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Facebook-Kritik: "Tagesschau" streitet mit ihren "lieben Fans"

Von und Hakan Tanriverdi

Berechtigte Kritik oder "Shitstorm"? Die "Tagesschau" kassierte im Netz wütende Kommentare: Über Proteste in Spanien werde nicht berichtet. Die Redaktion wehrte sich - und geriet in einen Kleinkrieg mit erbosten Facebook-Nutzern. Warum eigentlich?

Wortwolke aus Begriffen aus Facebook-Kommentaren: "Shitstorm" für die "Tagesschau"? Zur Großansicht
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Wortwolke aus Begriffen aus Facebook-Kommentaren: "Shitstorm" für die "Tagesschau"?

Hamburg - Journalisten, die für überregionale Medien arbeiten, kennen das. Da ruft ein erboster Leser/Hörer/Zuschauer an und verlangt wütend zu wissen, warum denn bitteschön über dieses oder jenes Ereignis nichts zu lesen/hören/sehen gewesen sei im eigenen Medium. Die Kollegen vom Ressort UniSPIEGEL bei SPIEGEL ONLINE kennen das beispielsweise von Studentendemonstrationen: Nicht immer wird berichtet, hinterher fragen Leser empört nach, wo denn die Berichterstattung bleibe, wenn in Universitätsstadt XY doch mindestens 500 Menschen auf der Straße gewesen seien, gegen Studiengebühren oder für mehr Master-Studienplätze. Redakteure entscheiden über die Nachrichtenrelevanz bestimmter Ereignisse nach bestimmten Kriterien. Nicht immer decken sich die mit denen des Publikums.

Das Phänomen ist nicht neu, aber das soziale Internet der Gegenwart hebt es auf eine andere Stufe. Ein aktuelles Beispiel erlebte in dieser Woche die Redaktion der ARD-"Tagesschau". Am 25. September gab es in der Innenstadt von Madrid Proteste gegen den Sparkurs der spanischen Regierung. Dabei gab es Zusammenstöße zwischen Demonstranten und der Polizei, Menschen wurden verletzt (SPIEGEL ONLINE berichtete). In der "Tagesschau" um 17.00 und um 20.00 Uhr kamen die Proteste nicht vor. Um 20.47 stellte ein Redaktionsmitglied einen Kommentar auf die Facebook-Seite der "Tagesschau": In Madrid fänden zurzeit Proteste statt, man werde auf Tagesschau.de bald darüber berichten, aber: "Wir bitten darum, den Shitstorm unter den anderen Threads zu beenden, vielen Dank!"

Was die Redaktion da "Shitstorm" nannte, ist heute nicht mehr nachzuvollziehen, denn die ersten Kommentare, die augenscheinlich aufgebrachte Nutzer unter anderen Nachrichtenthemen (Syrien-Konflikt, koreanisches Pop-Video) hinterlassen hatten, wurden vom Facebook-Betreuer der "Tagesschau" offenbar gelöscht. Man möge sich doch bitte an das gestellte Thema und die "Netiquette" halten, beschworen die Redakteure immer wieder die Kommentatoren.

"Im Fachjargon ist der Begriff nicht beleidigend"

Mit der Klassifikation der Kritik als "Shitstorm" und dem Löschen der Kommentare brachte die Redaktion ihre Kritiker jedoch erst richtig gegen sich auf. Unter der beschwörenden Ankündigung baldiger Berichterstattung liefen wieder über 1100 Kommentare auf. Mit unterschiedlichen Stoßrichtungen, aber einem klaren Konsens: Die "Tagesschau" versage bei ihrer Berichterstattung über die Ereignisse in Spanien.

Am darauffolgenden Mittwoch gegen 14.00 Uhr gab es einen neuerlichen Eintrag: Der zweite Chefredakteur von ARD aktuell, Thomas Hinrichs, bat um eine "angemessene" Diskussion und sprach wieder mehrfach von einem "Shitstorm", der über seine Redaktion hereingebrochen sei. Man habe am Mittwoch in der "Tagesschau" um 12.00 doch nun über die Proteste und die Ausschreitungen berichtet. Auch unter diesem Text liefen wieder über 1000 Kommentare auf, die wenigsten freundlich. Weiterhin wurde weitgehend hilflos moderiert, die "lieben Fans" sollten sich doch nicht aufregen, auch nicht über das Wort "Shitstorm": "Im Fachjargon ist der Begriff nicht beleidigend."

Kurz darauf wurde der Text von Hinrichs in erweiterter Form im Blog der "Tagesschau" veröffentlicht ("Wir schätzen sehr den konstruktiven Diskurs mit unseren Freundinnen und Freunden auf Facebook."). In einem "knochentrocken Abwägungsprozess" müsse die Redaktion nun mal entscheiden, welche Nachrichten man ins Programm nehme und welche nicht, von einem "Relevanzraster" war die Rede. Auch hier gab es nun teils wütende Kommentare, aber auch ermutigende Worte für die Redaktion.

Doch damit war die Sache nicht ausgestanden, die Kommentarflut riss nicht ab. Am Freitagnachmittag sah sich die Redaktion erneut genötigt, "zu unserer Spanien-Berichterstattung am Dienstag und zum 'Shitstorm'" Stellung zu nehmen. Man habe "niemanden beleidigen" wollen mit dem Begriff und mit den ursprünglich angegebenen Demonstrantenzahlen tatsächlich falsch gelegen - anfangs war von 3000, später dann von 10.000 Protestierenden die Rede. Was man aber nicht akzeptieren könne, sei "die Verhinderung der Diskussionen zu anderen wichtigen Themen durch massenhafte sachfremde Postings".

