Aufklärung im Netz "Die Jugendlichen gucken Pornos - oder in die Wikipedia"

Sexuelle Aufklärung findet zum großen Teil im Netz statt. Das bringt Probleme mit sich, erklären zwei Expertinnen auf der Konferenz re:publica. Denn den Angeboten fehlt etwas Entscheidendes.

Bloggerin Nhi Le
Tom Thiele

Bloggerin Nhi Le

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Im Internet gibt es Sex an jeder Ecke zu sehen - wo findet da klassische Aufklärung einen Platz?

Nhi Le: Es gibt schon mehrere Angebote, die sich explizit mit Themen wie Aufklärung und Verhütung befassen. Schließlich ist das Internet heute die erste Anlaufstelle für Jugendliche, wenn sie auf dem Gebiet Fragen haben. Zum Beispiel gibt es ein paar YouTube-Kanäle, aber auch Webauftritte der Pro Familia oder der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZGA). Und auch Dr. Sommer hat es mit uns ins Internet geschafft.

SPIEGEL ONLINE: Und, steuern Jugendliche überhaupt solche Informationsseiten an? Oder finden die gleich den Weg zu YouPorn?

Nhi Le: Die BZGA hat 2015 eine Studie zu dem Thema herausgebracht, da wurden junge Menschen zwischen 14 und 17 Jahren befragt. Man kann sagen: Die Jugendlichen gucken Pornos oder in die Wikipedia, wenn es um Sex geht. Unter den Jungen waren Pornos etwas weiter verbreitet als unter den Mädchen - aber jede zweite befragte Person gab an, sich in der Wikipedia zu informieren.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Na und? Sind sachliche Informationen wie die bei Wikipedia zur Aufklärung nicht geeignet?

Nhi Le: Doch klar, das ist völlig okay. Das Problem ist nur, dass man auf diesem Weg nur das findet, was man auch explizit sucht. Von vielen anderen Dingen erfährt man so womöglich gar nichts.

SPIEGEL ONLINE: Erfahren Jugendliche im Internet nicht wirklich alles irgendwie und irgendwo?

Nhi Le: Sie kommen vielleicht mit allen möglichen Dingen in Berührung, aber die Aufklärung dazu fehlt, das Erklären und die Übertragung auf das eigene Leben. Deshalb braucht es entsprechende Angebote, und zwar nicht nur für Jugendliche bei der Erstaufklärung, sondern auch für Erwachsene. Die gibt es auch - nur leider sind sie oft nicht gut genug.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Nhi Le: Einige Angebote, etwa auf YouTube oder Instagram, sind schlicht sexistisch und arbeiten auch mit sehr stereotypen Rollenbildern. Eine andere Sexualität als die zwischen einem Mann und einer Frau findet quasi nicht statt.

SPIEGEL ONLINE: Bei den offiziellen oder seriösen Angeboten wird es doch kaum sexistisch zugehen, oder?

Nhi Le: Nein. Die seriösen Angebote haben eher das Problem, dass der ganze Auftritt zu steril ist. Da wird dann ganz technisch zum Beispiel erklärt, wie man verhütet. Ich bin mir nicht sicher, ob das die Jugendlichen anspricht. In anderen Ländern, beispielsweise Großbritannien, gibt es Videoblogger, die das viel besser machen. Hinzu kommt, dass die qualitativ besseren Angebote nur umständlich zu finden sind.

SPIEGEL ONLINE: Was fehlt uns hier in Deutschland?

Nhi Le: Es geht bei der Aufklärung nicht nur um Bienchen und Blümchen oder darum, Stellungen und Verhütung zu erklären. All das sagt mir nichts über meinen eigenen Körper, mein eigenes Empfinden und Verlangen. In einem guten Aufklärungsangebot müsste es vielmehr auch um sexuelle Selbstbestimmung gehen und um Fragen wie die, was eigentlich Einvernehmlichkeit beim Sex bedeutet.

SPIEGEL ONLINE: Wer könnte so ein Angebot schaffen?

