aus Las Vegas berichtet Uli Ries
Bei der Black-Hat-Konferenz im Casinohotel Caesars Palace in Las Vegas treffen sich einige tausend Menschen, die viel Zeit mit IT-Sicherheit verbringen. Deshalb ist das Publikum gemischt: steife Regierungsbeamte, alerte Manager und Rastazopf-bewehrte Netzaktivisten - alle sind vertreten. Entsprechend bunt ist auch die Themenmischung.
Es gab in diesem Jahr Vorträge über selbstgebastelte Drohnen, Sicherheitslücken in SAP-Systemen, De-Anonymisierung per Gesichtserkennung und Facebooks Datenbank, mögliche Bugs in Adobes "Reader X", die Standhaftigkeit von Mac OS X bei professionellen Cyber-Attacken, aus der Ferne manipulierbare Insulinpumpen oder Experimente mit den Sicherheitschips, die auf Kreditkarten, Sim-Karten sowie dem neuen Personalausweis untergebracht sind.
Auch wenn einige Vortragsthemen vielleicht etwas abgehoben erscheinen - sie dürften in kurzer Zeit relevant werden. Davon ist der Konferenzgründer Jeff Moss überzeugt: "Die Sprecher bei Black Hat und Defcon sind wie eine Kristallkugel. Sie sagen durch ihre Arbeit die Dinge voraus, die in sechs oder zwölf Monaten die ganze Industrie oder alle Internetnutzer betreffen werden. Dass dem so ist, dafür gab es in den vergangenen 15 Jahren reichlich Belege."
Hacker fürchten um die Smartphone-Sicherheit
Zwei Themenkreise stachen auf der Black Hat in Las Vegas hervor: Die Sicherheit von Smartphones und die von kritischer Infrastruktur. Letzteres ist seit dem Super-Wurm Stuxnet ein Dauerbrennerthema und die präsentierten Entdeckungen entsprechend besorgniserregend. Ersteres betrifft angesichts des Verkaufserfolgs von Apples iPhone oder der auf Googles Android-System basierenden Modellen ebenfalls viele Millionen Menschen weltweit - wenngleich Bugs in Smartphones sicherlich weniger fatale Folgen haben als Ausfälle in Kraftwerken oder Pipelines.
Dennoch müssen die multifunktionalen Mobiltelefone ordentlich abgesichert werden. Schließlich dienen sie schon heute als Werkzeug zum Online-Shopping und -Banking sowie in nicht allzu ferner Zukunft als Zahlungsmittel. Schadsoftware hätte ohne Schutzmaßnahmen leichtes Spiel, in Transaktionen einzugreifen. Für wie relevant der digitale Untergrund die schlauen Telefone hält, untermauert die Aussage des Sicherheitsexperten Kyle Osborn. Er berichtete, dass Informationen über Smartphone-Schwachstellen auf dem Online-Schwarzmarkt bis zu 30 Prozent mehr einbringen als Bugs in PC-Anwendungen.
Googles Web Store als mögliches Einfallstor für Schadcode
Osborne hat gemeinsam mit seinem Kollegen Matt Johansen Googles Chrome OS im Auftrag des Internetkonzerns unter die Lupe genommen. Das für ultramobile Notebooks wie das Chromebook konzipierte Betriebssystem kommt ohne lokal installierte Anwendungen aus. Fehlt eine Funktion, wird diese per Browser-Erweiterung hinzugefügt. Und genau da sehen die Experten ein riesiges Sicherheitsloch: Google prüft keine der Extensions, bevor diese in den Chrome Web Store aufgenommen werden.
So ist es für Kriminelle ein Leichtes, eine bösartig modifizierte und nur auf den ersten Blick harmlose Anwendung oder ein Spiel über den Web Store zu verteilen. Die Anwender installieren die Extension im guten Glauben. De facto infizieren sie aber ihr System. Vom gleichen Problem ist auch Googles Android-App-Market geplagt. Zahlreiche Untersuchungen, darunter eine aktuelle von Lookout Software, belegen, dass sich Schadsoftware beinahe ausschließlich über die App-Sammlungen verbreitet.
Infizierte Websites knacken unsichere Browser-Erweiterungen
Johansen und Osborne demonstrierten auch, welche Gefahr von legitimen, aber schludrig programmierten Extensions ausgeht. Eine bösartige Website kann die fehlerhafte Erweiterung - die Rede war beispielsweise von einem weitverbreiteten RSS-Reader - zum Steigbügelhalter machen und mit deren Hilfe beispielsweise das Adressbuch des Nutzers auslesen oder sogar dessen Sitzung bei Facebook oder dem Webmail-Konto übernehmen.
Diese Art von Angriffen, Cross Site Scripting (XSS) genannt, war bislang nur auf einzelnen, fehlerhaften Web-Seiten möglich. Der Aufbau von Chrome hingegen erlaubt Datenklau im größeren Ausmaß. Wobei Google hier die Hände gebunden sind. Die Verantwortung liegt einzig beim Entwickler der Chrome-Erweiterung.
Apples iPhone wurde hingegen ein gutes Zeugnis ausgestellt. Der Mac-Experte Dino Dai Zovi beschrieb die vorhandenen Sicherheitsmechanismen ausführlich und kam zu dem Fazit, dass Malware-Attacken auf Apples Smartphone nur mit immensem Aufwand zu stemmen sind. Das iPhone sei im - die Freiheit der Nutzer sehr einschränkenden - Originalzustand vergleichsweise sicher. Wenn Besitzer das Smartphone aber per Jailbreak von Apples Restriktionen befreien, sieht die Sache anders aus: "Nach dem Jailbreak ist das iPhone nur noch so sicher wie Google Android. Wer den Jailbreak in Betracht zieht, sollte sich besser gleich ein Android-Gerät kaufen", sagte Dai Zovi in seinem Vortrag.
Absolut ist diese Sicherheit aber nicht: Im Juli warnte zum Beispiel das deutsche Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) vor kritischen Lücken im PDF-Modul des Apple-Betriebssystems iOS 4. Bereits das Anklicken eines manipulierten PDF-Dokuments oder der Aufruf einer Website mit eingebundenen, präparierten PDF-Dokumenten reiche aus, um iOS-Geräte wie das iPhone 4 oder das iPad 2 mit Schadsoftware zu infizieren, hieß es damals. Mögliche Angriffsszenarien für Cyber-Kriminelle laut BSI: Zugriff auf eingebaute Kameras, Abhören von Telefongesprächen, Ortung des Geräts, Auslesen vertraulicher Informationen (Passworte, Online-Banking-Daten, Terminkalender, E-Mails). Mittlerweile hat Apple diese Lücke mit einem Update geschlossen.
Negativ-Preis für Sony
Eine Institution während der Black Hat sind die Pwnie-Awards, eine Hacker-Preisverleihung. Das Wort "Pwnie" klingt ausgesprochen wie "Pony" und ist an das im Hacker-Slang verbreitete "pwn" angelegt, also "übernehmen", "unter Kontrolle bringen". Prämiert und mit kitschigen Ponys als Preis belohnt wurden die kompliziertesten Hacks des Jahres in verschiedenen Kategorien.
Aber es gab auch Pwnies für Unternehmen, die entweder im Problemfall grottenschlecht kommuniziert haben (Preisträger: RSA Security) oder einfach auf ganzer Linie versagten. Für diese Auszeichnung wurde der von zahlreichen Hacks überrannte Elektronikkonzern Sony gleich fünfmal nominiert und blieb damit einziger Kandidat - und somit Preisträger - in der Kategorie "Most Epic Fail".
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