Sicherheitskonferenz Black Hat Wo Hacker und Firmen Frieden schließen

Keine Angst, die Welt geht nicht unter, auch wenn manch ein Sprecher auf der Black-Hat-Sicherheitskonferenz schlimme Vorahnungen hat. Zwischen Touristen und einarmigen Banditen tauschen Hacker und Firmenvertreter friedlich Erkenntnisse über neue Sicherheitslücken aus.

Symbol der Sicherheitskonferenz: Der schwarze Hut im Casinohotel Caesars Palace
Judith Horchert

Symbol der Sicherheitskonferenz: Der schwarze Hut im Casinohotel Caesars Palace

Aus Las Vegas berichtet


Im Erdgeschoss ist nicht zu ahnen, dass im zweiten Stock gerade systematisch Angst verbreitet wird. Im Mega-Hotel Caesars Palace dudeln und blinken die Spielautomaten, aus den Lautsprechern plätschert gefällige Musik, Geschäfte und Restaurants öffnen, Touristen flanieren. Eine der Statuen, die als Dekoration dienen, trägt zwar einen schwarzen Hut, bedrohlich wirkt das aber gar nicht.

Doch im Konferenzzentrum des Hotels, in dem abseits vom Publikumsverkehr die Sicherheitskonferenz Black Hat stattfindet, und wo als Keynote-Sprecher gerade Shawn Henry auf der Bühne steht, wird Alarm geschlagen.

"Cyberattacken sind die größte Bedrohung für unsere Gesellschaft", sagt der Redner, und wie man mit Bedrohungen am besten umgeht, habe er in 24 Jahren beim FBI gelernt. "Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen der realen und der digitalen Welt", sagt er, also müsse man für diesen Kampf nicht neue Strategien finden, sondern könne auf bewährte Methoden zurückgreifen. Henry gestikuliert, schreitet die Bühne ab, steht keine Minute still: "Mit Laptop und Internetanschluss kann jeder von überall aus der Welt eine Regierung oder eine Firma angreifen", sagt er, und für eine Firma könne so ein Angriff den Ruin bedeuten. Die Bedrohung lauere überall, was also tun?

"Wir müssen unsere Feinde kennen", sagt er, und das am besten schon, bevor sie angreifen. Wie im realen Leben sei es auch im digitalen unmöglich, alles sicher abzuriegeln, sei es nun mit einem Zaun oder mit einer Firewall. "Sie springen über den Zaun, und dann sind sie drin." Sie, das sind die Angreifer. Deshalb, so rät er seinem Publikum: "Handelt proaktiv statt reaktiv!" Man müsse vorbeugen und potentielle Angriffe schon verhindern, bevor sie passieren. Denn dann sei es meist zu spät und der Feind sei im Vorteil.

Welcher Feind? Das eben gelte es, so früh wie möglich herauszufinden. Henry nennt ein Beispiel, das meistens zieht: "Es gibt Terroristengruppen, die dazu aufrufen, Cyberwaffen zu nutzen." Zum ersten Mal in der Geschichte stünden Zivilisten an der Front, und zwar jeden Tag.

Tipps, wie man Googles Sicherheit umgehen kann

Der Saal ist voll. Mehr als 6500 Sicherheitsspezialisten, Computerfachleute und Sponsoren nehmen an der Black-Hat-Sicherheitskonferenz teil, Henrys Vortrag ist der Auftakt, den wollen viele sehen.

Zwar erntet er bei einigen Zuhörern ein Stirnrunzeln, aber die flammende Rede wird mit viel Applaus belohnt. "Na ja, die Rhetorik war nicht so mein Fall. Aber im Prinzip hat er ja recht: Man darf sich niemals zurücklehnen", kommentiert Konferenzbesucher Ian Trump das Gesehene. Und deshalb sei man ja eigentlich hier: um sich gegen Bequemlichkeit und nachlassende Wachsamkeit zu wappnen.

In Vorträgen und Workshops halten sich die Spezialisten gegenseitig auf dem Laufenden, wo eine Sicherheitslücke lauert - und das pro Tag in neun Spezialgebieten, von neuen Schutzmechanismen über Malware bis hin zu Mobile Security. Zum diesem Thema beispielsweise erklären Nicholas Percoco und Sean Schulte, wie sie den Google-Türsteher Google Bouncer erfolgreich umgingen, der Malware aus dem Google Play Store fern halten soll. Sie schrieben eine SMS-Blocker-App, die als Malware zunächst keine Chance hatte, am Bouncer vorbeizukommen. Mit einem legitimen Mittel aber, der sogenannten Javascript Bridge, konnten sie der App nachträglich zusätzliche Features hinzufügen, in diesem Fall die von Google unerwünschten.

Facebook zum Beispiel benutze dieses Werkzeug zu lauteren Zwecken, "und was für Facebook funktioniert, funktioniert für uns auch", sagt Schulte - auch mit unlauteren Absichten. So schafften sie es letztendlich, eine App im Play Store zu platzieren, die SMS, Kontaktdaten, Anruflisten und Fotos des betroffenen Nutzers stehlen kann. Damit aber niemand versehentlich die maliziöse App kauft und zu Schaden kommt, haben Percoco und Schulte sie nicht nur für Nutzer uninteressant, sondern auch exorbitant teuer gemacht. Auch wisse Google selbstredend seit Monaten über das Projekt Bescheid.

Nicht immer geht die Welt gleich unter

Dass Firmen und Hacker offenbar so friedvoll kommunizieren, enttäuscht manchen Journalisten. "Wenn alle Fehler schon gefunden sind und alle Firmen informiert, wo ist dann die Geschichte?", mault ein amerikanischer Kollege nach der Pressekonferenz mit Don C. Weber, der sich mit intelligenten Stromzählern auseinandergesetzt hat und den Fragen der Journalisten ausweicht.

Die Unterscheidung zwischen Freund und Feind ist eben keineswegs so einfach, wie es in der Keynote für manchen vielleicht klang. Die Zeiten, in denen sich Vortragende noch auf der Bühne verhaften lassen mussten, scheinen jedenfalls vorbei. Stattdessen beteiligen sich immer mehr Firmen aktiv an der Fachkonferenz. In diesem Jahr lässt sich sogar Apple zum ersten Mal blicken; bisher hatte der Konzern der Black Hat wenig Beachtung geschenkt. Doch der Auftritt von Appple-Manager Dallas De Atley am zweiten Vortragstag muss nicht unbedingt spannend werden, warnen Experten vorweg. Viele erwarten, dass hauptsächlich Bekanntes wiederholt wird.

"Tja, die Journalisten hätten bei so einer Konferenz immer gern, dass gleich die Welt untergeht", lästert ein Konferenzbesucher, "aber manchmal tut sie es eben einfach nicht." Und das, obwohl sie doch so bedroht ist.



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