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15. April 2013, 11:55 Uhr

Terminplanung

Online schneller zum Arzttermin

Von Thomas Schulz, San Francisco

Mit Sicherheit ganz oben auf der Liste der größten Zeitverschwendungen: Im Wartezimmer einer Arztpraxis zu sitzen. Stundenlang, gerne auch mal den ganzen Vormittag. Vor allem, wenn man ohne Termin auftaucht. Was oft der Fall ist, denn so ist das nun mal, wenn man krank wird: Meistens passiert es plötzlich.

"Kommen Sie vorbei, aber es kann dauern" gehört wahrscheinlich zu den am häufigsten verwendeten Sätzen jeder Praxishelferin am Telefon. Gefolgt von: "Wir haben da noch was in sechs Wochen", zu hören meist vom Spezialisten wie Röntgenärzten oder Kardiologen.

Lange war das hier in den USA nicht anders, aber seit einigen Jahren hat sich die Situation in vielen Großstädten grundlegend geändert. Zu verdanken ist das nicht etwa einer besseren Gesundheitsversorgung, sondern ZocDoc: einem Onlinedienst, der direkt mit den Terminkalendern von Arztpraxen verknüpft ist, so dass Patienten jederzeit in Echtzeit sehen können, welcher Arzt wann noch einen Termin frei hat - den sie dann mit einem Klick buchen können. Der Service ist für Patienten kostenlos, Ärzte zahlen 300 Dollar im Monat. Rund 2,5 Millionen Arzttermine werden jeden Monat so in 34 amerikanischen Großstädten gebucht.

Ich weiß nicht, wie viele Stunden mit alten Zeitschriften in muffigen Wartezimmern mir ZocDoc inzwischen erspart hat. Es gibt viele internetbasierte Dienstleistungen und Anwendungen, die einem das Leben erleichtern wollen, aber gegenüber den wenigsten empfinde ich echte Dankbarkeit für ihre Existenz. In der vergangenen Woche etwa musste ich wegen Nachwirkungen eines Sehnenanrisses im Handgelenk kurzfristig zum Orthopäden.

Von zahllosen Sportverletzungen als Jugendlicher weiß ich: Kurzfristig beim Sportarzt dran zu kommen, wenn einem nicht gerade das Bein abfällt, ist höchst unwahrscheinlich. Doch überhaupt kein Problem: ZocDoc zeigte mir alle freien Termine bei Orthopäden in der Umgebung von San Francisco an, sortiert nach Entfernung zu meinem Standort und Bewertung durch andere Patienten. Noch am gleichen Tag war ich beim Arzt - ohne Wartezeit. Ein anderer Patient hatte abgesagt, der frei gewordene Termin war sofort online und dann von mir gebucht worden.

Auch in Deutschland wird versucht, einen ähnlichen Service zu etablieren. Die Berliner Charité hat ein Start-up-Unternehmen mit dem gleichen Konzept gegründet. Unter doxter.de können bislang vor allem Zahnarzttermine in mehreren deutschen Großstädten gebucht werden.

Das Problem ist jedoch, eine kritische Masse von Ärzten zum Mitmachen zu bewegen. Für ZocDoc-Gründer Cyrus Massoumi war das viel Laufarbeit, fast zwei Jahre zog er mit einer Powerpoint-Präsentation seiner Idee durch New Yorks Arztpraxen - und wurde anfangs von vielen Medizinern abgewiesen.

Inzwischen haben sich die Vorteile aber so weit herumgesprochen, dass die meisten Praxen der Metropole bei ZocDoc vertreten sind. "Meine Arzthelferinnen müssen nicht ihre ganze Zeit am Telefon verbringen und Patienten Termine vorschlagen", sagte etwa Kamal Ramani, ein Allgemeinmediziner aus Manhattan, der "New York Times". "Unsere Praxis läuft für beide Seiten viel effizienter."

Das hat unter anderem auch Goldman Sachs überzeugt: ZocDoc erhielt von der Investmentbank 25 Millionen Dollar Anschubfinanzierung und wurde zuletzt mit rund 700 Millionen Dollar bewertet.

Health Information Technology, kurz HIT, ist auf jeden Fall ein schnell wachsendes Geschäftsfeld mit großen Chancen - für Unternehmen und Patienten. Aber es ist auch heikel. Meine sensiblen medizinischen Daten etwa will ich nicht, in welcher Form auch immer, als Gegenleistung für eine scheinbar kostenlose Dienstleistung vermarktet sehen.

Ich war erstaunt, als mein Hausarzt mir in der vergangenen Woche per E-Mail mitteilte, dass er jetzt auch mit einem gerade gestarteten neuen Webdienst namens Patient Fusion zusammenarbeitet. Auf den ersten Blick bietet Patient Fusion den gleichen Service wie ZocDoc. Nur: Das Unternehmen ist eine Tochterfirma von Practice Fusion, einem Unternehmen das nach eigenen Angaben medizinische Daten von 56 Millionen Patienten verwaltet und an Ärzte und Unternehmen im Gesundheitswesen vermarktet. Geld verdient Practice Fusion mit Werbung: Ärzte können kostenlos auf die Patientendaten zugreifen, bekommen dafür aber Anzeigen zu sehen - möglichst auch auf Grundlage der Patientendaten.

Finanziert wird Practice Fusion unter anderem von Peter Thiel, der auch Facebook aus den Startlöchern geholfen hat und jetzt hofft, die "medizinische Gemeinde genauso zu revolutionieren wie einst mit Facebook die sozialen Netzwerke". Ryan Howard, Chef von Practice Fusion, betont, dass Werbetreibende keinen Zugriff auf Namen von Patienten oder andere persönliche Informationen bekommen.

Aber es bleibt ein ungutes Gefühl und das Wissen um die Kehrseite all der schönen kostenlosen Onlinedienste: Irgendwie muss damit Geld verdient werden, und das funktioniert im Zweifelsfall am ehesten mit meinen Daten.

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