Sexting: Zeigefreudige US-Teenager kassieren Kinderporno-Klagen

"Sexting" ist die neueste seltsame Blüte, die die digitale Kommunikationskultur gerade treibt: Angeblich fotografieren sich Massen amerikanischer Teenager nackt und verschicken die Fotos per SMS. Jetzt häufen sich Anzeigen wegen Besitz und Verbreitung von Kinderpornografie.

Die Vokabel ist neu, das Phänomen nicht: Schon seit einigen Jahren ist die Verbreitung nackter Tatsachen bis hin zu Gangbang-Partys unter Jugendlichen ein wachsendes Problem. Das aber hat sich in den USA in den vergangenen Monaten von Schmuddelecken des Internet, von ICQ-Chats und Messenging-Diensten auf einen neuen Verbreitungsweg verlagert: "Sexting" ist die Bezeichnung für die Unart, Nacktbilder von sich zu machen und diese per SMS zu verbreiten.

Erste Sexting-Studie: Die USA sind schockiert über das Ausmaß des Problems

Erste Sexting-Studie: Die USA sind schockiert über das Ausmaß des Problems

Glaubt man einer aktuellen Studie ( Download: pdf), haben bereits rund 20 Prozent aller US-Teenager Nacktbilder von sich über elektronische Medien versandt, berichteten am Donnerstag etliche US-Medien. Dafür, dass das Thema nun hochkocht, gibt es mehr als einen aktuellen Anlass: In mehreren US-Bundesstaaten wurden Teenager wegen des Besitzes oder der Verbreitung kinderpornografischer Inhalte angezeigt. Der jüngste von denen war bisher 13 Jahre alt: Bereits im Oktober wurde der Junge in Texas angezeigt, weil er Nacktbilder einer Freundin auf seinem Handy hatte.

Der aktuellste Fall sorgt nun für besondere Aufmerksamkeit: Drei Mädchen von 14 und 15 und drei Jungs von 16 und 17 Jahren stehen in Pennsylvania vor Gericht wegen Verbreitung und Besitz von Kinderpornografie. Die Mädchen hatten den Jungs Fotos von sich zugeschickt. Angezeigt wurden Senderinnen und Empfänger. Im Falle einer Verurteilung drohen allen empfindliche Strafen sowie die Eintragung in das Sexualstraftäterregister von Pennsylvania - auf Lebenszeit.

Ein Massenphänomen?

Die bisher jüngsten erfassten Täterinnen waren gerade 12 Jahre alt, doch das Thema beschränkt sich nicht auf Mädchen: Sexting beruht auf Foto-Tausch, fotografiert wird alles, was nackt und intim ist - von beiden Geschlechtern. Die Mädchen haben, wenn man den Zahlen der ersten Sexting-Studie "Sex and Tech survey" der National Campaign to Prevent Teen and Unplanned Pregnancy folgt, allerdings leicht die Nase vorn: Über 21 Prozent aller Mädchen sollen Sexting-aktiv sein, gegenüber 18 Prozent der Jungen.

Weil immer mehr Teenager wegen ihrer Nacktfotos erwischt werden, gibt es mittlerweile einen Trend, bei den Fotos die Gesichter wegzulassen. Soziologen bemühen sich um Erklärungen und finden verschiedene: Das Spektrum reicht von Mutproben über explizite Dating-Avancen, mit denen man quasi seine Vorzüge inseriert, bis hin zu gedankenlosen Partygags und Gruppendruck. Andere erklären das ganze als extreme Ausprägung einer überaus stark sexualisierten Jugendkultur. Seit es jedoch im Herbst 2008 zu einer angeblich durch Sexting ausgelösten versuchten Vergewaltigung kam, ist Sexting kein Doofe-Teenager-Thema mehr.

Jugend(un)kultur kollidiert mit Strafrecht

Sexting gewinnt mit solchen Nachrichten und der wachsenden Wahrnehmung, dass die Jungs und Mädchen tatsächlich kinderpornografisches Material produzieren und verbreiten, eine neue Brisanz. Es hört auf, als kuriose Marotte scheinbar hormonell enthirnter, unreifer Teenager wahrgenommen zu werden. In den US-Medien wird es zunehmend heiß diskutiert, seit Ende 2008 zwei Gruppen Cheerleaderinnen wegen Nacktfoto-Versands an ihre Mitschüler Schul-Suspendierungen kassierten. In einem Fall klagen die Eltern der Mädchen, die sich nackt fotografierten und die Fotos gleich an alle ihre Mitschüler verschickten, gegen die Schule.

So etwas wird selbst in den klagefreudigen USA als Kuriosität verbucht - Kinderpornografie aber ist eine andere Sache. Jetzt steht das Gefahrenpotential der seltsamen Unsitte im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Das liegt auch daran, dass sich die Verbreitungswege erweitern. Begonnen hat Sexting in regionalen Clustern: Fotografiert und verschickt wurde innerhalb von Freundeskreisen. Der Begriff Freundeskreis aber erfährt selbst eine massive Umdeutung, seit "Freund" jeder ist, der einmal eine Botschaft im Social-Network-Gästebuch hinterlassen hat. Immer mehr Sexting-Fotos finden so über erweiterte Freundes-Netzwerke den Weg vom Handy ins Internet - und da stehen sie nicht nur weltweit abrufbar, sondern auch potentiell für alle Zeiten.

Die Hauptgefahr: Strafverfolgung

Für die Verfasser der Studie ist das Thema vor allem eines, das nach pädagogischen Konsequenzen schreit: Sie knüpfen eine Aufklärungskampagne über die Risiken der Selbst-Exponierung via elektronischer Medien daran, die sich an Eltern und Teenager richtet. Für eine wachsende Zahl von Strafverfolgern ist das Thema dagegen vor allem ein rechtliches Problem, das nach Strafen verlangt.

Für J.D. Tuccille, Kommentator des "National Examiner", ist genau das der falsche Weg und die größte Gefahr: Die juristische Verfolgung habe das Potential, das Leben und die Zukunftsaussichten der betroffenen Teenager nachhaltig zu zerstören - bis hin zu den Möglichkeiten, seinen Wohnsitz frei zu wählen. Denn im Falle einer Verurteilung droht den Teenagern die Aufnahme in das Sexualstraftäterregister - im Extremfall nur, weil sie so dumm waren, sich selbst nackt zu fotografieren. Volljährig wäre das kein Problem, Minderjährig aber begründet es eine Straftat.

So peinlich Sexting für die betroffenen Teenager auch werden könne, so groß offensichtlich der Bedarf an Aufklärung und elterlicher Aussicht sei, läge die Hauptgefahr doch darin, dass die Teenager in die Mühlen der Justiz gerieten, meint darum Tuccille: "Gefährlich" sei eine passende Umschreibung dafür, "nicht gewalttätige Teenager mit überaktiven Hormonen zu verhaften und sie mit echten Kriminellen hinter Gitter zu bringen. Sie dann noch mit potentiell lebenslangen Konsequenzen zu bedrohen - das ist schlicht pervers."

Dass es wegen Sexting zu Verurteilungen kommt, ist trotzdem nicht unwahrscheinlich. Anfang Oktober bekannte sich ein fünfzehnjähriges Mädchen aus Ohio schuldig, kinderpornografische Fotos von sich selbst an ihren Freund geschickt zu haben. Das Urteil steht noch aus.

pat

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