Nhi Le: Vielleicht könnte es so etwas von Behördenseite aus geben, vielleicht aber auch von Vereinen oder einfach von einem coolen Podcaster oder Blogger. Zwar gibt es mittlerweile viele, die "Sextipps" geben, aber es fehlt noch an einem Angebot, bei dem Jugendliche und Erwachsene auch etwas über ihren eigenen Umgang mit Sex lernen und zum Beispiel entscheiden lernen, was für sie selbst okay ist und was nicht. Nur so eine Aufklärung kann zu einer sexuellen Selbstbestimmung führen.



insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
Hermann1090 10.05.2017
1.
Vergleicht man dazu die statistischen Zahlen zu sexueller Orientierung/Präferenzen, so hat diese Art der Angebote und ihr Anteil am Gesamtangebot durchaus ihre Berechtigung ohne für sexuelle Minderheiten diskriminierend zu sein.
sarkasmis 10.05.2017
2. Expertin?
Darf ich fragen, was die Dame zur Expertin in Sachen Internetaufklärung macht, abgesehen davon, eine Studie gelesen zu haben und einen politischen Blog zu besitzen? Und was ist sexistisch, wenn Contentmacher auf heterosexuelles Publikum abzielen? 90 % der Leute sind eben heterosexuell. Wer neugierig auf was anderes ist, muss nur einen anderen Kanal anklicken oder einen anderen Suchbegriff eingeben. Gerade das ist doch das Schöne am Internet. Man muss nicht das sehen, was alle anderen auch sehen, sondern kann sich heraussuchen was einen interessiert.
langenscheidt 10.05.2017
3. Gibt es immer noch Leute...
... die glauben, kommende Generationen in Deutschland oder Europa klären sich nicht umfangreich auf? Dann glauben diese Leute, die meisten Kinder und Jugendlichen erklären sich Gefühle wie Liebe und Zuneigung über Pornos. Eigentlich haben in allen Generationen die Jugendlichen den Unterschied zwischen Porno, Sex und Liebe erkannt.
Actionscript 10.05.2017
4. Sex ist erleben, nicht surfen
Aufklärung im strengen Sinne sollte Verhütung neutral erklärt sein und bleiben, damit Kinder früh genug darüber Bescheid wissen. Es sollte auch Teil des Unterrichts in der Schule sein und bleiben. Das Internet sollte hier nur als Hilfsmittel dienen. Ansonsten muss jeder für sich erfahren, was Sex ist und wie es geht. Man braucht dazu keine Porno Filme gucken. Nur weil es das Internet gibt, muss es nicht auf allen Gebieten überlegen sein.
gehdoch 10.05.2017
5. @Langenscheid (Beitrag 3) - Sie unterschätzen das gewaltig
Der frei zugängliche Pornomarkt im Internet ist ein Problem! Ich bin 48 Jahre alt, kenne also noch eine Welt ohne Internet. Als ich Interesse an Brüsten entwickelte, war ich noch darauf angewiesen die Aufklärungsecke in der Bravo zu lesen, oder beim Friseur ganz verschämt in der "Neue Revue" oder der "Praline" zu blättern. Ganz zu schweigen von noch schwerer zugänglichen Teilen der weiblichen Anatomie. Heute ruft man Google auf und gibt "xxx" ein oder gleich "Gangbang" und ist mitten drin im absolut allerhärtesten Geschehen. So schnell können Sie gar nicht "Das passiert schon nicht" sagen, bis man zu Bildern und Videos gelangt, in denen drei oder vier Kerle mit einer Frau Dinge tun, die nun wirklich nichts mehr mit Liebe zu tun haben. Das kann Kinder erheblich traumatisieren und letztendlich auch schnell abstumpfen lassen. Es gibt genügend Schulen an denen man als junger Jugendlicher (Egal ob Mädchen oder Junge) ganz schnell out ist, wenn man noch nicht an einem solchen Gangbang teilgenommen hat. Was glauben Sie, was sich die Kids auf ihren Handys hin und herschicken? Meine Frau ist Leherin an einer solchen Schule, sie würden eh nicht glauben, was ich Ihnen hier alles erzählen könnte. Und oft genug werden Liebe oder überhaupt Gefühle im Keim erstickt hinter einer pseudo Normalität von reinen Sexpraktiken. Ihr Kind ist vernünftig erzogen und macht so etwas nicht? Wetten, dass es jemanden kennt, der jemanden kennt, der schon mal was auch immer gemacht/gesehen/gehört hat? Die Lösung dazu ist sicher nicht in einer Verteufelung des Internets oder der Pornoindustrie zu suchen, sie ist schlicht und ergreifend genau das nicht: Schlicht und ergreifend einfach. Man kann nur sein Bestes tun um seine Kinder (Meine Jungs sind 9 und 6) auf dem Weg in und durch die Pubertät zu begleiten, nicht als Aufpasser, sondern möglichst als Vertrauensperson und Ansprechpartner. DAS ist die wirkliche Herausforderung. Alles in Allem mache ich mir durchaus Sorgen deswegen.
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