Autos der Zukunft Unheimlich schlau

Im Silicon Valley entwickelt Mercedes-Benz gemeinsam mit Tech-Konzernen das Auto der Zukunft. Doch wie lange wird die Autoindustrie die Kontrolle über die fahrenden Computer behalten?

Norbert von der Groeben

Eine Kolumne von


An dieser Stelle berichtet SPIEGEL-Korrespondent Thomas Schulz in einer wöchentlichen Kolumne aus dem Silicon Valley und blickt hinter die Kulissen der digitalen Revolution, die rund um die Welt Gesellschaft und Wirtschaft verändert.

Vor wenigen Monaten hat Mercedes-Benz ein neues Forschungs- und Entwicklungszentrum eingeweiht, das die Zukunft des Autobauers langfristig sichern und die Traditionsmarke bei jungen Käufern beliebter machen soll. Es steht nicht in Sindelfingen, sondern in Sunnyvale, Kalifornien. Das Hauptquartier von Apple ist nur zehn Minuten entfernt, die Yahoo-Zentrale liegt noch näher.

Wer den Glasbau betritt, vorbei an einem drei Meter hohen Mercedes-Stern, bekommt noch in der Eingangslobby die Zukunft des Autos präsentiert, wie Mercedes sie sich erträumt. Sie trägt den etwas sperrigen Namen "Dynamic and Intuitive Control Experience" und sieht so aus: Die ganze Windschutzscheibe ist ein einziges großes Display für Augmented Reality. Wer zum Beispiel an einem Museum vorbeifährt, bekommt beim Blick aus dem Fenster gleich dazu eingespielt, welche Ausstellungen hier gerade laufen. Gesteuert wird das ganze über Gesten und Sprache.

Noch ist diese Zukunft einige Jahre entfernt, sagen die Mercedes-Leute. Aber klar ist schon jetzt: Das Auto wird immer mehr zum fahrenden Computer.

Wer sich künftig gegen die Konkurrenz in der Oberklasse behaupten will, der müsse wissen, wie sich das digitale Leben der Kunden ins Auto übertragen lässt, betonten die Ingenieure. Immer mehr werden die Armaturenbretter deswegen von großen Bildschirmen dominiert, von aufwendigen Infotainment-Zentralen, vernetzt mit der Online-Welt.

In einer Garage im Erdgeschoss des Forschungszentrums steht ein halbes Dutzend Testwagen, vollgestopft mit Elektronik und Messgeräten, mit denen die Mercedes-Techniker die digitale Zukunft des Autos erproben. Eine schwarze S-Klasse ist mit aufwendigen Radar- und Kamerasystemen zum "autonomen Fahren" hochgerüstet: die Antwort von Mercedes auf Googles selbststeuerndes Auto.

Die Navigationsdaten werden auf Google Glass übertragen

Mercedes hat bereits 1995 einen ersten kleinen Valley-Außenposten eröffnet. Heute arbeiten 150 Programmierer, Designer und Ingenieure in Sunnyvale daran, Bordcomputer und Smartphone immer enger zu verbinden. Schon jetzt können die Fahrzeugsysteme unter anderem Twitter-Nachrichten vorlesen, Internetradio-Stationen abspielen, Kalendertermine anzeigen und Google Street View in der Navigationsansicht aufrufen.

Nun arbeiten die Ingenieure daran, den Bordcomputer auch mit der nächsten Generation mobiler Computer zu verbinden: Smartwatches und Datenbrillen wie Google Glass. Wer etwa weit entfernt von seinem per Navigation gesuchten Ziel parken muss, kann seine Zielführung anschließend auch zu Fuß fortsetzen. Die Navigationsdaten werden automatisch auf die Brille oder auf die Smartwatch übertragen.

"Letztlich geht es um alles, was dem Autofahrer das Leben leichter macht", sagt Matthias Schneider, Abteilungsleiter für Software-Entwicklung. Er klingt wie ein Google-Ingenieur, wenn er sagt: "User Interface und User Experience verschmelzen zunehmend miteinander."

Tatsächlich pflegen die Mercedes-Leute eine enge Beziehung zu den benachbarten Tech-Konzernen. "Das ist der große Vorteil dieses Standortes", sagt Schneider. "In Sindelfingen kann man nicht einfach mal rüber zu Facebook gehen, um über App-Entwicklungen zu sprechen."

Zurzeit sind vor allem Apple-Ingenieure bei Mercedes zu Gast, mitunter wochenlang. Ein Techniker demonstriert, woran die beiden Firmen gemeinsam arbeiten. In einer schwarzen C-Klasse, aufgemotzt von AMG, steckt neben der Schaltung ein iPhone in einem weißen Ständer. Auf dem Bordcomputer-Display erscheinen Symbole nicht im Mercedes-Design, sondern in Apple-Optik. Er fragt die iPhone-Sprachsteuerung: "Wo finde ich ein italienisches Restaurant?" Auf dem Display erscheint eine Auswahl samt Bewertungen. Das Ziel wird in die Navigation übertragen. Car Play nennt Apple das. Bislang funktioniert es allerdings nur mäßig, vor allem die Sprachsteuerung Siri hakt.

Mercedes hatte sich zunächst darauf konzentriert, seine Fahrzeuge ausschließlich mit dem iPhone zu vernetzen. Inzwischen sucht der Konzern aber auch die Nähe zu Google. Im Sommer wird es auch eine Android-App geben.

