Chipherstellung: Wie Intel sich selbst umbauen will

Von Thomas Schulz, San Francisco

Intel will nicht mehr bloß Chiphersteller sein, sondern die Zukunft der menschlichen Gesellschaft entwerfen. Auf einmal geht es nicht mehr nur um Rechenkraft, sondern um Photonik, Gehirn-Maschinen-Kommunikation und Bio-Sensoren.

Silicon Valley Blog: Intels Visionen von der Zukunft Fotos
Intel / Paul Sakuma

Jahrzehntelang hat das Geschäftsmodell von Intel so ausgesehen: Einen möglichst schnellen Chip bauen und den Software-Entwicklern überlassen herauszufinden, was damit möglich ist. Am Ende bekamen wir als User das Ergebnis einfach vorgesetzt. "Take it or leave it", wie die Amerikaner sagen.

Diese Zeiten aber sind offenbar vorbei. Der traditionelle Entwicklungsprozess in der Computerindustrie wird gerade auf den Kopf gestellt. Der Konsument gibt vor, was er will: Welche App, mit welchem Ziel, auf welchem Gerät. Die Software-Unternehmen suchen dazu die passende Anwendung. Intel muss zusehen, die passende Hardware zu liefern.

"So funktioniert die neue umgekehrte Welt, die unsere Entwicklung und Produkte bestimmt", sagt Justin Rattner. Er sollte es wissen. Rattner ist eine Ikone der Computerindustrie: Seit 1973 bei Intel, erst Chefingenieur heute Chefforscher und Chief Technology Officer des Chipherstellers. Rattner sagt, Intel befinde sich in einem "radikalen Wandel". Das Unternehmen gehe durch die "größten Veränderungen seit Jahrzehnten".

Für einen Moment bin ich irritiert von Rattners deutlichen Worten. Wir hatten uns zu einem Gespräch am Rande der jährlichen Intel Research Days im Intercontinental Hotel von San Francisco verabredet. Es sollte allgemein um Forschung und Entwicklung gehen, um neue Chips und Hardware. Normalerweise sind Vorstände großer Konzerne bei solchen Gelegenheiten äußerst vorsichtig, Verallgemeinerungen zur Gesamtstrategie zu machen.

Offenbar hat Rattner mir die Überraschung angesehen, denn er legt noch einmal nach. Intel sei bisher stets davon angetrieben gewesen, einfach die Technologie weiterzuentwickeln: Mehr Leistung, mehr Speicher, mehr Geschwindigkeit. Nun sei es an der Zeit, ein neues Denken in das Unternehmen zu bringen, in dessen Mittelpunkt neue Erfahrungen für den User stehen.

Rattner hat einige Kollegen mitgebracht, die präsentieren sollen, wie viel Zeit der Konzern inzwischen auf andere Dinge verwendet, als Chips kleiner und schneller zu machen. Sie sprechen von Bio-Sensoren in der Kleidung, intelligenten Auto-Schweinwerfern und "kontextbezogenen Algorithmen", die einen "personalisierten Datenfluss" herstellen sollen.

Wirklich futuristisch wird es, als Rattner einen "Functional Near Infrared Spectronometer" vorstellt: Ein auf dem Kopf getragenes elektronisches Sensorenband, das Gehirnaktivitäten aufzeichnet. Einsetzbar, so erproben es zumindest die Intel-Ingenieure, etwa im Straßenverkehr. Deuten die Gehirndaten darauf hin, dass der Fahrer unaufmerksam ist, wird er vom Bordcomputer gewarnt.

Das Projekt ist Teil einer Forschungsrichtung, die Intel ebenso vage wie verstörend "kognitive Konstruktion" nennt. "Wir sind ganz fixiert auf die Kommunikation zwischen Gehirn und Maschine", sagt Rattner. Das soll kokett sein, klingt stattdessen aber eher bedrohlich. Was für eine Zukunft ist das, in der ich mich nicht um die Weitergabe meiner persönlichen Daten, sondern die Verwendung meiner Gehirnaktivitäten sorgen muss?

Zumindest aber scheint mir das alles noch weit genug entfernt, hört sich nach Grundlagenforschung und Science-Fiction an. Aber Rattner widerspricht: "Die technologischen Sprünge werden immer größer und kommen in kürzeren Abständen."

Noch vor einigen Jahren etwa seien die Intel-Forscher ausgelacht worden, "extern wie intern", als sie begannen, mit optischen Mikrochips zu experimentieren. Dabei sind die Leiterbahnen nicht aus Metall und Daten werden nicht in Form von Elektronen weitergeleitet. Stattdessen werden Photonen in Lichtkanälen, sogenannten Lichtwellenleitern, durch das Silizium transportiert. Dadurch können Daten weitaus schneller übertragen werden.

"Das Ganze hat als verrückte Idee angefangen. Aber jetzt kann ich Ihnen einen Transceiver zeigen, der 100 Gigabyte in der Sekunde leistet", sagt Rattner. Er kündigt an: Schon nächstes Jahr sollen die optischen Chips in Massenproduktion auf den Markt kommen.

"Viele Menschen haben den Eindruck, der Fortschritt habe sich in den vergangenen Jahren beschleunigt. Das hat einen einfachen Grund: Es stimmt." Zunehmend sei nicht mehr die Technologie die Barriere - Rechenleistung, Geschwindigkeit - sondern die Vorstellungskraft der Entwickler.