Aber was für Kommentare standen da eigentlich auf der Facebook-Seite von Deutschlands berühmtester Nachrichtensendung? Die häufigsten Kategorien:

  • Links zu anderen Livestreams, zu Bildern des Protests, gerne mit dem Hinweis, dass eindeutig mehr als 3000 Menschen zu sehen seien. Verbunden sind diese Kommentare oft mit dem Verweis, dass es in Zeiten von Facebook und Twitter ja glücklicherweise genügend Ausweichmöglichkeiten gebe.
  • Sehr häufig sind auch schlichte Aufforderungen, dass die "Tagesschau" endlich berichten solle ("Wo bleibt die Sondersendung?").
  • Viele Kommentatoren äußern Wut darüber, dass die "Tagesschau" legitime Kritik als "Shitstorm" bezeichne; eine Wut, die sich immer dann steigert, wenn sich Redakteure der "Tagesschau" in die Diskussion einmischen und ihre Kritiker wieder als "Fans" bezeichnen.
  • Die "Tagesschau" betreibe aktiv Zensur ("Propagandasender der deutschen Regierung"), schon die arabische Revolution habe die ARD "verpennt".

Ein großer Anteil der Kommentare stammt allerdings von Verschwörungstheoretikern sowohl aus dem extrem rechten wie auch dem extrem linken Lager. Da ist zum Beispiel ein einziger Teilnehmer, der gleich 43 Anmerkungen hinterlässt, und sich, seinen Facebook-Interessen zufolge, auch für Marihuana, Frieden in Syrien, bedingungsloses Grundeinkommen und Anti-Israel-Karikaturen interessiert. Oder der Kommentator, in dessen Facebook-Namen auch die Worte "DeutschesReichErwache" vorkommen, der von "Besatzerfernsehen" schwadroniert und gleich fünf bis sechs gleichgesinnte Freunde mitbringt. Und dann sind Menschen wie die Freunde der "Chemtrails"-Theorie, die nicht nur die "Tagesschau" für eine Propagandaveranstaltung halten, sondern auch Kondensstreifen am Himmel für gezielte chemische Kriegsführung gegen die deutsche Bevölkerung.

Mit anderen Worten: Die scheinbar zahlreichen, wütenden Kritiker der "Tagesschau" sind zum Teil irre Verschwörungstheoretiker, zum Teil aber auch ganz normale Zuschauer. Letztere fühlen offenbar eine Nähe zu den Demonstranten in Madrid, die ihnen das Gefühl gibt, die ehrwürdige "Tagesschau" lasse diese Protestierenden im Stich - so wie einst der lokale Demonstrant an seine Tageszeitung schrieb, um sich über ausbleibende Berichterstattung zu beschweren. Dank YouTube und Facebook, Twitter und UStream, nehmen Menschen in Tausenden Kilometern Entfernung auf neue Weise Anteil an Demonstrationen in Spanien oder Griechenland, Protesten in Tunesien oder Ägypten.

Das Internet verschiebt die alten Nachrichtenkriterien, denn im Angesicht von vor Ort gedrehten, privaten Handy-Videos von Polizeieinsätzen, von Gummigeschossen und Knüppelattacken sind beispielsweise Distanz und Nähe keine reine Frage der räumlichen Entfernung mehr - zumindest aus Sicht des Publikums. Für Journalisten ist diese erhöhte Anteilnahme eine gute Nachricht: Ein Publikum, das wütend Berichterstattung fordert, beweist seine Leidenschaft für das, was Journalisten tun.

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insgesamt 182 Beiträge
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1. Verschörungstheoretiker
megalomaniac 29.09.2012
Ok nun sind es schon alles Verschwörungstheoretiker die berechtigt kritik an der Berichterstattung der etablierten Medien aussprechen... Ich frage mich immer öfter warum ich überhaupt noch SPON lese.
2. Guter Artikel
DrErwin 29.09.2012
... nur der Schlußsatz: "Ein Publikum, das wütend Berichterstattung fordert, beweist seine Leidenschaft für das, was Journalisten tun." stimmt nicht. Es geht nicht darum, was Journalisten tun, sondern um die Informationen, die vermisst werden, weil sie ausgelassen, gefiltert oder zensiert werden.
3. Was erwarten Facebook-User von Regierungssendern ?
Gerdtrader50 29.09.2012
Alles, was nicht ins Bild passt, für die glorreiche Eurorettung, die fehlerhafte Wirtschafts- und Geldpolitik Merkels und Schäubles und in anderen Ländern Leute gegen die Polizei und ihre Regierung aufbringt und wo Demonstranten und Sicherheitskräfte Gewalt anwenden, dass passt nicht ins Deutsche Fernsehen. Geht doch den Regierenden in Germany die Muffe eins zu Tausend, dass der Theater hier auch losgeht, sobald das gemeine Volk die Statistiklügen über Konjunktur in der BRD durchschaut. Ein echtes Unheil, was die aus DDR-Kadern und einem Kohl fehlgeleitete Kanzlerin Deutschlands in Gesamteuropa anrichtet.
4. Für wen schreiben die denn?
olaguiar 29.09.2012
"Redakteure entscheiden über die Nachrichtenrelevanz bestimmter Ereignisse nach bestimmten Kriterien. Nicht immer decken sich die mit denen des Publikums." Für wen schreiben die denn, wenn nicht fürs Publikum? Oder handelt es sich dabei um pädagogisch-didaktische Zensur?
5.
forenuser 29.09.2012
Die ARD wurde also getrollt und nennt das Shitstorm. Aha. Wie immer bei Trollen gilt: Nicht füttern! Einfach aussitzen.
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