Die erforderliche Software wird immer komplexer

Künftig sollen die Auto-Infotainment-Systeme grundsätzlich so weitgehend wie möglich durch alle möglichen Smartphones ergänzt werden können, um schneller auf technologische Sprünge zu reagieren. Denn was im Auto fest verbaut wird, ist schnell überholt. "Es ist wichtig, die Halbleiterzyklen von den Fahrzeugzyklen zu entkoppeln", sagt Schneider. Die Entwicklung neuer Automodelle dauert oft noch über sechs Jahre, Sprünge in der digitalen Welt gibt es wenigstens alle sechs Monate.

Wird es dann überhaupt noch teure, selbst entwickelte Infotainment-Bordcomputer geben, wenn immer leistungsstärkere Smartphones letztlich fast das Gleiche können? Die Mercedes-Ingenieure betonen, dass die festinstallierten hauseigenen Systeme stabiler und besser auf das Auto abgestimmt seien. Und dass man vor allem bei so wichtigen Fragen wie Verkehrssicherheit und Ablenkung des Fahrers lieber selbst die Kontrolle behalte.

Die erforderliche Software wird jedoch immer komplexer. Und die Tech-Konzerne haben das vernetzte Auto längst als potentiell riesigen Markt entdeckt. Nicht nur Apple, auch Google und andere arbeiten an einem übergreifenden Betriebssystem für den Bordcomputer. Die Autokonzerne haben zwar großen Vorsprung und jahrzehntelange Erfahrung. Aber die Softwarekonzerne haben die Programmierer, die größere Expertise und Hunderte Millionen Kunden, die ihre Benutzeroberfläche kennen.

Insofern stehen die Chancen nicht schlecht, dass in einigen Jahren immer mehr Fahrzeugsysteme von Android Car, Windows Car oder Car Play betrieben werden. Schon bald sollen nicht nur PC und Smartphone, sondern auch Haus und Auto von einem vernetzten, übergreifenden Betriebssystem gesteuert werden. So wollen es die Tech-Konzerne. Die Frage ist, ob auch wir das wollen.

Zum Autor
  • Sarah Girner
    Thomas Schulz ist USA-Korrespondent des SPIEGEL, zunächst vier Jahre in New York, jetzt in San Francisco. Fulbright-Stipendiat, Forschungssemester in Harvard. Erlebte Aufstieg und Fall der New Economy bei einem Frankfurter Internet-Start-up. Seit 2001 beim SPIEGEL. Ausgezeichnet mit dem Henri-Nannen-Preis, Holtzbrinck-Preis für Wirtschaftspublizistik, Reporter des Jahres.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 72 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
arctic_girl 12.04.2014
1. OK, dies will ich: oder nicht:
Ich will ESP, ABS und ähnliche, unauffällig funktionierende Systeme, die der Sicherheit dienen und mich nicht gängeln. Ich will lieber ein etwas einfacheres Auto, wo ich ungestresst von A nach B komme, dafür PREISWERTER. Ich lebe nicht in einem Fahrzeug! Ich will keine Blicküberwachung, keinen "Hand nicht am Steuer" Piepser, keinen Gurtanlegegong. Ich will selbst entscheiden können, ob mein Auto nach Hause funkt. Ergo, Elektronik nur wo wirklich sinnvoll, ansonsten habe ich noch Handy und Pad, wenn ich Infos brauche. Sinnvoll wäre ein System, was mir im Winter zuverlässig den realen Grip zeigt, auch in der Frauenklasse. Gute Geräuschdämmung wäre Klasse, eine UV-C Luftsterilisation bei Air Condition Betrieb (die Dinger sind auch neu einfach Keimschleudern), Platz und Ablageflächen und keine airbagorgien (habe rechts nur noch 60% Sehkraft, als ein Airbag meine Brille in ein Geschoss verwandelte bei einem sehr kleinen Auffahrunfall). Gute Handyhalterung wäre wichtig, da mein Phone immer der bessere Navi ist und auch vor Gefahrenstellen durch Apps wie z.B. blitzer pro warnt. Ich will nicht
bastelwastel 12.04.2014
2.
Und wenn die noch soviel elektronischen Tüddel in ihre Autos einbauen. Im Kern werkelt eine Inovation des 19. Jahrhunderts. Mit einem einem lächerlich geringen Wirkungsgrad.
w650 12.04.2014
3. Freude am fahren
Der Autor fragt, ob wir das alles wirklich wollen, ich kann nur für mich sprechen, als Auto UND Motorradfahrer habe ich gerne lieber selbst die Kontrolle und nicht Google oder Apple. Ich möchte Kurven genießen und Alpenstrassen. Wenn ich in Südtirol eine Pizzeria brauche, dann suche ich mir eine aus und nicht der Computer. Last not least, je mehr elektronischer Schnickschnack, desto mehr kann kaputt gehn.
judasmüller 12.04.2014
4. . . . . .
toll, was in Zukunft alles möglich ist. Wenn das noch rechtzeitig vor meiner Pensionierung anläuft, werde ich mich mit einem Taxiunternehmen selbstständig machen. ;-)
tailspin 12.04.2014
5. Das ist bestimmt wieder so ein Government Projekt
Ich will auch lieber ein Auto mit moeglichst wenig Computer ohne eingebaute Hintertueren. Das geht solange gut, bis die NSA das Steuer uebernimmt, und missliebige Personen ganz unauffaellig in toedliche Unfaelle verwickelt. Siehe der Exitus des US regimekritischen Michael Hastings, der im Rolling Stone einen Artikel ueber den General Stanley Mc Chystal in Afghanistan brachte, "The Runaway General", der zu dessen Absetzung fuehrte. Hastings ist 2010 in LA nachts auf gerader Strasse in einem explodierenden Mercedes mit hoher Geschwindigkeit und ohne zu bremsen gegen einen Baum gefahren. http://nymag.com/news/features/michael-hastings-2013-11/
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.