Intel betreibt die zunehmende Expansion in immer neue Bereiche allerdings nicht aus reiner Forschungsbegeisterung. Die Umsätze des Chipherstellers sind in zuletzt drei Quartalen hintereinander zurückgegangen. Während immer mehr Smartphones und Tablets verkauft werden, sind die die weltweiten PC-Verkäufe in den ersten drei Monaten des Jahres laut den Marktforschern von IDC um 14 Prozent gefallen - der größte Quartalsrückgang seit Beginn der Statistik vor knapp 20 Jahren. Für Intel ist das ein doppeltes Problem. Denn wie auch andere alte Industriegiganten scheint Intel von der Tablet- und Smartphone-Revolution überrascht worden zu sein. Lange hing der Konzern bei mobilen Geräten hinterher, erst jetzt steigt der Marktanteil langsam.

In dieser neuen Welt spielen auch alte Loyalitäten keine große Rolle mehr. Das gilt nicht zuletzt für die einst so enge Verbindung mit Microsoft. Die neue Spielekonsole Xbox One läuft mit AMD-Chips, das Microsoft-Tablet zumindest teilweise mit Nvdia-Chips und die Mobilversion von Windows 8 ist für Smartphones designt, die mit Qualcomm-Chips arbeiten.

Die Konsequenz: Intel sei dabei seine "gesamte Produktentwicklungs-Strategie zu transformieren", sagt Rattner. "Das ist ein großes Unterfangen für ein Unternehmen mit über 100.000 Mitarbeitern. Und das geht nicht einfach über Nacht."

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1.
bubblegap 26.06.2013
Anstatt sich mit der Zunkunft auseinanderzusetzen, spielen die Dtl. High Tech Konzerne e.g. Telekom lieber BWL Spielchen.
2.
Grafsteiner 26.06.2013
Hört sich nach "1984" an. Der voll verdrahtete Mensch. Genau die richtigen Arbeitssklaven für jeden Staat, i in dem eine abgehobene Kaste regiert. Ich nehme an, die Projekte werden nicht nur gesponsert, sondern voll von den US-Geheimdiensten bezahlt. Das ist eine fürchterliche Entwicklung, die die USA unter Bush und Obama zu einem Geheimdienststaat mit Geheimgerichten genommen haben.
3.
pixelfleck 26.06.2013
Ich will auch so einen "intelligenten Auto-Schweinwerfern"! Der macht sich bestimmt gut auf der Motorhaube und man kann damit besser auf freilaufende Passanten zielen.....ersetzt m.E. den Mercedesstern.
4.
terminate_her 26.06.2013
Intel ist am Ende der Technologic Leadership, weil andere Mitstreiter inzwischen dieselbe Technolgie beherrschen. Durch den sich immer weiter verzögernden Technologiesprung Richtung EUV Lithographie haben die Konkurrenten gleichziehen können, damit hatte Intel noch vor wenigen Jahren NIE gerechnet. Dementsprechend hatte Intel massiv in EUV investiert, u.a. durch große Aktienkäufe bei ASML/NL und Cymer/USA, den EUV Litho Tool Entwicklern bzw. Herstellern, um diese Entwicklung zu beschleunigen und so den status quo zu erhalten, aber eben bis dato recht erfolglos. Als Investor bei Intel, ASML & Co. würde ich mir Sorgen um das Geld machen, denn diese Technologie ist Alles andere als eine sichere Bank. Um wirtschaftlich zu sein fehlt fast noch eine Größenordnung beim Wafer-Durchsatz. Das ist wedervon der Skalierbarkeit der als "gesetzt" ausgemachten Technologie machbar, noch von den Investmentmitteln im best-case (lineare Skalierung Durchsatz per $), nicht einmal im "Subventionsmodus".
5.
terminate_her 26.06.2013
Intel ist am Ende der Technologic Leadership, weil andere Mitstreiter inzwischen dieselbe Technolgie beherrschen. Durch den sich immer weiter verzögernden Technologiesprung Richtung EUV Lithographie haben die Konkurrenten gleichziehen können, damit hatte Intel noch vor wenigen Jahren NIE gerechnet. Dementsprechend hatte Intel massiv in EUV investiert, u.a. durch große Aktienkäufe bei ASML/NL und Cymer/USA, den EUV Litho Tool Entwicklern bzw. Herstellern, um diese Entwicklung zu beschleunigen und so den status quo zu erhalten, aber eben bis dato recht erfolglos. Als Investor bei Intel, ASML & Co. würde ich mir Sorgen um das Geld machen, denn diese Technologie ist Alles andere als eine sichere Bank. Um wirtschaftlich zu sein fehlt fast noch eine Größenordnung beim Wafer-Durchsatz. Das ist wedervon der Skalierbarkeit der als "gesetzt" ausgemachten Technologie machbar, noch von den Investmentmitteln im best-case (lineare Skalierung Durchsatz per $), nicht einmal im "Subventionsmodus".
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Zum Autor
  • Sarah Girner
    Thomas Schulz ist USA-Korrespondent des SPIEGEL, zunächst vier Jahre in New York, jetzt in San Francisco. Studium der Politikwissenschaften in Frankfurt und der Kommunikationswissenschaften in Miami, Fulbright-Stipendiat, Forschungssemester in Harvard. Anschließend mehrjähriges Intermezzo bei einem Frankfurter Internet-Start-up, erlebte dort Aufstieg und Fall der New Economy.

    Seit 2001 beim SPIEGEL im Ressort Wirtschaft. Ausgezeichnet mit dem Henri-Nannen-Preis, Holtzbrinck-Preis für Wirtschaftspublizistik, Reporter des Jahres.


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