht", sagt Tio. Bei Gründer-Wettbewerben dachten einige, er erlaube sich einen Scherz. "Normalerweise stellen alle immer nur Software her. Wir wollten Hardware produzieren, das ist schon sehr viel schwieriger. Aber wenn es um Sex-Hardware geht, ist es nahezu unmöglich."

"Männer sind visuell, bei Frauen geht es um die Stimmung"

Mehr Akzeptanz kam schließlich durch die ernsthaftere Auseinandersetzung mit dem Thema. Das Vibease-Team sprach mit Frauenärzten und unzähligen Frauen über das Produkt. "Und wir haben viele Bücher über die Bedingungen für den weiblichen Orgasmus gelesen." Nach fast fünf Jahren Entwicklungsarbeit sieht Vibease nun aus wie eine kleine Banane.

Das lila- oder pinkfarbene Sex-Spielzeug wird per App gesteuert, Intensität und Takt der Vibrationen zeigt die App so ähnlich an wie ein Crosstrainer im Fitnessstudio das Gelände. Eine zweite Funktion erlaubt es, erotische Geschichten zu lesen, bei denen der Vibrator anspringt, sobald die Benutzerin auf ihrem Smartphone an die entsprechenden Stellen scrollt.

Vergangene Woche in New York haben die Zuschauer zunächst gelacht. Dort stand Tio beim "New York Tech Meetup" auf der Bühne, einer der größten Plattformen an der US-Ostküste für Start-ups im Technikbereich. Er war Teil eines eigens kuratierten "Sex-Tech"-Panels. Auf ihn folgte Colin Hodge, Entwickler von "Down", der neuen Version von "Bang with Friends".

Mit Hilfe der App können User ihre Freunde aus sozialen Netzwerken nach oben ("up") oder unten ("down") streichen, um zu zeigen, ob sie sie gerne flachlegen würden. Der Clou: Erst wenn der oder die andere Interesse bekundet, kann die Anbahnung weitergehen. Garniert ist das Ganze mit einem "Bangability Score", also etwa einem "Bumsbarkeitsindex", der aus Nachrichten, "Gefällt mir"-Bekundungen und einigen nicht näher beschriebenen Faktoren ermittelt wird.

"Es steckt eine Menge Geld in Sex-Tech"

Zu diesen Innovationen mag man stehen, wie man will. Doch Frauen wie Cindy Gallop sind bemüht, ihnen einen ernsthaften Rahmen zu geben. Gallop kuratiert Panels wie das in New York oder kämpft auf Netz-Events wie der Social Media Week für bessere Bedingungen der Sex-Tech-Industrie. Einer ihrer Gründe ist äußerst amerikanisch: "Es steckt eine Menge Geld in Sex-Tech."

Gallop sieht sich auch als Vorkämpferin für mehr Gleichberechtigung von Frauen im Sexleben. Sie betreibt Make Love not Porn, ein soziales Netzwerk, in dem Ottonormalverliebte ihre Alltags-Sex-Videos teilen können. Sie wolle Sex von den Klischees der Pornowelt befreien, sagt sie. Nicht alle Frauen seien im Schambereich rasiert, nicht allen gefalle es, wenn ihre Partner auf ihr Gesicht ejakulieren, heißt es auf der Seite. "Nirgendwo auf der Welt sind die Leute willens, so über Pornografie zu sprechen, wie sie es sollten", sagt Gallop. Würde mehr über Sex und Pornografie diskutiert, würden sich die Verhältnisse im Alltag vieler Frauen verbessern, hofft sie.

Mit Tio und Hodge teilt sie ein Problem. Denn obwohl die Sex-Tech-Start-ups gute Chancen auf hohe Gewinne hätten, gebe es noch häufig Probleme, sagt Gallop. "Wir können kein Geschäftskonto eröffnen, wir finden oft nicht einmal einen E-Mail-Anbieter." Zu häufig schlössen die Geschäftsbedingungen "Adult Content", also "Erwachsenenunterhaltung", aus. "Jedes Stückchen Infrastruktur, das ein normales Start-up bekommt, bekommen wir nicht."

Auch Dema Tio hatte bei der Entwicklung seines Vibrators Probleme in Sachen Finanzierung. "Wir sind auf Kickstarter zugegangen, aber die haben unser Angebot nicht zugelassen", sagt er über die bekannte Crowdfunding-Plattform. Sein Ansprechpartner dort habe ihm dann die Konkurrenz-Plattform Indiegogo empfohlen. Dort haben sie 130.000 eingesammelt. "Mit den Vorbestellungen stehen wir bei 300.000 Dollar", sagt er. "Das sind ziemlich viele Vibratoren."

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insgesamt 48 Beiträge
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1.
Steuerzahler0815 15.02.2014
Ich verstehe nicht wieso Christian Fahrenbach der Meinung ist dass diese Firma Frauen ernster nimmt als andere Firmen Die stellen ein Produkt her und wollen Geld verdienen so wie jede andere Firma auch Kein Mann würde auf die Idee kommen und sagen bspw ein Parfümhersteller diskriminiert Männer weil er nur Düfte für Frauen produziert
2. Gehören zum Sex nicht (mindestens) zwei?
oyophant 15.02.2014
Wann erscheint denn dann das Pendant für den Mann? Oder sollen wir uns das Teil auch irgendwo rein schieben?
3. Stereotype Medienwahrnehmung
gagamehl 15.02.2014
Es nervt einfach nur noch: Frauen sind halt immer Opfer - das halte ich im Kern für wirklich sexistisch. Endlich eine Firma, die "Frauen ernst nimmt"? Nee, andersherum: Ich wünschte mir einmal Medien und Firmen, die Männer wirklich mit IHREN Bedürfnissen ernstnähmen! Fahrenbach glaubt wohl, dass dies besonders kritischer Journalismus sei. Redigiert denn gar niemand mehr... Bitte 2 Euro ins Phrasenschwein...
4.
oljako 15.02.2014
Zitat von oyophantWann erscheint denn dann das Pendant für den Mann? Oder sollen wir uns das Teil auch irgendwo rein schieben?
mit "visuell" ist wohl gemeint, dass manN selbst hand anlegt, wenn das ding arbeitet. daher wohl auch der verweis auf den skypekontakt. die hand kann dann dahin wo es ihnen gefällt, denke ich. steht bestimmt auch in der anleitung, falls verwirrung herrschen sollte.
5.
Steuerzahler0815 15.02.2014
Zitat von oyophantWann erscheint denn dann das Pendant für den Mann? Oder sollen wir uns das Teil auch irgendwo rein schieben?
Männer werden eben ach Ansicht des Autors von dieser Firma nicht ernst genommen
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