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Sicherheitsleck: Tausende CIA-Mitarbeiter enttarnt

Desaster für den US-Geheimdienst: Mit völlig legalen Online-Recherchen konnte die "Chicago Tribune" Tausende Angestellte, geheime Trainingslager und die berüchtigten Flugzeuge der CIA identifizieren. Der Dienst gestand ein, dass die Zeitung etliche verdeckt operierende Agenten enttarnte.

Chicago - "Scoop" nennt man das, wenn einem Medium exklusiv und vor allen anderen die Veröffentlichung einer brisanten Nachricht gelingt. Einen Scoop der Extraklasse landete am Wochenende die "Chicago Tribune" mit einer Enthüllungsgeschichte im Sinne des Wortes: Das Blatt konnte berichten, im Rahmen eines Experimentes über 2600 CIA-Agenten, Scheinfirmen, Flugzeuge und rund zwei Dutzend Standorte des Geheimdienstes enttarnt zu haben. Und das alles mit völlig legalen, jedem zugänglichen Mitteln.

US-Präsident George W. Bush (r.) mit CIA-Chef Porter Goss: Die "Intelligence Agency" durch intelligente Web-Recherche enttarnt
AP

US-Präsident George W. Bush (r.) mit CIA-Chef Porter Goss: Die "Intelligence Agency" durch intelligente Web-Recherche enttarnt

Zu denen zählten laut Bericht "Telefoninformationen, Dokumente über Immobilienverkäufe Wahlregistereinträge, Gerichtsurteile, Grundsteuerbescheide, Offenbarungseide, Handelsregistereinträge und ähnliches". Das alles konnten die Reporter des Blattes entweder per Internet aus öffentlich zugänglichen Quellen abrufen, oder aber über professionelle Datenbankunternehmen erwerben. Für sich genommen, erklärt das Blatt die Methodik, seien diese isolierten Daten zwar wenig aussagekräftig und - da über "Hunderte von Büchereien, Rathäuser und Gerichte im ganzen Land verteilt" - auch nur ein "geringes Risiko für die Privatsphäre". Mit "Datamining"-Methoden zueinander in Beziehung gesetzt und analysiert aber würden sie zu einem "gefährlichen Instrument in den falschen Händen".

Geballte Datenmacht

Die genaue Vorgehensweise verraten die Reporter darum so wenig, wie sie Namen von Agenten, Tarnfirmen oder Standorten offen legen. Fast beiläufig nur fallen hier Namen wie Google als kraftvolle Web-Recherchequelle oder Lexis-Nexis als größter kommerzieller Datenbankbetreiber der Welt.

An dem ist bei elektronischen Datenbankrecherchen kaum  vorbeizukommen. Lexis indexiert nach eigenen Angaben über fünf Milliarden Dokumente und macht die Inhalte von rund 32.000 Publikationen zugänglich.

Eine geballte Datenmacht, die es in Kombination mit Informationen aus öffentlich zugänglichen Quellen, Lokalisierungs- und Routing-Services, elektronischen Telefonbüchern und Searchengines erlaubt, auch verdeckte Identitäten durch die Feststellung von biografischen Brüchen und Unregelmäßigkeiten offen zu legen. Vor der Veröffentlichung informierte die "Tribune" die CIA und legte den Geheimen die Ergebnisse der Recherchen vor.

Die zeigten sich beeindruckt. "Tarnung ist immer wieder ein Thema; wir bemühen uns immer wieder darum, sie zu verbessern", sagte CIA-Sprecher Tom Crispell der Nachrichtenagentur AP. Die Chefsprecherin der CIA, Jennifer Dyck, räumte in der "Chicago Tribune" ein, dass die Tarnung in Zeiten des Internets schwieriger geworden sei. "Dinge, die früher funktionierten, sind heute nicht mehr möglich."

Inzwischen, berichtet die "Tribune" weiter, arbeite die CIA an Strategien, die aufgezeigten Sicherheitslecks zu kitten. Einfach, argumentieren von dem Blatt befragte Experte, werde das nicht: Genügte es früher, einen verdeckt arbeitenden Agenten mit einer "Legende" auszustatten", sei diese heute oft schon durch eine Namenssuche per Searchengine ("googeln") zu entzaubern. Tarnpersönlichkeiten müssten darum künftig schon ganz am Beginn einer Agentenkarriere angelegt werden, um sie bei Bedarf einsetzen zu können.

Firmensterben im CIA-Reich

Seit Vorlage der Rechercheergebnisse, berichtet die "Tribune", habe ein kleines Firmensterben begonnen: Immer mehr der enttarnten Scheinfirmen verschwänden einfach.

Nicht alle der 2653 CIA-Beschäftigten, die die Zeitung ermittelt hatte, arbeiten verdeckt. Einige sind bekannt ranghohe Mitarbeiter oder Berater, so wie der frühere CIA-Direktor George Tenet. Der Zeitung zufolge räumte die CIA aber ein, dass auch einige verdeckte Mitarbeiter darunter seien. Die Zeitung konnte auch zwei Dutzend CIA-Einrichtungen in mehreren US-Staaten lokalisieren.

Eine ist das legendäre CIA-Trainingslager "The Farm" in Virginia, dessen Existenz über Jahrzehnte geheim gehalten wurde. Mit erschreckender Leichtigkeit sei es gelungen, 26 örtliche Angestellte zu ermitteln, zum Teil mit Privatadressen, die die Zeitung der CIA in Kombination mit Ausdrucken von Straßenkarten und Satellitenbildern der betreffenden Orte übergab. Über die "Farm" gelang auch die Identifizierung von 17 Flugzeugen, die die dortigen Anlagen genutzt haben sollen. Mit einigen dieser Maschinen sollen mutmaßliche Terroristen transportiert worden sein, von denen einige nachher aussagten, sie seien gefoltert worden, berichtet die "Tribune".

pat/AP

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